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Warum die Zuliefererkrise Bayern nicht in den Abgrund reißen wird

Fränkische Unternehmen hart getroffen - In anderen Branchen läuft es glänzend - 22.01.2020 15:36 Uhr

Das Zusammentreffen von Konjunkturschwäche und Strukturwandel macht der Autoindustrie zu schaffen. Bayern ist besonders stark betroffen. © Jan Woitas


Erst an diesem Mittwoch hat es Ralf Holtzwart, Chef der Regionaldirektion Bayern der Bundesagentur für Arbeit, wieder formuliert: "Die Arbeitslosigkeit in Bayern wird 2020 weiter steigen." Überraschend scheint das nicht angesichts der vielen Meldungen über Stellenstreichungen in der Autozulieferbranche, die auch die Region hart treffen.

Für viele, die angesichts dessen Krisenszenarien herbeireden, dürfte allerdings etwas anderes sehr wohl überraschend sein: Holzwart sieht keine Krise. "Krise ist ein großes Wort", sagt er - und erklärt auch warum: Die Zahl der Beschäftigten wird auch 2020 wachsen, und zwar um 45.000 - während die Arbeitslosigkeit nach der jüngsten Prognose lediglich um 4000 Menschen zunehmen wird. Eine geringe Zahl angesichts von 5,8 Millionen Beschäftigten in Bayern. Auch die Kurzarbeit - ein wichtiger Krisenindikator - ist trotz einer Steigerung auf einem Niveau, das nicht vergleichbar ist mit dem der Finanzkrise 2009.

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Diese nüchternen Zahlen rücken das Bild, das in Teilen der Öffentlichkeit entstanden ist, also wieder gerade: Ja, eine Branche steckt in echten Schwierigkeiten, aber nein, deswegen brechen auf dem Arbeitsmarkt als Ganzes keine Krisenzeiten an. Das hat vor allem damit zu tun, dass es in den meisten Branchen gut läuft und manche regelrecht boomen: Kommunikation, Informatik, Gesundheitswesen - dort werden massenhaft Jobs geschaffen.

In der Tat hilft das den Menschen, die von den Entlassungen der Zulieferbranche betroffen sind und die sich nun Sorgen um die Zukunft machen, wenig. Was ihnen aber ebenso wenig helfen wird, sind die Wortmeldungen mancher Lobbyvertreter und Politiker, die einfache Erklärungen für die Probleme haben.

Wer wahlweise die Grünen oder die "Fridays for Future"-Bewegung für die Stellenstreichungen verantwortlich macht, hat zwar schnell einen Schuldigen gefunden, wird der Realität aber nicht gerecht: Denn die Probleme der Autoindustrie haben mehr mit der Nachfrageschwäche auf den wichtigen Exportmärkten, allen voran China, zu tun als mit der deutschen Klimapolitik. Man mag (zurecht) die vorschnelle Festlegung auf Elektromobilität kritisieren - doch es ist nicht bloß Deutschland, das in schnellen Schritten vom Verbrennungsmotor Abschied nimmt.

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Den Wandel annehmen statt ihn zu verleugnen

Zu glauben, die Branche könne einfach so weitermachen, wenn bloß die Klimaaktivisten Ruhe gäben, und entsprechende Forderungen aufzustellen, ist angesichts dieses Zusammentreffens von Konjunkturschwäche und Strukturwandel also verschwendete Zeit. Zeit, die man dringender dafür nutzen sollte, eine sachliche Debatte darüber zu führen, womit Zulieferbetriebe, die am Verbrennungsmotor hängen, in fünf oder zehn Jahren Geld verdienen wollen.

In erster Linie sind hier freilich die Betriebe selbst gefragt - kluge Köpfe haben sie zweifellos. Gefordert ist aber auch die Politik - sie kann mit gezielter Technologie-Förderung die Grundlage für zukünftigen wirtschaftlichen Erfolg legen. Dass der Freistaat Bayern 225 Millionen Euro für den Transformationsprozess in die Hand nimmt, ist deshalb der richtige Ansatz - und ein wichtiges Signal, dass die Sorgen der in der Branche beschäftigten Menschen ernst genommen werden. Den Wandel entschlossen anzunehmen statt ihn verleugnen zu wollen - das ist das Gebot der Stunde.

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