Bestimmte Warnzeichen

Ist die Haltbarkeit von Beziehungen prognostizierbar? Eine Studie liefert Ergebnisse

Angela Ast

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Simone Madre
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2.1.2023, 09:39 Uhr
Kann man vorhersagen, ob eine Beziehung dauerhaft hält?

© IMAGO/Joseffson Kann man vorhersagen, ob eine Beziehung dauerhaft hält?

Es gab noch nie so viele Möglichkeiten wie heute, einen Partner zu finden: Unzählige Dating-Apps und Singlebörsen - etwa Tinder, Parship und Lovoo - generieren mithilfe von immer mehr Daten Algorithmen, um das beste Gegenstück zu finden. Kann mit dieser Kalkulierbarkeit ebenfalls prognostiziert werden, ob die Beziehung ewig halten - oder aber scheitern wird?

Diese Frage haben sich auch Psychologen unterschiedlicher Universitäten gestellt. Deswegen starteten sie 2008 die Langzeitstudie "Pairfam" (Panel Analysis of Intimate Relationships and Family Dynamics). Über 12.000 Teilnehmende werden in regelmäßigen Abständen befragt. Ausgelegt ist die Untersuchung auf insgesamt 14 Jahre. Derzeit sind die Daten aus dreizehn Jahren einsehbar, so dass Forscher mit ihnen arbeiten können. Beteiligt sind die Ludwig-Maximilians-Universität München, die Friedrich-Schiller-Universität Jena, die Universität zu Köln sowie die Universität Bremen

Vorhersagevariablen existieren

Auch Dr. Christine Finn von der Universität Jena hat sich im Rahmen dieser Studie mit dieser Fragestellung beschäftigt. Sie befragte über sieben Jahre hinweg fast 2000 Paare in regelmäßigen Abständen. Von diesen sollen sich in diesem Zeitraum 16 Prozent getrennt haben, heißt es in einer Meldung der Universität. Die Psychologin konnte dadurch folgenden Schluss ziehen: "Bereits zu Beginn einer Beziehung lassen sich Prädiktoren - also gewisse Vorhersagevariablen - finden, die Informationen darüber liefern, ob die Beziehung lange hält oder nicht."

Es komme darauf an, auf welchem Level von Glück sich beide Partner befinden, erklärt die Psychologin. Der Beginn einer Beziehung kann demnach bereits etwas über ihren Verlauf verraten.

Zwei Modelle für den Verlauf von Beziehungen

Laut Finn gibt es derzeit zwei unterschiedliche wissenschaftliche Modelle, die den Verlauf einer Beziehung beschreiben. Das eine besagt, dass Paare am Anfang etwa gleich glücklich sind. Wenn sie sich trennen, sei das auf Probleme zurückzuführen, die im Laufe der Zeit entstehen. Das zweite Modell geht davon aus, dass die Partner bereits auf unterschiedlichen Glücksniveaus beginnen und diese beibehalten - eine negative Ausgangssituation erhöhe jedoch die Wahrscheinlichkeit einer Trennung.

Die Psychologin geht davon aus, dass eine Mischung dieser Modelle zutrifft: "Auch wir können ein unterschiedliches Ausgangsniveau bestätigen", erklärt sie. Bei den Paaren nehme außerdem die Glücklichkeit ab, mal schneller, mal langsamer. Bei Beziehungen, die später scheitern, passiere das al­lerdings deutlich rapider. "Wer unglücklich startet, wird noch unglücklicher", so Finn.

Wie zufrieden Paare in der Beziehung sind, ermittelten die Forscher aus Jena beispielsweise dadurch, indem sie sie nach ihren Bedürfnissen befragten - wie gut werden diese in der Beziehung erfüllt? Das Ergebnis: Partner mit ähnlichen Bedürfnissen, beispielsweise der Nähe zueinander oder der Möglichkeit, eigene Interessen zu verfolgen, bleiben meist länger zusammen.

Diese Informationen bieten Paaren die Möglichkeit, die Chance einer erfolgreichen Beziehung zu ermitteln. Doch ist das überhaupt sinnvoll? Sollte man zu Beginn alles vom Partner "abfragen”, um herauszufinden, ob das auch wirklich der Partner für die Ewigkeit ist?

"Red Flags" - Sind sie sinnvoll?

Viele Menschen wollen keine Wochen und Monate an der Seite des falschen Partners verbringen und suchen deswegen beispielsweise nach "Red Flags" - also Verhaltensweisen des Gegenübers, die als Warnzeichen gelten und darauf hindeuten, dass keine Beziehung eingegangen werden sollte. Doch Finn sieht dies skeptisch.

Laut ihrer Aussage sollte der Fokus nicht nur auf der Langlebigkeit einer Beziehung liegen. Auch wenn sich Paare trennen, kann das dennoch eine wertvolle und wichtige Phase sein, die möglicherweise die nachfolgenden Beziehungen positiv beeinflusst. Außerdem können Paare das Gemeinsame, zum Beispiel das Bedürfnis nach Nähe, bewusst steuern und daran arbeiten. "Keine Beziehung ist von vornherein zum Scheitern verurteilt", betont Finn und ergänzt, dass die Ergebnisse der Studie wertvoll für Beratungsstellen und Therapeu­ten seien.

Untersuchung des Gottman-Instituts

Etwas älter sind die Untersuchungen des Gottman-Institus in den USA, das sich ebenfalls mit der Analyse von Beziehungen beschäftigt. Der Gründer und Psychologe John Gottmann sagt, dass man mit einer von ihm entwickelten Methode mit 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit sagen kann, welche neu verheirateten Paare in den ersten sechs Ehejahren zusammenbleiben und welche im gleichen Zeitraum geschieden werden.

Dazu maß er die körperlichen Reaktionen während eines 15-minütigen Gesprächs über ein heikles Beziehungsthema. Je ruhiger Puls und Atmung blieben, desto wahrscheinlicher war es, dass die Paare zusammenblieben. Zudem fand er eine zweite Gemeinsamkeit: Glückliche Pärchen erlebten für jeden negativen Moment im Gespräch fünf positive Momente. Je häufiger Momente der Kritik, der Verteidigung, des Rückzug und der Verachtung waren, desto wahrscheinlicher war das Scheitern der Beziehung.

Für das langfristige Glück in der Beziehung über die ersten Jahre hinaus hält der Psychologe einen anderen Faktor für wichtig: die Häufigkeit von positiven Interaktionen. Hierbei geht es auch um Kleinigkeiten wie Blicke, Gesten oder kurze Sätze, mit denen ein Partner Kontakt sucht. Gut sei es, wenn der jeweils andere darauf angeht, und schlecht, wenn er gar nicht oder auf negative Weise reagiere. Zudem würden glückliche Paare innerhalb von einer Stunde weitaus häufiger miteinander interagieren als weniger glückliche. Seine Erkenntnisse hat er in mehreren BüchernAnzeige festgehalten.

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