Speiseplan an Weihnachten

Alle an einem Tisch: So finden Fleischesser und Veganer ihren Frieden

Katja Kiesel

Volontärin Online Redaktion

E-Mail zur Autorenseite

23.12.2021, 15:58 Uhr
Früher war der Gänsebraten an Weihnachten in vielen Familien ein Muss. Doch immer mehr Vegetarier und Veganer haben ganz andere Erwartungen an das Festtagsmenü. 

Früher war der Gänsebraten an Weihnachten in vielen Familien ein Muss. Doch immer mehr Vegetarier und Veganer haben ganz andere Erwartungen an das Festtagsmenü.  © Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Der Ofen qualmt, die Spülmaschine piept. Die Gans soll gefüllt, die Suppe püriert, der Tisch gedeckt werden. Für jene, die an den Feiertagen Kinder, Omas, Schwiegersöhne und Tanten zu sich einladen, hat Weihnachten selten etwas von Ruhe und Besinnlichkeit.

Tatsächlich erfordert das Fest der Liebe viel Stressresistenz. Und wenn die Gäste dann auch noch Extrawünsche äußern, steigt zumindest das Risiko, dass das harmonische Dinner im Fechtkampf mit Fonduegabeln endet.

Die Festtage sind für viele Familien eine Ausnahmesituation: Verschiedene Generationen, Erwartungen und Geschmäcker prallen aufeinander. Ein Grund, warum gerne nach dem Motto "Alle Jahre wieder" gefeiert wird und familiäre Traditionen eine große Rolle spielen: "Rituale sind sinn- und ordnungsstiftende Elemente in einer Gesellschaft", erklärt Renate Liebold, Professorin am Institut für Soziologie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen. Sie geben Erwartungssicherheit und vermitteln Verlässlichkeit. Und sie haben auch einen gewissen Entlastungseffekt. "An Weihnachten muss nicht jedes Jahr neu ausgehandelt werden, wie man die Tage verbringt oder was auf den Tisch kommt – oft gibt es ein ritualisiertes Vorgehen, an das sich alle halten können."

An Weihnachten muss es also nichts Neues sein. Dieselben Lieder, die gewohnten Plätzchen, das gleiche Menü. "Gerade in den komplexer werdenden Familiengefügen funktionieren Rituale wie ein Rettungsanker, auf den man sich verlassen und der Auseinandersetzungen vermeiden kann," sagt Liebold. Die Betonung liegt auf kann, denn wenn einer anfängt, diese Gewohnheiten zu hinterfragen, wird es oft ungemütlich.

Ernährungsgewohnheiten ändern sich

Heikel ist es immer dann, wenn es ums Essen geht. In vielen Familien gehören die Gans mit Kloß, Fondue oder Kartoffelsalat mit Würstchen zu Weihnachten wie der Christbaum und das Glühweintrinken. Die Frage des Gastgebers "Was wollt ihr denn essen?" ist eigentlich nur rhetorischer Natur. Was aber, wenn darauf plötzlich doch Antworten kommen? Wenn die 15-jährige Louisa sagt: "Du weißt ja, ich esse seit ein paar Monaten kein Fleisch mehr, aber sonst ist es mir ganz egal". Oder wenn Martin betont, dass sein neuer Freund Veganer sei "und rohes Fleisch auf dem Tisch nicht erträgt"? Wenn Tante Sophie erklärt, sie habe eine Glutenunverträglichkeit entwickelt, ernähre sich nach der Paleo-Diät und fragt: "Kann man denn darauf ein wenig Rücksicht nehmen?" Der Großvater will dagegen was "G'scheits", nämlich einen Gänsebraten. Seit wann der denn nicht mehr gut genug sei? Den hätten doch immer alle gern gegessen?

Genau wie die sprichwörtlichen Zeiten ändern sich auch unsere Ernährungsgewohnheiten. "Der Stellenwert von Essen hat an Bedeutung gewonnen. Und besonders durch die Zunahme von Krisen und rund um die Jahrtausendwende hat die differenzierte Auseinandersetzung mit der Ernährung einen Schub bekommen", sagt Jana Rückert-John, Professorin für die Soziologie des Essens an der Hochschule Fulda.

Bisherige Selbstverständlichkeiten werden zunehmend hinterfragt. Die Supermarktregale füllen sich mit fleischlosen Alternativen und besonders bei jüngeren Leuten hat das Interesse an vegetarischen und veganen Ernährungsformen zugenommen. Trotzdem handelt es sich noch um eine verhältnismäßig kleine Gruppe: "In Deutschland machen Vegetarier und Veganer rund zehn bis 12 Prozent der Bevölkerung aus, in den jüngeren Generationen liegt der Anteil etwas höher", sagt Rückert-John.

So wie Ernährungsstile und Diätformen vielfältiger werden, scheinen sich aber auch Intoleranzen und Unverträglichkeiten gegenüber bestimmten Lebensmitteln immer mehr zu verbreiten. "Es ist schon so, dass die Allergien wissenschaftlich gesehen zugenommen haben", sagt Daniela Krehl, Ernährungsberaterin bei der Verbraucherzentrale Bayern. Das liege aber auch daran, dass die Möglichkeiten der Diagnostik viel besser geworden sind. "Und wir haben heutzutage eine deutlich größere Vielfalt an Lebensmitteln, auf die sich die Menschen evolutionsbedingt gar nicht einstellen konnten – dazu gehören beispielsweise Erdnüsse, Kiwis oder Soja. Hauptallergene, die es in unserem Breitengrad lange nicht gab", so Krehl.

Sie weiß allerdings auch: "Zum Teil ist es beinahe schon 'en vogue' eine Unverträglichkeit zu haben oder es als solche zu bezeichnen, obwohl Pupsen nach dem Verzehr von Milch mit einem hohen Milchzuckeranteil völlig normal ist." Weil Firmen diese zunehmenden Unverträglichkeiten als Marketinginstrument erkannt haben, platzieren sie entsprechende Vermerke wie "laktosefrei" oder "vegan" sogar auf Produkten, die diese Kriterien von Natur aus erfüllen. "Da muss man dann schon differenzieren. Vermutete Intoleranzen oder Krankheiten wie die durch eine fehlgeleitete Immunreaktion auf Gluten ausgelöste Zöliakie kann und sollte man aber ärztlich abklären lassen", so Krehl.

Ernährung ist längst ein politisches Thema

Wie wir uns ernähren und was in unseren Lebensmitteln steckt, ist uns also wichtiger geworden und deshalb reden wir auch mehr darüber. Diese Freiheit, uns differenzierter mit unserer Nahrung auseinanderzusetzen, haben wir deswegen, weil die meisten Menschen in Deutschland in einem Ernährungswohlstand leben: "Essen geht über die reine Notwendigkeit hinaus. Unsere Ernährung ist ein wichtiger Teil der Selbstbeschreibung und definiert auch die eigene Identität," erklärt Soziologin Rückert-John. Das bedeute wiederum, dass die verschiedenen Ernährungsweisen stark ideologisch behaftet und mit klaren Bekenntnissen verbunden sind. Ernährungsberaterin Krehl ergänzt: "Essen ist keine rein individuelle Entscheidung mehr. Dass die Art, wie wir uns ernähren, Auswirkungen auf das Klima oder das Tierwohl hat, ist uns bewusster. Ernährung ist dadurch längst ein politisches Thema geworden."

Kein Wunder also, dass Essen eine sensible Angelegenheit ist. Bemerkbar macht sich das zum Beispiel dann, wenn der Onkel Louisa am Weihnachtstisch fragt, ob sie "von dem Hasenfutter denn überhaupt satt wird" oder gegenüber dem Freund des Sohnes anmerkt, dass "richtige Männer doch Fleisch essen müssen". Wenn Louisa den Onkel dann als "Tiermörder und Klimaverschmutzer" bezeichnet, erhitzen sich die Gemüter schneller als das Essen im Topf – ob tierfrei oder nicht.

"Diese jeweiligen Rechtfertigungen können sehr anstrengend sein und wer derlei Debatten am Weihnachtsabend vermeiden möchte, ist sicherlich gut beraten, das Ganze – wenn möglich – bereits vorher zu besprechen", rät Rückert-John. "Generell empfiehlt es sich für alle Beteiligten, die unterschiedlichen Vorlieben zu respektieren und vor allem nicht zu versuchen, den Anderen von der eigenen Ernährungsweise zu überzeugen."

Kompromisse finden

Den Onkel am Weihnachtsabend zu missionieren, indem man die Haltungsbedingungen der Weihnachtsgänse anprangert oder die Kühe bedauert, die für unsere Milch im Kaffee von ihren Kälbern getrennt werden, ist – auch wenn es Fakten sind – an den Festtagen wohl eher keine gute Idee. Im Gegenzug darf der Onkel die Vegetarier- und Veganer-Witze bei der jährlichen Familienzusammenkunft gerne zuhause lassen.

"Wer bereits im Vorfeld bespricht, welche unterschiedlichen Wünsche es gibt, der kann gemeinsam überlegen, wo der Kompromiss liegt, mit dem alle leben können", sagt Soziologin Rückert-John. Der Schlüssel liegt also – wie fast immer – in der Kommunikation. "Weihnachten und auch das Festessen sind oft mit hohen Erwartungen belegt. Es soll harmonisch ablaufen und die besten und leckersten Speisen geben", sagt Rückert-John. Etwas, an das so hohe Erwartungen geknüpft wird, kann eigentlich fast nur scheitern – eben, weil jeder einen anderen Menüwunsch hat. "Gleichwohl könnte gerade ein Fest, von dem sich alle wünschen, dass es friedlich abläuft, eine gute Möglichkeit sein, sich für andere Essgewohnheiten zu öffnen. Die Bereitschaft ist vielleicht sogar größer, weil man das gemeinsame Ziel eines schönen, streitfreien Abends hat."

Ein Tipp für alle Gastgeber: Beziehen Sie ihre Familienmitglieder in die Essensplanung und -zubereitung direkt mit ein. Gibt es bei unterschiedlichen Wünschen konkrete Vorschläge? Um sich als Koch oder Köchin des Abends nicht um alle Extrawürste selbst kümmern zu müssen, hilft es, sich zusammenzutun.

"Als Nicht-Veganer kennt man die Eigenheiten der veganen Küche beispielsweise nicht oder weiß nicht, wo wie viel Gluten enthalten ist. Wenn jeder einen Teil selbst oder die Zutaten dafür mitbringt, erleichtert es den Gastgebern die Arbeit", rät Rückert-John.

Auch Ernährungsberaterin Krehl empfiehlt "mit Modulen zu arbeiten, und wenn es eine Fleischeinheit gibt, die Beilagen etwas größer zu gestalten. Gerne einmal für etwas mehr Experimentierfreudigkeit plädieren und sich als Fleischesser auf pflanzliche Alternativen einlassen." Und: Raclette, bei dem jeder sein eigenes Pfännchen belegt und grillt, ist immer eine gute Lösung!

1 Kommentar