Studie: Warum Flüchtlinge nach Deutschland kommen

6.6.2017, 05:39 Uhr
Flüchtlinge schätzen die Toleranz in Deutschland. (Symbolbild)

Flüchtlinge schätzen die Toleranz in Deutschland. (Symbolbild) © Sebastian Kahnert, dpa

Die Autoren haben knapp 800 Flüchtlinge befragt aus Syrien und dem Irak, aus Afghanistan und Eritrea. Sie alle waren im vergangenen Jahr hierher geflohen, der politischen, ethnischen oder religiösen Unruhen in ihren Heimatländern wegen. Sie sind, so erzählten fast alle es den Wissenschaftlern, auf der Suche nach Frieden; sie setzen auf die politische Stabilität der Bundesrepublik, auf die Religionsfreiheit, auf Sicherheit. Weit weniger wichtig sind ihnen zunächst das Bildungssystem, die soziale Sicherheit, die wirtschaftliche Stärke des Landes.

Jedenfalls spielten sie bei der Auswahl des Ziellandes nur eine untergeordnete Rolle. Das liegt auch daran, dass vor allem bei den Flüchtlingen aus Syrien und aus dem Irak das Bildungsniveau vergleichsweise hoch ist - bei jener Flüchtlingsgruppe also, die die deutliche Mehrzahl stellt. Die Zahl der Analphabeten ist niedrig, die der Studenten und Akademiker dagegen hoch auf annähernd deutschem Niveau. Auf Afghanistan trifft das nur teilweise zu; dort sind die Biografien gebrochen, auch der politischen Entwicklung wegen. Für Eritrea gilt Ähnliches.

An ihrer Motivation ändert das wenig. Die Mehrheit derer, die gekommen ist, will auch bleiben. Unter den syrischen Flüchtlingen will immerhin ein knappes Viertel nach Hause zurückkehren, wenn das Land jemals befriedet sein sollte. Unter den afghanischen Flüchtlingen denkt nur jeder zehnte daran. Folgerichtig wollen die meisten einen Deutschkurs absolvieren, wenn sie es nicht schon getan haben, hoffen sie darauf, dass sie hier eines Tages einen Beruf erlernen oder in ihrem alten Job wieder arbeiten können.

Jung und männlich

Wesentlichen Einfluss darauf haben Alter und Familienstand. Vor allem die Afghanen, aber auch die Flüchtlinge aus Eritrea sind jung und männlich. Die Syrer dagegen sind etwas älter, wenn sie sich auf den Weg machen und aus ihrer Heimat fliehen. Und sie fliehen mit ihren Angehörigen. Das verändert die Perspektive, offensichtlich in vielerlei Hinsicht.

So haben die Forscher festgestellt, was sich in vielen Untersuchungen zeigt: Junge Menschen sind in ihren Positionen radikaler, ältere abgeglichener. Dass etwa die Gebote der eigenen Religion wichtiger seien als die Gesetze des Staates, halten knapp vier Fünftel der übrigens weit überwiegend christlichen Eritreer für richtig und etwa zwei Drittel der Afghanen – beide Gruppen bestehen fast nur aus jungen bis sehr jungen Männern.

Syrer und Iraker dagegen, älter, verheiratet und mit Kindern, dagegen lehnen den Satz zu knapp drei Vierteln klar ab. Nach Ansicht der Forscher zeigt die Befragung aber auch, dass die Flüchtlinge die neu gewonnene Freiheit in einem toleranten Deutschland schätzen. Sie fühlten sich nicht mehr gefangen in einem religiös-fundamentalistischen System.

Dass Jungen und Mädchen gleich gut ausgebildet sein sollen, dass Männer und Frauen ihren Lebenspartner selbst aussuchen sollen, finden fast alle richtig; dass Frauen sich stärker um die Familie als um den Job kümmern müssten, lehnt im Schnitt jeder zweite Befragte ab. Die Lebenswirklichkeit der Frauen unter den Flüchtlingen sieht allerdings dramatisch anders aus: Ihr Bildungsstand ist deutlich niedriger, die Zahl der Analphabetinnen deutlich höher; die Zahl der Frauen ohne jede Joberfahrung ist es ebenfalls. Viele Frauen hoffen deshalb auf eine Zukunft in Deutschland, auf einen positiven Effekt einer modernen Gesellschaft für ihr Leben.

Bessere Ausbildung

Doch die Wirklichkeit deckt sich kaum mit den Erwartungen der Flüchtlinge. Sie kennen die rechtlichen Grundlagen nicht; ihre Ausbildung entspricht bei weitem nicht hiesigen Standards; ihr Bildungsniveau und ihre Deutschkenntnisse sind mäßig. Für Sonja Haug, Autorin der Studie, und Ursula Männle, Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung, sind die Folgerungen deshalb zwingend: Der Staat müsse noch mehr Geld in die Integration investieren, in Sprachkurse, in die Ausbildung der jungen Flüchtlinge. Denn sie seien hoch motiviert.

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