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Wie Rechtspopulisten nach Messerattacken Angst schüren

Nur selten Gewalttaten mit Stichwaffen - Üble Gerüchte in sozialen Medien - 28.03.2018 05:46 Uhr

Trauer um eine 17-Jährige in Flensburg: Sie war am 12. März von einem Flüchtling erstochen worden. Auch dieser Fall heizte die Messer-Debatte in Deutschland an. © Malte Christians/dpa


Es bleibt das kalte Grausen: Wer sich am Computer zusammensucht, welche Verbrechen täglich in Deutschland passieren, muss Angst bekommen. 6.372.526 Straftaten verzeichnet die Statistik des Bundeskriminalamts für das Bundesgebiet im Jahr 2016, das sind täglich fast 17.500 Fälle, vom Ladendiebstahl bis zum Tötungsdelikt.

Eigentlich hatte die Polizei den Mord an der 14-jährigen Keira geklärt. Geständig ist ein 15-jähriger Edgar, ein Junge mit deutschem Pass, der das Mädchen aus der Schule kannte.

Kaum war die Tat bekannt, kursierten in sozialen Medien und auf den Seiten von Rechtspopulisten Spekulationen und bewusst gesetzte Falschmeldungen zur Identität des mutmaßlichen Täters. Die rechte Website "Halle Leaks" behauptete, der Täter sei ein Flüchtling, schrieb von einem "Kandel 2.0" — das war die Ermordung der 15-jährigen Mia am 27. Dezember 2017 im rheinland-pfälzischen Kandel. Als mutmaßlicher Täter wurde damals der Ex-Freund des Mädchens, ein angeblich minderjähriger Afghane, festgenommen.

Das war nur der Auftakt. Schon kursierten Gerüchte, die Öffnung der Grenzen für Flüchtlinge habe in Deutschland zu einer "regelrechten Messer-Epidemie" geführt.

Pegida-Gründer Lutz Bachmann verbreitete nach dem Berliner Fall via Twitter das Foto eines unbeteiligten Jugendlichen und stellte den Gymnasiasten, der ebenfalls Edgar H. heißt, als vermeintlichen Täter an den Pranger, recherchierte die Berliner Morgenpost. Die Polizei schaltete sich ein, es geht um üble Nachrede, falsche Verdächtigung und Volksverhetzung.

Polizei per Twitter

Aber die Assoziationskette "Flüchtlinge — Messerattacken" war nicht mehr zu stoppen. "Deutscher, das glaube ich nicht!", gilt inzwischen als einer der gemäßigten Internetkommentare in dem Fall. Vergeblich reagierten die Berliner Fahnder auf die durch das Netz geisternden Falschmeldungen und Hetzkommentare mit Posts auf Twitter und Facebook. Dort bat das Social-Media-Team der Polizei die Nutzer: "Bitte beteiligen Sie sich nicht an Spekulationen & Hetze und bitte teilen Sie keine FAKES."

Doch nun nahm die Messerdebatte erst richtig Fahrt auf. Tatsächlich ereigneten sich in den letzten Tagen binnen weniger Stunden deutschlandweit gut ein halbes Dutzend Messerattacken. In Nürnberg ging ein 51-jähriger Deutscher auf seine Nachbarin los; er wurde in eine psychiatrische Klinik gebracht. In Burgwedel in Niedersachsen waren es syrische Jugendliche, die eine Frau niederstachen; in Bochum griffen zwei junge Syrer einen Jugendlichen an; drei Maskierte rammten einem 17-Jährigen in Hannover ein Messer ins Bein, weil er sein Handy nicht hergeben wollte — Ausländerbeteiligung wird wegen der akzentfreien Aussprache wohl ausgeschlossen; in Wiesbaden wurden bei einer Messerstecherei drei Menschen verletzt, Haupttäter war ein Afghane.

Hat Deutschland also ein Messer-/ Flüchtlingsproblem, wie Rechtspopulisten daraus schließen? Zahlen widersprechen dem eindeutig — sofern es überhaupt Zahlen gibt. Denn im Gegensatz zu Schusswaffen werden Messer als Tatmittel in der polizeilichen Kriminalstatistik nur in wenigen Bundesländern aufgeführt. In Bayern taucht das Messer in der Statistik nicht auf, lediglich als Tatmittel in den Akten. Bei gefährlicher Körperverletzung kann aber auch ein Stuhlbein, eine Gabel oder ein Stiefel zum Tatwerkzeug werden. Und was ist ein Messer? Oft sind es eher Brot- oder Teppichmesser, mit denen getötet wird und nicht jene verbotenen Einhandmesser.

Ausnahme für Trachtler

Vor genau zehn Jahren ist das Waffenrecht verschärft worden, damit weniger Menschen Messer tragen. Springmesser, Faustmesser, feststehende Klingen — es gibt nur wenige Ausnahmen, bei denen sie noch öffentlich getragen werden dürfen. Dazu gehören — auf Antrag — etwa Trachtenumzüge. Wer mit einem verbotenen Messer erwischt wird, riskiert saftige Strafen.

Niedersachsen hat nachgerechnet: Bezogen auf alle Gewalttaten ist der Stich mit dem Messer eher ein Randphänomen. 2017 machten die Messerattacken gerade 2,8 Prozent aus.

Wahrnehmung in den Medien ist groß

Hessen hat sein Messerproblem ebenfalls nachgerechnet: Tatsächlich gibt es einen leichten Anstieg der Delikte mit dieser Waffe, das beinhaltet auch Raub. Für 2017 wurden in dem Bundesland 1194 Fälle registriert. Die Aufklärungsquote von 93 Prozent ist extrem hoch. 52 Prozent der Tatverdächtigen waren deutsche Staatsbürger, es folgten mit jeweils sieben Prozent Türken und Afghanen. Für 2018 liegen noch keine Zahlen vor. Wesentliche Änderungen werden nicht erwartet, doch die mediale Wahrnehmung ist groß.

Wo bleibt also der Wahrheitsgehalt, wenn es um die angeblich neue Bedeutung des uralten Mordwerkzeugs geht? Kampfmesser aller Art sind leicht zu beschaffen. Die Versuchung ist also groß.

Der Züricher Forscher Dirk Baier sieht tatsächlich einen klitzekleinen negativen Trend. Männliche Jugendliche aus Niedersachsen gaben 2013 zu 27,4 Prozent an, in der Freizeit zumindest selten ein Messer dabeizuhaben, 2015 waren es 29,1 Prozent.

Der Megatrend in Deutschland ist dagegen stabil: Die Zahl der Gewaltdelikte nimmt seit Jahren ab, — weil zum Beispiel immer weniger Eltern prügeln und somit die Zahl guter Vorbilder wächst.

Lorenz Bomhard Ressortleiter Metropolregion Nürnberg und Bayern E-Mail

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