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Prunkvoll und teuer: Bayern residieren in Brüssel auf „Neuwahnstein“

Vertretung bei der EU eingeweiht — 30 Millionen Euro in Schloss investiert, von dem aus der Freistaat Lobbyarbeit betreibt — Geld „bestens angelegt“ - 29.09.2004

Aus einer Ruine wurde ein „Juwel“: Die neue bayerische Landesvertretung in Brüssel, die als „Neuwahnstein“ verspottet wird. Im Hintergrund erhebt sich das Europäische Parlament. Foto: Roland Englisch © -


109 Jahre ist das Gemäuer alt, von dem Edeltraud Böhm-Amtmann als Chefin schwärmt: „Ein Juwel!“. Das hat auch seinen Preis: Mehr als 30 Millionen Euro musste Bayern bezahlen für Grundstück und Haus, für Umbau und Einrichtung. „Das Schnäppchen“, wie Europaminister Eberhard Sinner das Areal nennt, liegt im Schatten europäischen Größenwahns: Die Zweigstelle des EU-Parlaments überragt das Schloss wie eine gigantische Woge: glitzernd, kalt, abweisend, deplatziert.

Große Pläne

Das Schloss also: Ende des 19. Jahrhunderts erbaut im Stil des Historismus, mit Villa und Marstall lange als „antibakterielles und biologisches Forschungsinstitut“ genutzt und mit dem Namen „Institut Pasteur“ veredelt, hat es ab Mitte des 20. Jahrhunderts seinen allmählichen Niedergang erlebt. Reinhold Bocklet entdeckte in seinen Tagen als Europaminister die vergammelte Ruine am Rand des Parc Leopold, und für den kleinen Minister war sofort klar, dass hier Großes entstehen musste.

Inzwischen hat das Große seinen Spitznamen weg in der Brüsseler Szene: „Neuwahnstein“ nennen die Eurokraten das Gebäude halb verächtlich, halb bewundernd. Manche schieben den Sachsen die Urheberschaft zu, manche den Vertretern der Bundesrepublik. Doch weil alle im bayerischen Landtag das Projekt mitgetragen haben, weil selbst die Grünen nickten, nimmt Bayern den Titel als Auszeichnung.

Nicht weit entfernt haben die Baden-Württemberger ihre Vertretung hochgezogen, kaum billiger, nur deutlich hässlicher. Dass die deutschen Südländer sich die größten Niederlassungen leisten, überrascht Brüssels Insider wenig. Bayern und Baden-Württemberg bewegten sich am intensivsten auf dem europäischen Parkett, intensiver als andere CDU-Länder und um Welten vor den SPD-regierten.

1987 hat München sein erstes bescheidenes Büro in der belgischen Hauptstadt eingerichtet, mit einem Chef, einem Mitarbeiter und einer Sekretärin. Später, als die Ministerien eigene Referenten nach Brüssel schickten, zog das Büro um an den Boulevard Clovis, in zwei Jugendstilhäuser, die das Land für rund 1,6 Millionen Mark gekauft hat. Auch die platzten bald aus allen Nähten; zuletzt verteilten sich die 29 Mitarbeiter auf zwei zusätzlich angemietete Büroetagen.

Das Institut Pasteur an der Rue Wiertz sollte fürs Erste reichen. 5500 Quadratmeter Grund, 2000 Quadratmeter Nutzfläche, ein Veranstaltungsraum für 300 Gäste, zahllose Büros und ausbaufähige Dachgeschosse — das Areal ist üppig dimensioniert. Die Büros des Ministerpräsidenten — der, anders als sein Porträt, durchaus ein Plätzchen bekommen hat — und seines Europaministers nehmen sich da ungewohnt bescheiden aus.

Kein Schrank für Stoiber

Edmund Stoiber sitzt in einem Raum, der kaum mehr fasst als seinen Schreibtisch, ein wuchtiges Teil aus Ardenner Stein als „Huldigung an Belgien“, sagt Edeltraud Böhm-Amtmann. Keinen Aktenschrank hat Stoiber, nicht einmal eine Schublade. Wenn er wollte — aber Stoiber will das selten —, könnte er ins Tiefgeschoss gehen, in die Weinstube oder in den Bierkeller.

Jeder, sagt Europaminister Eberhard Sinner, dürfe die Veranstaltungsräume nutzen, wenn er denn Bayern repräsentiert und ein Projekt anbietet, an dem sich auch die Vertretung beteiligen will, egal ob Firma oder Verband, politische Partei oder Kommune. In einer Stadt wie Brüssel, in der mehr als 2000 Organisationen und Institutionen ihre eigenen Lobby-Büros unterhalten, geht schnell unter, wer sich nicht rührt.

Und die Bayern rühren sich. So sehr die Christsozialen zu Hause auf Europa und die EU schimpfen, auf ihre Kommission und die Eurokraten, so sehr pflegen sie in Brüssel ein Netzwerk aus Beziehungen und Informanten. Das erregt den Neid der anderen, weit mehr als „Neuwahnstein“ das könnte. „Neid?“, winkt Edeltraud Böhm-Amtmann ab, „Neid können wir hier nicht brauchen.“ In Brüssel ist selbst Bayern nur ein Land unter vielen, allem Lärm zum Trotz, den die CSU zu Hause veranstaltet.

Deshalb suchen die Bayern nach Verbündeten über Partei- und Ländergrenzen hinweg. Deshalb schickt Bayern seine besten Beamten nach Brüssel, die sich gelegentlich wundern über die anti-europäischen Töne, die aus München an die Senne schallen. Selbst Edeltraud Böhm-Amtmann graust es da manchmal, gibt sie freimütig zu.

Berliner Ambitionen

Andere melden, dass Bayerns Ministerpräsident sich rar mache in der europäischen Hauptstadt, dass ihn seine Berliner Ambitionen von der Brüsseler Ebene fernhalten. Selbst bei seinem Auftritt beim gestrigen Festakt zur Eröffnung der Vertretung habe nur sanfter Druck ihn dazu bewegen können, heißt es, dass er länger als eine Stunde einkalkuliere.

Dafür jettet Eberhard Sinner inzwischen weit öfter nach Brüssel als nach Berlin, hat er, anders als an der Spree, an der Senne eine eigene kleine Wohnung. Bayern, sagt er, sei „einer der größten Nutznießer der Europäischen Union“. Das Geld in die Vertretung, findet er, sei „bestens angelegt“. 

ROLAND ENGLISCH

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