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Montag, 14.10.2019

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Schüsse in Halle: "Wissen nicht, aus welcher Richtung Bedrohung kommt"

Verunsicherung auch in der Israelitischen Kultusgemeinde in Nürnberg - 09.10.2019 18:41 Uhr

In Nürnberg positionierten sich schwerbewaffnete Polizisten vor einem Senioren- und Pflegeheim der Israelitischen Kultusgemeinde. © News5/Friedrich


Herr Hamburger, welche Gedanken gehen Ihnen durch den Kopf, wenn Sie Nachrichten wie aus Halle bekommen?

Jo-Achim Hamburger: An so einem Tag kommt einiges zusammen, gerade wenn man die Ereignisse der letzten Wochen mit einbezieht. Da spaziert ein Syrer mit einem Messer in eine Synagoge und murmelt etwas von "Juden töten" – und wird am nächsten Tag freigelassen. Es kommt ein ungutes Gefühl auf, wenn Leute ungestraft auf offener Straße sagen dürfen, dass Juden keine Menschen sind oder beispielsweise der Auftritt eines Rappers mit antisemitischen Texten in Berlin erst in letzter Sekunde gestoppt werden kann. Antisemitische Äußerungen sind im Internet allgegenwärtig. Das gibt uns zu denken.

Jo-Achim Hamburger leitet die Israelitische Kultusgemeinde in Nürnberg. © Horst Linke


Vermuten Sie in Halle einen antisemitischen Hintergrund?

Hamburger: Ich möchte mich ungern an Spekulationen beteiligen. Wir müssen warten, bis sich der Nebel lichtet. Was auch immer bei den Ermittlungen herauskommt, die Ereignisse sind besorgniserregend.

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Wie schätzen Sie die aktuelle Lage in Deutschland ein?

Hamburger: Es ist eine Atmosphäre entstanden, die wir gar nicht mehr so recht einschätzen können. Wir wissen nicht, aus welcher Richtung die Bedrohung kommt. Das macht es schwierig, weil man nicht weiß, wie man sich verhalten soll. Wir werden natürlich geschützt – aber die sogenannte Normalität existiert nicht.

Wie fest ist Ihrer Einschätzung nach der Kampf gegen Antisemitismus in der Öffentlichkeit verankert?

Hamburger: Das ganze – entschuldigen sie den Ausdruck – Antisemitismus-Geschwafel ist reine Fassade, wenn wir nicht reagieren. Ich bin ein wenig enttäuscht, dass nicht mehr Leute aufstehen. Es stehen die Leute auf, die selbst bedroht werden. Im Hinblick auf Parteien, Verbände, Friedensinitiativen kann man nur sagen: Still ruht der See.

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Wünschen Sie sich mehr Solidarität?

Hamburger: Wir wünschen uns, dass sich mehr Leute wehren. Antisemitismus ist nicht nur ein Problem der Juden, sondern der ganzen Gesellschaft. Wo Antisemitismus vorherrscht, werden die Grundfesten unserer Demokratie und unserer Freiheit erschüttert. Ich verstehe nicht, dass die Leute nicht begreifen, dass jeder Angriff auf Minderheiten ein Angriff auf alle ist. Die Deutschen waren schon einmal gleichgültig gegenüber dem, was passiert ist. Wegschauen bringt genau das, was wir aus der Geschichte kennen.

"Solche Ereignisse sind nicht zu verhindern"

Wie stellt sich die Lage in Nürnberg dar – gibt es Drohungen oder gar Vorfälle?

Hamburger: Wir kriegen verstärkt Briefe von offensichtlichen Neonazis mit geradezu pornografischen Beschimpfungen. Ansonsten versichert uns die Polizei, dass die Gefährdungslage in Nürnberg nicht existent sei. Wenn sich aber jemand, der zuvor unter dem Radar geblieben ist wie in Halle, einen Overall anzieht und mit einer Waffe loszieht, kann auch ein Polizist nichts ausrichten. Solche Ereignisse sind nicht zu verhindern.

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Die Einschätzung der Polizei ist das eine. Wie sieht es mit der gefühlten Bedrohung aus?

Hamburger: Man macht sich trotzdem Sorgen. Gerade wenn es einen solchen Vorfall gibt, fühlt man sich bedroht. Vielleicht nicht in der U-Bahn, da man Menschen jüdischen Glaubens nicht an ihrem Aussehen erkennen kann – außer vielleicht den Rabbi. Es ist ein Gefühl, das man nicht beschreiben kann.

Gibt es in Nürnberg besondere Schutzmaßnahmen an der Synagoge?

Hamburger: Ohne ins Detail zu gehen – wir haben die Sicherheitsmaßnahmen ergriffen, die uns von Bundeskriminalamt, Landeskriminalamt und Innenministerium empfohlen wurden. Hundertprozentige Sicherheit kann es aber nie geben.

Finden die Feierlichkeiten zu Jom Kippur dennoch statt?

Hamburger: Natürlich geht es weiter. Den Verbrechern wird es nicht gelingen, unser Leben aufzuhalten. Sonst hätten sie ihr Ziel erreicht.

Fragen: Maja Kolonic

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