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Schlechtes Gefühl vor dem Urlaub? Wie man die Flugscham lindert

Kurz vor den Sommerferien flammt die Diskussion bundesweit erneut auf - 25.07.2019 06:00 Uhr

Wer diesen Sommer in den Urlaub fliegt, tut das vielleicht nicht mehr mit ganz so reinem Gewissen wie in den vergangenen Jahren. Seitdem Schüler aus ganz Europa freitags für mehr Klimaschutz und für faire Zukunftschancen demonstrieren, seit das Gefühl der "Flygskam" von Schweden herübergeschwappt ist, ist auch vielen Deutschen noch bewusster geworden: Ich ganz persönlich trage mit meinem Verhalten zum Klimawandel bei.

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Auf Fernreisen – oder auch auf Businesstrips – zu verzichten, fällt uns trotzdem schwer. Deshalb kompensieren manche Flugpassagiere (wobei das auch bei Autoreisen oder Kreuzfahrten möglich ist) die entstehenden Treibhausgasemissionen: Sie bezahlen Dienstleister, die für sie andernorts Klimaschutzmaßnahmen finanzieren und damit rein rechnerisch die gleiche Menge an CO2 vermeiden. Auch wenn Kritiker darin eine Art "Ablasshandel" sehen, sind Befürworter sicher: kompensieren ist besser als gar nichts zu tun. Worauf man dabei achten sollte.

Wie funktioniert die Kompensation?

Einfach, zumindest für Flugpassagiere. Auf den entsprechenden Internetseiten (siehe unten) gibt man die Zahl der Reisenden ein, den Start- und Zielflughafen und ob es sich um Hin- und Rückflug oder nur um einen One-Way-Flug handelt. Teilweise können (müssen aber nicht) zusätzliche Informationen wie Business- oder Economy-Class, Linie oder Charter und sogar der Flugzeugtyp angegeben werden.

Aufgrund der Entfernung in Kilometer und des Kerosinverbrauchs wird dann automatisch berechnet, wie viel Kohlenstoffdioxid (CO2) entsteht und wie viel davon auf den einzelnen Passagier entfällt. Andere Treibhausgase werden meist in CO2-Äquivalente umgerechnet, um die klimaschädigende Wirkung vergleichbar zu machen. Der Preis pro Tonne CO2 ist von Anbieter zu Anbieter unterschiedlich.

Welche Anbieter gibt es?

Viele, die zudem teils recht unterschiedlich kompensieren. In Deutschland dürfte Atmosfair (www.atmosfair.de) am bekanntesten sein. Die gemeinnützige GmbH aus Bonn wurde 2005 gegründet, einziger Gesellschafter ist laut eigenen Angaben die Stiftung Zukunftsfähigkeit. Hervorgegangen ist Atmosfair aus einer Initiative des Verbandes "forum anders reisen" und der Umwelt- und Entwicklungsorganisation Germanwatch.

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Daneben gibt es etwa den schon seit 1991 aktiven Anbieter Primaklima (www.primaklima.org). Der gemeinnützige Verein kümmert sich vor allem um Aufforstung und Waldschutz. Oder auch Klima-Kollekte (www.klima-kollekte.de), ein "kirchlicher Kompensationsfonds", hinter dem unter anderem die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), das katholische Hilfswerk Misereor und die Caritas stehen.

Diese drei Anbieter erhielten vergangenes Jahr von der Zeitschrift Finanztest das Gesamturteil "Sehr gut". Dabei wurden die Qualität der Kompensation, aber auch Transparenz und Kontrolle bewertet. Ein "Gut" bekam Myclimate Deutschland (www.myclimate.org/de), eine gemeinnützige Tochter einer gleichnamigen Schweizer Stiftung.

Nur als "ausreichend" wertete Finanztest die Anbieter Klimamanufaktur (www.die-klimamanufaktur.de) und Arktik (www.arktik.de). Beide sind nicht gemeinnützig. Seit kurzem bietet auch die Jesuitenmission mit Sitz in Nürnberg die Kompensation an (www.jesuitenmission.de/co2rechner).

Wie viel kostet das?

Das kommt auf den Anbieter an. Für einen Flug in der Economy Class von Nürnberg nach Antalya – die türkische Küstenstadt war 2018 laut Flughafen Nürnberg das am häufigsten angesteuerte Ziel der von Franken aus startenden Fluggäste – und von dort zurück nach Nürnberg werden etwa von Atmosfair im Airline-Durchschnitt 726 Kilogramm CO2 veranschlagt (was laut dem Anbieter fast ein Drittel des "klimaverträglichen Jahresbudgets eines Menschen" ausmacht).

Die vollständige Kompensation kostet 17 Euro, zahlbar per Bankeinzug, Überweisung, Kreditkarte oder Paypal. Der Konkurrent Klima-Kollekte setzt die CO2-Äquivalent-Menge hingegen mit 1,2 Tonnen an, dafür werden hier 27,60 Euro fällig. Die gleiche CO2-Menge berechnet auch Primaklima, hier beträgt die Ausgleichssumme aber nur 18 Euro.

Was passiert mit dem Geld?

Im Allgemeinen finanzieren die Anbieter damit – neben ihren Verwaltungskosten – Klimaschutzprojekte, oft in Entwicklungsländern. Atmosfair fördert beispielsweise Windräder in Nicaragua, Solarheizungen in einem südafrikanischen Armenviertel und sparsame, saubere Kochöfen in Nigeria, Äthiopien oder Indien. Solche Kochstellen hat auch Klima-Kollekte im Angebot, zudem werden Biogas-Anlagen und Solarlampen für indische Kleinbauern oder Photovoltaikanlagen in Myanmar finanziert.

Primaklima setzt hingegen auf Wald und unterstützt Neupflanzungen von Bäumen im bolivianischen Regenwald oder in Uganda, hilft aber auch Schulen in Deutschland, Misch- oder Laubwälder anzulegen. Die Jesuitenmission aus Nürnberg finanziert Aufforstung in Indien und Kambodscha.

Was sagen Experten?

Die Bewertung fällt unterschiedlich aus. Prinzipiell betonen alle: Am besten ist es, gar nicht erst ins Flugzeug zu steigen. "Geben Sie der Vermeidung von Treibhausgasemissionen Vorrang vor deren Kompensation", sagt etwa das Umweltbundesamt, eine Behörde im Geschäftsbereich des Umweltministeriums. Falls es aber nicht anders geht, solle man bei der Kompensation auch ein wenig auf die Details achten: "Die Treibhausgasemissionen sollten realistisch berechnet und die Klimaschutzprojekte von hoher Qualität sein." Seriöse Anbieter lassen ihre Projekte etwa häufig nach dem internationalen "Gold Standard" zertifizieren.

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Das erkennt auch Professor Ralf Bogdanski von der Technischen Hochschule Nürnberg an. Ansonsten ist der Senator der Fakultät Betriebswirtschaft, der zu Ökobilanzierung und grüner Logistik forscht, eher ein Kritiker der Kompensation. Er vermisst Transparenz und den wissenschaftlichen Nachweis, dass in Deutschland freigesetztes CO2 wirklich in weit entfernten Ländern vollständig kompensiert werden kann.

 

Gerade beim Handel mit CO2-Zertifikaten gebe es oft eine große Preisspanne zwischen Ein- und Verkauf. "Da ist ein Markt entstanden", so Bogdanski. Das Geld der Flugpassagiere fließe nicht vollständig in die armen Länder, sondern finanziere auch die Kosten für Verwaltung, Werbung und – zumindest bei nicht gemeinnützigen Anbietern – den Gewinn.

Atmosfair und Co. betonen aber, dass die Klimaschutzprojekte ohne ihre Finanzierung nicht stattfinden könnten. Es würden also durch die Kompensation tatsächlich CO2-Emissionen vermieden. Bogdanski bleibt dennoch dabei: "So richtig sein Gewissen freikaufen kann man mit all diesen Maßnahmen nicht." Den Vergleich mit dem Ablasshandel, bei dem verängstigten Gläubigen zu Beginn der Neuzeit versprochen wurde, sie könnten durch Geldzahlungen an die Kirche dem Fegefeuer entgehen, hält der TH-Forscher für "treffend".

Sein Kollege Professor Markus Beckmann sieht das etwas anders. Er hat den Lehrstuhl für Corporate Sustainability Management an der Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg inne. Zwar könne der Vorgang, vor allem wenn er mit wenigen Klicks möglich ist und nicht zum Nachdenken über das eigene Verhalten anregt, vielleicht an den Ablasshandel erinnern. Andererseits gehe diese Kritik aber auch "an der Realität vorbei". Denn seriöse Anbieter wollten die Nutzer bewusst zu nachhaltigem Konsum befähigen, indem sie den individuellen Einfluss aufs Klima aufzeigten.

Beckmann selbst hat sich, so erzählt er, deshalb schon gegen die Teilnahme an wissenschaftlichen Konferenzen entschieden, weil ihm beim Eingeben der Flugdaten klargeworden sei, wie viel CO2 dadurch entstehen würde – für drei Tage Austausch mit den Kollegen wären durch die Reise mehr Treibhausgase angefallen als eine vierköpfige Familie in Indien im ganzen Jahr verursacht.

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Zudem, so Beckmann, habe der frühere Ablasshandel nur "ein gutes Gefühl verkauft", ohne tatsächlich etwas zu bewirken. Das sei bei der Kompensation "extrem anders". Es gehe darum, möglichst viel CO2 und andere Treibhausgase einzusparen – und da sei mit wenigen Euro in Entwicklungsländern mehr möglich als in Deutschland. "Die Beträge sind relativ klein, aber die Wirkung ist relativ groß."

Fazit

Ganz ohne schlechtes Gewissen in die Ferien zu fliegen, das ist wohl auch dann nicht möglich, wenn man die verursachten Treibhausgase bei einem seriösen Anbieter ausgleichen lässt. Vorrang hat nach Einschätzung von Wissenschaftlern und Umweltschützern die Vermeidung von Emissionen – was für den Wanderurlaub vor der Haustür spricht. Wenn es aber doch die Fernreise sein muss, dann sind ein paar Euro mehr für die CO2-Kompensation allemal drin. 

Daniel Hertwig

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