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Trotz Waffenruhe: 78 Tote nach russischen Luftangriffen in Idlib

Die syrische Stadt gilt als Rebellenhochburg - 26.10.2020 21:25 Uhr

Bei den Bombardements eines Militärlagers seien zahlreiche mit der Türkei verbündete Rebellen getötet und weiter verletzt worden.

26.10.2020 © Anas Alkharboutli, dpa


Es ist der offene und bisher wohl schwerste Bruch einer eigentlich geltenden Waffenruhe in Idlib: Bei russischen Luftangriffen im Nordwesten Syriens sind nach Angaben von Aktivisten mindestens 78 mit der Türkei verbündete Rebellen getötet worden. Rund 100 weitere seien bei den Bombardements eines Militärlagers verletzt worden, teilte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Montag mit. Viele der Verwundeten schwebten in Lebensgefahr. Am Himmel waren russische Kampfflugzeuge zu sehen.

Russische Jets griffen demnach die 2014 gegründete islamistische Miliz Failak al-Scham an, die mit der Türkei verbündet ist. Die Bombardements trafen ein Ausbildungslager der Miliz nahe dem syrischen Ort Harim unweit der türkischen Grenze. In den kommenden Tagen sollten dort rund 150 Kämpfer ihre Ausbildung abschließen. Auf Videos, die Minuten nach dem Angriff zeigen sollen, waren in Decken gehüllte Leichen zu sehen.

Rebellen drohen mit Angriffen

Der Sprecher des Rebellenbündnisses Nationale Befreiungsfront (NLF), der Failak al-Scham angehört, nannte die Angriffe auf das Ausbildungslager eine "klare russische Botschaft" und einen deutlichen Verstoß gegendie geltende Waffenruhe. Die NLF habe als Reaktion Stellungen der syrischen Regierungstruppen und russischer Kräfte mit Raketenwerfern angegriffen. Weitere Angriffe würden folgen, sagte der NLF-Sprecher Mustafa Nadschi.

Auch die staatliche türkische Nachrichtenagentur Anadolu berichtete unter Berufung auf militärische Quellen bei den syrischen Rebellen von dem Angriff und sprach von "zahlreichen" Opfern. Die Regierungen in Moskau und Ankara äußerten sich zunächst nicht. Russland unterstützt in Syrien den Präsidenten Baschar al-Assad, die Türkei dagegen Rebellen.

Idlib ist nach neun Jahren Bürgerkrieg in Syrien die letzte Rebellenhochburg, die Regierungstruppen mit Unterstützung Russlands auch nach mehreren Offensiven nicht erobert haben. Wichtigste Miliz dort ist die Al-Kaida-nahe Haiat Tahrir al-Scham. Die Türkei hat in Idlib militärische Beobachtungsposten installiert und unterstützt diverse Milizen. Zudem hat die Türkei Grenzgebiete in Nordsyrien besetzt und dort die Kurdenmilizen vertrieben. Kurdische Kräfte beherrschen immer noch mit Unterstützung der USA den Nordosten Syriens. Ein Großteil der syrischen Bevölkerung lebt aber wieder im Herrschaftsbereich von Präsident Baschar al-Assad.

Die Lage hatte sich eigentlich entspannt gehabt

Seit Anfang 2019 wurden 1,4 Millionen Menschen durch die Kämpfe in Idlib vertrieben. Die Türkei hat bereits mehr als 3,6 Millionen Flüchtlinge aus Syrien aufgenommen und will verhindern, dass weiter Menschen aus dem Nachbarland über die Grenze fliehen. Sie rekrutierte in Idlib auch Kämpfer für den Einsatz in Libyen.

Die Angriffe sind der direkte und wohl schwerste Bruch einer Waffenruhe, auf die Russlands Präsident Wladimir Putin und der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan sich im März für Idlib verständigt hatten. Seitdem hatte es zwar einige kleinere Verstöße gegeben, die Lage hatte sich aber insgesamt entspannt.

Die Türkei und Russland liegen in mehreren Konflikten über Kreuz. Im Konflikt um die Region Berg-Karabach etwa unterstützt Ankara Aserbaidschan, Moskau dagegen ist Schutzmacht Armeniens. In Libyen steht die Türkei auf Seite der international anerkannten Regierung von Ministerpräsident Fajis al-Sarradsch, dessen Gegenspieler Chalifa Haftar wird unter anderem von Russland unterstützt. Bislang haben Putin und Erdogan trotz unterschiedlicher Positionen aber auch eine Gesprächsebene gefunden und eine direkte Konfrontation vermieden.


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dpa

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