Donnerstag, 14.11.2019

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Pizza mit Bohnen und König Artus’ klappernde Rüstung

Zwei German Girls in der Ferienschule an der Englischen Riviera - 17.08.2018 08:00 Uhr

Küstenwind und Augustsonne: Ausflug zum westlichsten Punkt Englands, der zerklüfteten Klippenlandschaft von Land’s End. © Susanne Thierfelder


Ich war 16 und beendete 2002 gerade die elfte Klasse und ich wollte lieber echte Ferien haben. Um mir das Ganze schmackhaft zu machen, riet mir meine Mutter, eine Freundin für die Sache zu gewinnen.

"Ja, klar, das wird Spitze!" Susi, eine meiner engsten Freundinnen, hatte tatsächlich große Lust, vier Wochen mit mir in einer Gastfamilie zu verbringen und jeden Tag in den Sommerferien die Schulbank zu drücken.

Es zog uns nach Torquay, eine an der Südküste in der Grafschaft Devon an der "Englischen Riviera" gelegene Stadt mit gut 63 000 Einwohnern und ordentlich englischem Flair. Letztlich ein perfekter Ort für die ersten vier Wochen ohne Eltern, ohne Geschwister.

Unter Strebern?

Wir konnten bereits Wochen vorher die große Freiheit riechen, die vor uns lag. Von Tag zu Tag wuchs unsere Aufregung, zwischen die sich aber viele wirklich dringende Fragen mischten: Landen wir in einem Harry-Potter-Schulhaus? Hängen mit uns nur Streber herum, deren Hemdkragen aus dem V-Ausschnitt eines Rauten-Pullunders spitzt? Wird das nicht eine Spießer-Teenager-Geschichte? Werden sich die vier Wochen zäh wie Kaugummi ziehen? Und: Wie werden unsere Gasteltern sein?

Wir flogen von Nürnberg nach London. Massenweise stiegen die Sprachschüler am Flughafen in Busse, die sie quer über die Insel verteilten. Einer davon brachte uns in die Geburtsstadt Agatha Christies, die auf der Insel als populärer Küstenerholungsort gilt und für ihr besonderes Klima berühmt ist. Wir tranken unseren ersten Zuckerwasser-Kaffee aus der Dose an einer Raststätte, versuchten, das erste (in unseren Ohren) Kauderwelsch einigermaßen zu verstehen und begriffen gleich in den ersten Stunden, noch im Bus, was es in England heißt, wenn sie davon sprechen, dass es Katzen und Hunde regnet.

Wir lebten in einem hübschen, typisch englischen Reihenhäuschen in einer Straße, die sich wie der Haken eines Kleiderbügels bog, gingen jeden Tag vorbei an fein säuberlich gemähten Vorgärten mit zarten Rosensträuchern und kamen nicht selten mit dem Linksverkehr in Konflikt. Wir gewöhnten uns an krude Zusammenstellungen zum Abendessen, mixten ein Viertel Pizza mit eingelegten weißen Bohnen und trockenen Nudeln und verbrachten viele Abende im Wintergarten mit unserem Gastvater, Eric, der meine Freundin Susi und mich offenbar als perfekte Nagelprobe für eigenen Nachwuchs betrachtete. Seine Frau Nathalie – beide waren Anfang 30 – betrachtete uns eher mit Argwohn und freute sich vor allem über die Finanzspritze, die sie durch uns "German Girls" erhielten.

Heute noch bin ich Eric dankbar für die vielen Talks, die wir hatten und die mir weit mehr Sprachvermögen und -fluss gebracht haben, als die Unterrichtsstunden voller Shakespeare-Englisch und -Analyse, die wir täglich vormittags und nachmittags absaßen. Unsere Schule glich übrigens eher einem Keller als dem Hogwarts-Internat – auch wenn die roten Backsteine etwas daran erinnerten.

Wir lasen "Romeo and Juliet", intonierten die blumigen Worte in kleinen Szenen vor der Klasse und schmachteten uns gegenseitig an. Wir sahen ältere und neuere Verfilmungen des Dramas, lösten Sprachbausteinaufgaben und übten den Unterschied zwischen Gerundium und Gerundiv, zwischen "will" und "going to". Auf dem Heimweg holten wir uns den einzig guten Kaffee im ersten Coffeeshop der Stadt und bestellten immer den stärksten, weil wir das dünne Pulvergemisch längst satthatten.

Wir streunten nachmittags in einem alten Antiquariat herum. Dort habe ich meine Sammlung schmucker, altenglischsprachiger Bücher begonnen. Mit dem graubärtigen Händler fachsimpelte ich – dank meinem Gastvater souverän im flüssigen Britisch – über Altmeister Shakespeare und Kafka. Dazu trank ich, erwachsen wie ich mich in diesen Wochen fühlte, meinen viel zu starken Mocca oder alternativ den nicht viel milderen Americano.

Viele Abende verbrachten wir mit ein paar anderen Deutschen aus unserem Kurs in urigen Pubs, probierten den Bier-Ausschank durch und sangen mit der Band lautstark mit, bis in Torquay um elf Uhr die Bordsteine hochgeklappt wurden. Wir machten Abstecher in die Ferienmeilen am Pier, sangen Karaoke in Malls und hüpften dort zu Musikvideos die Choreografien nach, bis wir völlig aus der Puste waren.

Wir reisten über die Insel, machten Ausflüge zur Landzunge Land’s End und zur Burgruine Tintagel Castle, wo der Sage nach König Artus gezeugt wurde. Über den hohen Klippen glaubt man zu spüren, wie der sagenumwobene König einst hier stand, auf das Meer blickte und der Küstenwind seine Rüstung zum Scheppern brachte.

In Dartmoor sah ich die Dinosaurier vor meinem geistigen Auge traben und grasen. "O schaurig ist’s, übers Moor zu gehn, wenn das Röhricht knistert im Hauche!", flüsterte mir Susi Droste-Hülshoff-Zeilen ins Ohr, als wir über moosige Baumstämme krabbelten und uns durch den Nebel kämpften.

Treueschwüre zum Abschied

Andrea Munkert, Jahrgang 1984, ist Redakteurin in der Service- Redaktion. © Stefan Hippel


Als wir zurück zu Hause waren, fühlten wir uns wie ausgesetzte Welpen, so sehr waren nicht nur Susi und ich zusammengewachsen, sondern auch wir als Gruppe. Wir malten uns gegenseitig Freundschaftsversprechen zum Abschied auf den Arm und schworen uns ewigen Kontakt. Na ja, ist dann doch nichts draus geworden.

Im Jahr darauf zog es Susi und mich nochmals gen England, diesmal nach Brighton. Doch dasselbe Gefühl wie bei unserer ersten Reise fanden wir nicht mehr – auch, wenn wir diesmal eine Gastmutter hatten, die uns im Auto, beim Frühstück und zu jeder Gelegenheit mit Céline Dion beschallte und dazu mitsang.

Andrea Munkert

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