Verdauung

Das Geheimnis der "Moppelbakterien": So gelingt Abnehmen ohne Qual

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31.5.2022, 05:58 Uhr
Viele Menschen sporteln oder hungern, um ihre Strandfigur für den Sommer zu erreichen. Dabei soll eine Methode deutlich erfolgsversprechender sein.

© Franziska Kraufmann/dpa Viele Menschen sporteln oder hungern, um ihre Strandfigur für den Sommer zu erreichen. Dabei soll eine Methode deutlich erfolgsversprechender sein.

Was ist die Darmflora?

Die Darmflora umfasst 100 Billionen Mikroorganismen wie Bakterien, Pilze und Viren. Im Verdauungstrakt ist das "Mikrobiom", wie das Ökosystem von Experten bezeichnet wird, eine zentrale Schaltstelle für den Stoffwechsel, die Energiegewinnung und die Bildung von Fettdepots. Sie beeinflusst die grundsätzliche Gesundheit eines Menschen, aber auch dessen Appetit, dessen Essensvorlieben und gewissermaßen auch dessen Gewicht – oder die Erfolgschancen beim Versuch, ebendieses zu senken.

Wie beeinflusst die Darmflora das Körpergewicht?

Im Jahr 2004 stellten amerikanische Forscher fest, dass Mäuse ohne Darmbakterien magerer waren und weniger Körperfett aufwiesen als Mäuse mit einem herkömmlichen Mikrobiom. Die Nager nahmen – sofern sie mit normalen Darmbakterien besiedelt wurden – binnen kürzester Zeit zu. Zudem stieg auch der Blutzuckerspiegel und der Körperfettwert an. Das Besondere: All diese Entwicklungen waren zu beobachten, obwohl die Mäuse sogar weniger fraßen.

Auf den Menschen lässt sich diese Erkenntnis leicht übertragen: Jeder kennt wohl in seinem Umfeld eine Person, die unglaublich viel essen kann, aber immer schlank bleibt. Und eine andere Person, bei der gefühlt ein Burger schon zur Gewichtszunahme genügt. Es gibt also schlichtweg effizientere und weniger effiziente Futterverwerter. Übergewicht lässt sich demnach tatsächlich mit der Darmflora begründen, wie die aktuelle Mikrobiom-Forschung belegt.

Wie wird man dick?

Bei übergewichtigen Menschen produziert das Mikrobiom Enzyme, durch die sie eigentlich unverdauliche Polysaccharide abbauen können. Das hatte seinen Zweck: Man kann somit aus wenig Nahrung viel Energie gewinnen – eine wahre Überlebensretterin in Hungersnöten oder Missernten. Heutzutage besteht aber der Bedarf nicht mehr: Die Kohlenhydrate (und somit die Kalorien) resorbiert die Darmschleimhaut. Überschüssige Energie wird an die Leber abgegeben, in Fett umgewandelt und schließlich in den bekannten "Problemzonen" abgelagert.

Was hat das Ganze jetzt mit der Darmflora zu tun? Diese enthält sowohl Bacteroidetes als auch Firmicutes-Bakterien. Letzteren gelingt es, auch aus unverdaulichen Nahrungsbestandteilen noch beträchtliche Energie herauszuholen. Wer also mehr Bakterien dieser Sorte in seinem Mikrobiom besitzt, holt mehr Kalorien aus den gleichen Mahlzeiten. Der Einfluss ist immens: Nimmt die Anzahl dieser "Moppelbakterien" nur um 20 Prozent zu, nimmt der Körper täglich 150 zusätzliche Karlorien auf. Im Laufe eines Jahres summiert sich dies auf etwa acht Kilo.

Welche weiteren Aspekte der Darmflora beeinflussen mögliches Übergewicht?

Nicht nur die Zusammensetzung der Bakterienstämme in der Darmflora, sondern auch die Diversität innerhalb ebendieser beeinflusst, inwiefern Menschen zu Übergewicht neigen können. Menschen mit geringer Artenvielfalt, also einer eintönigen Bakteriengemeinschaft, fehlen laut Focus zahlreiche gewichtsregulierende Bakterien.

Eine asiatische Studie wies beispielsweise einen Zusammenhang zwischen einer hohen Anzahl an "Akkermansia muciniphilia"-Bakterien und einem geringen Körpergewicht, einem niedrigeren Körperfettanteil und einem niedrigeren Diabetes-Risiko nach.

Was bedeutet das für Abnehm-Willige?

Bevor sich klären lässt, wie Abnehm-Willige ihre Darmflora positiv beeinflussen können, gilt es zu verstehen, wie die Darmflora negativ beeinflusst wird – also wie überhaupt eine natürliche Balance im Darm gestört wird. Als Antwort auf diese Frage drängt sich freilich der moderne westliche Lebensstil inklusive einer ballaststoffarmen und fettreichen Ernährung auf. Schlankmachende Keime im Darm benötigen spezielle Pflanzenfasern, die beim Wachsen und Gedeihen helfen – und in den Lebensmitteln der Fastfood-Küche für gewöhnlich nicht enthalten sind.

Auch einseitige Ernährungsformen wie Low-Carb-Diäten wirken sich negativ auf die Vielfalt eines Mikrobioms aus: Die Darmflora passt sich dem Essen an und entwickelt sich so, dass sie künftig mehr Kalorien aus der ursprünglich kalorienarmen Nahrung zieht. Natürlich stören auch Medikamente das gesunde Mikrobiom: Längere Antibiotikatherapien führen laut diverser Studien ebenfalls zu teilweise enormen Gewichtszunahmen.

Also: Die Darmflora braucht, um eine Gewichtsabnahme zu begünstigen, sogenannte präbiotikareiche Nahrungsmittel. Diese unverdaulichen Ballaststoffe fungieren im Dickdarm als "Futter" für das Mikrobiom. Geeignete Lebensmittel sind beispielsweise Haferflocken und Mandeln, Cranberries und Äpfel oder sämtliches Gemüse wie Lauch, Schwarzwurzel oder Spargel. Auch klassische Beilagen wie Kartoffeln, Reis und Nudeln enthalten bestimmte Präbiotika – aber nur, wenn sie nach dem Kochen abgekühlt sind.

Unter den Genussmitteln wurde bisher bei Kaffee, Rotwein, grünem Tee oder dunkler Schokolade ein positiver Einfluss auf die Darmflora nachgewiesen. Für eine Darm-Diät empfiehlt es sich zudem, häufiger vergorene Lebensmittel mit Milchsäurebakterien zu sich zu nehmen – also Kefir, Sauerkraut oder Joghurt.