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Wie man es schafft, in vollen Zügen ein freies Abteil zu verteidigen

Anrüchige Tricks, billige Quartiere, exzessive Fahrten quer durch Europa: Mit dem Interrail-Ticket ließ sich der Kontinent sehr günstig erfahren - 24.08.2018 08:00 Uhr

Von Fürth in die weite Welt: Dreimal machte sich unser Autor (im Bild links) mit dem Interrail-Ticket auf. Zusammen mit Manfred Kammerbauer ging es quer durch Europa. © Alexander Jungkunz


440 Mark kostete die Karte damals. Und wir versuchten, während der vier Wochen auf Tour nicht viel mehr auszugeben als noch mal diese Summe. Interrail, das war immer auch der Versuch, möglichst günstig zu reisen - und das Ticket möglichst intensiv bis exzessiv zu nutzen. Freunde waren da mehr im Zug als in Städten. Fuhren nachts hunderte von Kilometern erst in die eine Richtung, stiegen irgendwo aus - und zurück in die andere Richtung: wieder eine Übernachtung gespart. Und die Strecken, die manche abratterten, gingen vom Nordkap bis Marokko (auch da galt das Ticket).

Dreimal unterwegs

Ganz so heftig waren wir nicht unterwegs. Dreimal kaufte ich mir eine Interrailkarte. 1982, nach dem Abi, machten wir uns zu dritt auf nach Frankreich und Italien. 1983 und 1984 waren wir zu zweit unterwegs, ein Schulfreund und ich, einmal Richtung Spanien und Portugal, dann über Ungarn und das damals noch existierende Jugoslawien nach Griechenland.

Mit leichtem Gepäck. Das aber trotzdem bald schwer wurde beim Marsch vom Hauptbahnhof zum (noch nicht gefundenen) Quartier. Denn so ergonomisch durchgestylt wie heute waren die Rucksäcke damals nicht. Sie hatten Alu-Gestelle, die rasch in den Rücken drückten. Unten dran die Iso-Matte, zusammengerollt, um notfalls oder aus Abenteuerlust auch mal am Atlantikstrand unter freiem Himmel zu übernachten (nicht sehr empfehlenswert, weil’s da Ende September doch sehr frisch wird nach Mitternacht).

Im Rucksack selbst: das Nötigste. Ein paar Klamotten, Rei in der Tube, ein paar Reiseführer und, ja, ein Kursbuch mit den Zugverbindungen. Denn ein Smartphone, das uns all das per App geboten hätte, gab’s natürlich noch nicht.

Auch dabei: der Jugendherbergsschlafsack, ein beiges Stoff-Ungetüm. Nervig, aber ab und an dann doch recht nützlich. Denn wer spart, steigt nicht im Hotel ab. Sondern übernachtet eben entweder gleich im Zug. Oder lässt sich auf bisweilen dubiose Unterkünfte ein. Und landet dann in Paris in einem Etablissement, das – wie wir erst allmählich merkten – in der Regel eher für Stunden als für Nächte vermietet wurde; die falschen Wimpern im Nachtkästchen waren nur ein Indiz. Gemütlicher war es da in Untermiete bei einem Metzger in Budapest, der sein Wohnzimmer in der Saison freiräumte für Reisende. Oder in einem winzigen Häuschen in Lagos an der Algarve in Portugal. Auch dort hatten die Besitzer Platz gemacht für Billigurlauber, wir nächtigten eher in einer Art Verschlag als einem Zimmer, die Dusche war im (und dort direkt über dem) Klo.

Baguette, Käse, Rotwein

Wir blieben, anders als die Interrailer auf Rekordjagd, oft mehrere Nächte in einer Stadt. Der Rucksack stand dann im Quartier, wir machten uns mit dem etwas peinlichen Brustbeutel für Papiere und Geld (bald mischten sich da die Währungen in der Zeit vor dem Euro) auf. Ernährungsberater würden verzweifeln beim Blick auf unser Ess-Verhalten: Vier Wochen lang von Baguette, Käse und Rotwein leben – doch, das geht schon. Bleiben wir bei Währungen und beim Essen: In Budapest gönnten wir uns am letzten Abend einen Restaurantbesuch. Hatten vorher genau ausgerechnet, was wir uns von den verbliebenen Forint gönnen könnten. Speisten und tranken gut – und dann der Schock beim Zahlen: Wir hatten den Service nicht mit einberechnet, das Geld reichte nicht. Zum Glück saßen am Nebentisch Deutsche, die uns den (nicht wirklich hohen) Fehlbetrag schenkten.

Manchen Interrailern begegnete man immer wieder. Und lernte Tricks, die vor allem bewiesen, dass unsere großen Philosophen Recht hatten mit ihren Erkenntnissen: Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, befand Thomas Hobbes. Und vom "Survival of the fittest", vom Überleben der am besten Angepassten, schrieb Charles Darwin.

Da ist was dran: Wie schafft man es, ein Zugabteil über Nacht für sich zu haben? Andeutungen müssen genügen: Wir verhielten uns ruch-, aber eben nicht geruchlos und nutzten, ja breiteten die leichte Müffeligkeit der doch schon einige Wochen strapazierten Klamotten teils schamlos aus. Oder kochten in der Jugendherberge in Lissabon vor der langen Nachtfahrt nach Madrid ein Kilo Extrem-Knoblauchspagetti - mit ebenso sättigender wie für andere abschreckender Wirkung.

Reinfall beim Hütchen-Spieler

Alexander Jungkunz, Jahrgang 1963, ist Chefredakteur der Nürnberger Nachrichten. © Michael Matejka


Reisen bildet, Interrail-Reisen noch etwas mehr. Wir lernten fürs Leben: Bei der Tour durch Spanien erwies sich Sangria als durchaus angenehme Alternative zum normalen Rotwein. Aber sie war teurer. Und die Reisekasse knapp.

Da hatten wir eine - scheinbar - unschlagbare Idee: In fast jeder spanischen Stadt gab es da diese Hütchenspieler, ein uns (leider!) gänzlich unbekanntes Phänomen. Wir sahen ihnen zu, immer wieder. Staunten, wie blöd diejenigen sich doch anstellten, die immer wieder nicht erraten konnten, unter welchem der drei Becher denn der zu findende Stein steckt - wir wussten es doch immer, immer, immer! Und beschlossen, die kleine Urlaubskasse aufzustocken. Setzten sie ein bei so einem Spieler - und? Logisch: Weg war das Geld. Also: Doch wieder Ferienarbeit. Fürs nächste Interrail-Ticket . . .

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