Bestattungskult im Wandel

Grabauflösung: Was geschieht mit den Gebeinen?

Katja Kiesel

Volontärin Online Redaktion

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23.11.2021, 15:17 Uhr
Auf dem 25 Hektar großen Fürther Friedhof gibt es gut 350 denkmalgeschützte Grabstätten.

Auf dem 25 Hektar großen Fürther Friedhof gibt es gut 350 denkmalgeschützte Grabstätten. © Hans-Joachim Winckler

Wer unter dem hohen Steintor hindurchgeht, merkt bereits mit den ersten Schritten, dass die Geräusche von der Straße leiser werden und sich die Atmosphäre verändert – entschleunigter, ruhiger und etwas schwermütiger wird. Die einzigen, die dafür nicht empfänglich zu sein scheinen, sind die vielen fuchsroten Eichhörnchen, die zwischen den Gräbern auf dem städtischen Fürther Friedhof an der Erlanger Straße hin- und herflitzen.

Der Besuch eines Friedhofs wirkt auf jeden anders. Während der Ort für die einen ein wichtiger Anlaufpunkt ist, um ihren Verstorbenen nahe zu sein, spielt er für die Trauerbewältigung anderer kaum eine Rolle. Auch Norbert Wagner, Leiter der städtischen Friedhöfe Fürth, beobachtet das: "Der Stellenwert eines Grabes liegt nicht mehr ganz so hoch wie früher. Grabpflegedienste gibt es mittlerweile mehr, der tägliche Friedhofsbesuch ist seltener geworden, einigen Leuten ist der Pflegeaufwand zu groß und Gräber werden früher aufgelöst."

Zahl der Erdbestattungen nimmt ab

Doch warum ist das so? Und was passiert eigentlich, wenn Angehörige die Entscheidung fällen, ein Grab nicht länger bestehen zu lassen? Die Bestattungsmeisterin Monika Forstmeier beobachtet bereits seit etwa zwanzig Jahren, dass Verstorbene vermehrt in Urnen beigesetzt werden und die Zahl der Erdbestattungen abnimmt.

Vor rund zehn Jahren, so ihre Einschätzung, hat sich die Bestattungspraxis zahlenmäßig umgekehrt. Heuer gab es am Fürther Friedhof 309 Erdbestattungen und 750 Urnenbeisetzungen.
"Das hat verschiedene Ursachen", schätzt Forstmeier. "Dazu gehört sicherlich die Tatsache, dass die Familien mittlerweile weiter verstreut sind, dass es nach einer Einäscherung vielfältigere Bestattungsmöglichkeiten gibt und dass der Pflegeaufwand bei Erdbestattungen größer ist."

Während Gräber früher oftmals zwischen 50 und 60 Jahren bestanden, sind es heute durchschnittlich nur noch um die 30 Jahre, sagt Norbert Wagner. Beliebig auflösen lässt sich ein Grab allerdings nicht, es gelten gewisse Ruhezeiten, also die Zeitspannen, die zwischen einem Begräbnis und einer Neubelegung des Grabes liegen. Diese Fristen sind nicht gesetzlich festgelegt, sondern werden von den Friedhofsverwaltungen geregelt.

Die Mindestdauer hängt auch von der Bodenbeschaffenheit ab. "Bei uns beträgt sie zehn Jahre. Das liegt am sehr sandigen Boden, der lässt viel Sauerstoff durch und beschleunigt so die Zersetzung", sagt Andreas Lang, während er zwischen den Gräbern entlanggeht. Bereits seit einigen Jahren ist der Fürther Friedhof sein Arbeitsplatz, nach einigen Jahren als Friedhofsarbeiter ist er in die Bauaufsicht gewechselt.

Einige Kilometer weiter, auf dem Friedhof in Vach sind es fünf Jahre mehr, der Boden hat dort einen größeren Lehmanteil. In Poppenreuth beträgt die Ruhefrist sogar bis zu 20 Jahre, dort ist der Boden noch deutlich lehmiger.

Grablaufzeit verlängern

Was aber passiert, wenn diese Ruhezeit vorbei ist? "Die Angehörigen haben dann die Möglichkeit, die Grablaufzeit zu verlängern – um weitere fünf, zehn oder 15 Jahre", erklärt Lang. Ein Maximum gibt es nicht, theoretisch lässt sich ein Grab immer weiter verlängern, solange Angehörige die Gebühren bezahlen. Entscheiden sie sich für eine Auflösung, unterzeichnen sie eine Verzichtserklärung beim Standesamt.

Die Räumung und Entfernung des Grabsteins übernimmt ein Steinmetz-Fachbetrieb. "Den Grabstein selbst, – wenn die Angehörigen ihn nicht behalten möchten –, lassen die Steinmetze in den meisten Fällen dann von Recyclingunternehmen abholen. Die zerkleinern ihn, und er kommt im Straßen- oder Landschaftsbau zum Einsatz", sagt Friedhofsleiter Wagner. Anschließend wird wieder Gras über die ehemalige und nun neu verfügbare Ruhestätte gesät.

Die Aushebung eines Grabes und auch dessen Schließung nach einer Beisetzung gehört zu den Aufgaben der Friedhofsarbeiter. Den klassischen "Totengräber" gibt es nicht mehr. "Früher waren die Aufgaben aufgeteilt, heute können unsere Mitarbeiter 'alles' – sie begleiten Bestattungen als Sargträger, warten die Schöpfbecken, übernehmen die Baumpflege, den Winterdienst oder eben auch Graböffnungen und -schließungen", erklärt Wagner. Letzteres sind Aufgaben, die bei vielen sicher erst einmal ein unbehagliches Gefühl auslösen.

Andreas Lang, der selbst als Friedhofsarbeiter tätig war, hatte damit keine Berührungsängste. "Man darf natürlich nicht zu emotional an die Sache herangehen und auch nicht zu viel darüber nachdenken", sagt er und blickt in ein bereits für eine Bestattung am Nachmittag ausgehobenes Grab. "Es gehört dazu, und natürlich ist eine gewisse Gewöhnung dabei."

Ich erinnere mich auch ohne Grab

Die Entscheidung, ein Grab aufzulösen, ist für Angehörige nicht immer leicht. Getroffen hat sie kürzlich Renate Kühnhauser. Die 69-jährige Nürnbergerin verabschiedet sich nach rund 40 Jahren von der Grabstelle ihrer Großeltern auf dem Nürnberger Südfriedhof. "Ich bin mittlerweile die Einzige, die beide noch kannte, und ich habe außerdem noch zwei weitere Gräber, um die ich mich kümmere", sagt sie.

Für sie ist das Grab zwar ein wichtiger, aber nicht der zentrale Ort, an dem sie ihrer verstorbenen Familienmitglieder gedenkt. "Ich erinnere mich auch ohne Grab an meine Großeltern, und nach so vielen Jahren habe ich mich nun entschieden, das Grab aufzugeben. Umgekehrt erwarte ich aber auch nicht, dass mein Sohn mein Grab mal bis in alle Ewigkeit bestehen lässt", sagt Kühnhauser.

Dennoch: Die Frage, was nun nach der Auflösung des Grabes mit den Gebeinen ihrer verstorbenen Großeltern passiert, hat sie beschäftigt. "Ich hatte erwartet, dass noch verbliebene Knochen vielleicht aus der Grabstelle entnommen und anonym an anderer Stelle beigesetzt werden." Das verneint der Fürther Friedhofsleiter Norbert Wagner: "Sie verbleiben in der Grabstätte." Gebeine – allen voran die großen Knochen – brauchen deutlich länger bis zur vollständigen Verwesung und tauchen daher bei der Öffnung einer Ruhestätte regelmäßig auf.

"Stößt man auf Knochen, dann entnehmen unsere Arbeiter diese kurz und verwahren sie diskret neben der Grabstelle. Und wenn die Sargsohle – damit ist die Tiefe eines Grabes gemeint und sie beträgt hier in Fürth 1,80 Meter – erreicht ist, dann graben sie sie ein Stückchen tiefer wieder ein." Weder werden die Knochen eines Verstorbenen anonym beigesetzt noch anderweitig entsorgt, dieser Regelfall gilt für die meisten Friedhöfe: "Sie bleiben an Ort und Stelle, etwas anderes wäre ja auch nicht im Sinne der Verstorbenen."

Die letzte Ruhestätte bleibt also im wahrsten Sinne des Wortes die Letzte, auch wenn das Grab bereits aufgelöst, neu verkauft und wiederbelegt wurde. Ein Gedanke, den Renate Kühnhauser schön und beruhigend findet.

Inzwischen begrüßt Bauaufseher Andreas Lang mit dem Gräberverzeichnis unter dem Arm den 72-jährigen Marin Iovanel, der seine spätere Ruhestätte schon jetzt aussuchen möchte. Beide machen sich auf zu einem Rundgang, immer begleitet von den Eichhörnchen. Lang fasst in seine Tasche, holt eine Nuss heraus und bückt sich. Und es dauert nur ein paar Sekunden, bis eines der Tierchen sich seine Beute schnappt und den nächsten Baum hinaufflitzt.


Katja Kiesel, Volontärin im Magazin: Mit Friedhöfen hatte ich bislang nur wenig Kontakt. Deshalb hat mich während meiner Recherche besonders die Geschichte von Renate Kühnhauser berührt. Weil sie zwar die Entscheidung getroffen hat, das Grab aufzulösen, der Ort für sie aber trotzdem weiterhin eine Bedeutung hat.

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