Nur die halbe Wahrheit: Die bayerischen Pläne für einen Islamunterricht

20.4.2021, 14:02 Uhr
Im bayerischen Landtag debattieren die Abgeordneten über die Einführung eines Wahlpflichtfaches Islamischer Unterricht an den Schulen. Er soll ab kommendem Schuljahr starten.

Im bayerischen Landtag debattieren die Abgeordneten über die Einführung eines Wahlpflichtfaches Islamischer Unterricht an den Schulen. Er soll ab kommendem Schuljahr starten. © Frank Rumpenhorst/dpa, NN

Es gibt sie noch, die politischen Kräfte, die alles, was irgendwie mit "Islam" zu tun hat, mit spitzen Fingern anfassen. Wer sich etwa offen für islamischen Religionsunterricht an staatlichen Schulen stark macht, darf ja wirklich nicht damit rechnen, im Wahlkampf-Geschäft einen echten Top-Seller zu landen. Die meist unscharfen Vorbehalte behindern derzeit einen echten Fortschritt bei der Entwicklung eines solchen Faches in Bayern.

In den nächsten Tagen wird im Landtag die Einführung eines flächendeckend Angebots an den Schulen zur Debatte stehen. Das ist immerhin schon mal ein Kleingewinn. Es hätte auch weniger sein können. Ein bekenntnisorientierter Religionsunterricht nach Vorbild der christlichen Kirchen ist das allerdings nach wie vor nicht. Es soll eine Art Ethik mit islamkundlichem Schwerpunkt werden.

Variante ohne Religion

Es gibt keine ernst zu nehmende Stimme, die den Wert eines vollwertigen Faches Religion an den Schulen des Freistaats bestreiten würde. Die weitgehend entreligionisierte Variante, die ab dem kommenden Schuljahr kommen soll, droht diesen Wert zu mindern. Akzeptanz bei muslimischen Familien ist ihr im Sinne eines "Besser als nichts" zu wünschen. Nach allem, was bisher bekannt wurde, ist die Akzeptanz in der islamischen Gemeinschaft aber eher unterkühlt bis eisig.


Neues Schulfach in Bayerns: Islamunterricht kommt flächendeckend


Das Münchner Kultusministerium signalisiert immer wieder: Man würde ja gerne mehr tun, aber es fehle auf islamischer Seite nun mal eine anerkannte Religionsgemeinschaft, die das Grundgesetz vorschreibt, um einen Religionsunterricht einzuführen, leider, leider. Der zu Neutralität verpflichtete Staat könne schließlich nicht die erforderliche kirchliche Struktur schaffen.

Das Ministerium entscheidet selbst

Das ist vollkommen richtig, aber nur die halbe Wahrheit. Denn niemand anderes als das Kultusministerium selbst entscheidet, ob eine Vereinigung die erforderlichen Merkmale einer Religionsgemeinschaft erfüllt. Sein Bedauern über das Fehlen eines Ansprechpartners spielt die ministerielle Bürokratie also nur. Sie allein hat es in der Hand, ob eine Lösung gefunden wird.

In den Schubladen des Ministeriums liegt schon seit Jahren ein Antrag der türkisch-islamischen Ditib auf Anerkennung als Religionsgemeinschaft. Unabhängig vom nicht ganz unberechtigtem Argwohn gegenüber Ditib wegen einer umstrittenen Nähe zum türkischen Staat gibt es keinen Grund, den Verband quasi unbefristet zappeln zu lassen.


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Und es bieten sich weitere muslimische Organisationen an. Zudem gibt es andere innovative Lösungen. Baden-Württemberg etwa hat eine Stiftung des öffentlichen Rechts ins Leben gerufen. Die bildet dort eine rechtlich tragfähige Basis für einen islamischen Religionsunterricht.
Bayern spielte in dieser Frage lange Zeit in der ersten Liga – ganz zu Recht. Jetzt droht ein selbstgewählter Abstieg.

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