Erster vollelektrischer AMG

Elektrischer Mercedes-AMG EQS 53 4Matic+: Zeitenwende in Affalterbach

Ulla Ellmer

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22.12.2021, 22:59 Uhr
Mit der Luxuslimousine Mercedes-AMG EQS 53 4Matic+ bricht für die Performance-Marke das elektrische Zeitalter an.

Mit der Luxuslimousine Mercedes-AMG EQS 53 4Matic+ bricht für die Performance-Marke das elektrische Zeitalter an. © Daimler AG

Einfach ein Mercedes – für einen durchaus umfangreichen Käuferkreis ist das nicht genug. Wer besonderen Bedarf nach Leistung hegt, wird bei AMG vorstellig, der Performance-Abteilung des Hauses – 1967 gegründet und in Affalterbach zuhause, kurze 20 Kilometer vom Hauptsitz des Unternehmens in Stuttgart-Untertürkheim entfernt.

Zuständig zeichnete AMG bislang für die Petrolheads unter den Mercedes-Kunden, jenen mit Benzin im Blut also, das wiederum von verheißungsvoll blubbernden Achtzylindern in Wallung gebracht wird. Doch seit es sich abzeichnet, dass die automobile Zukunft wohl elektrisch sein wird, geht man auch in Affalterbach das Unterfangen an, Sprit durch Strom zu ersetzen. „Die Transformation ist eingeläutet“, sagt Michael Knöller, der bei AMG den Bereich Marketing und Sales verantwortet.

Elektrisches Leistungsversprechen

Das ändert auch den Arbeitsauftrag der Ingenieure. Er habe schon ein Wochenende nachdenken müssen, als ihm das Projekt eines ersten elektrischen AMG angetragen worden sei, bekennt Entwickler Jens Hüser. Die Herausforderung ist schließlich nicht unerheblich: Es gilt, die AMG-Käufer davon zu überzeugen, dass sich das besondere Leistungsversprechen der Marke auch elektrisch erfüllen lässt.

Im vorweihnachtlichen Dezember 2021 blickt Hüser nun mit ebenso viel Stolz wie Überzeugung auf jenen Stromer, mit dem die Zeitenwende beginnt: Die Affalterbacher Interpretation der Oberklasse-Limousine Mercedes EQS, die nach ihrem Aufenthalt in der Leistungsschmiede Mercedes-AMG EQS 53 4Matic+ heißt.

Nach WLTP-Standard beträgt die Reichweite bis zu 586 Kilometer.

Nach WLTP-Standard beträgt die Reichweite bis zu 586 Kilometer. © Daimler AG

Schon optisch erfüllt der 5,22 Meter lange Luxusliner das, was AMG-Kunden an markentypischen Insignien erwarten. Vom klassischen EQS unterscheidet sich der AMG 53 durch bissig-vertikale Streben im Grill, eine hochglanzschwarze Frontschürze im sogenannten A-Wing-Design, einen extragroßen Heckspoiler in Kombination mit einem Sechs-Längsfinnen-Diffusor und große 21- oder 22-Zoll-Leichtmetallräder, die Bereifung wurde gemeinsam mit Michelin speziell für elektrische Sportwagen entwickelt. Der Cw-Wert steigt zwar von 0,20 auf nicht ganz so phänomenale 0,23, was aber immer noch eine sehr gute und wichtige Hausnummer ist, denn Aerodynamik spielt – Stichwort Reichweite – beim Fahren mit Strom eine essenzielle Rolle.

Dual-Motor-Konzept

Der Blick ins Datenblatt ergibt, dass der AMG den zivileren EQS erwartungsgemäß überflügelt. Dessen 215 kW/292 bis 385 kW/523 PS steht ein Dual-Motor-Konzept mit 484 kW/658 PS gegenüber. Und auch das ist noch nicht das Maximum, denn das optionale Dynamic-Plus-Paket kitzelt im Race-Start-Modus (Launch Control) kurzzeitig sogar 560 kW/761 PS wach, plus ein Drehmoment von 1020 Newtonmetern.

In Fahrleistung übersetzt bedeutet das 3,4 Sekunden für den Standardsprint von 0 auf 100 km/h sowie eine (abgeregelte) Spitze von 250 km/h; ohne Dynamic Plus schießt der fahrfertig 2,6 Tonnen gewichtige Stromer in auch nicht eben schläfrigen 3,8 Sekunden auf die 100 und schafft 220 km/h.

Um eine solche Leistungssteigerung zu erreichen, haben die Ingenieure einiges angepackt: Neue Wicklungen für die Elektromotoren beispielsweise, stärkere Ströme und eine modifizierte Ansteuerung mittels einer eigens entwickelten Software.

Der EQS besitzt einen besonders windschlüpfigen Zuschnitt.

Der EQS besitzt einen besonders windschlüpfigen Zuschnitt. © Hersteller

So viel zur Theorie. Bevor wir zu einer ersten Ausfahrt starten, sehen wir nach, was an Reichweite möglich ist. Sie wird von einem Lithium-Ionen-Akku der Kapazität 107,8 kWh definiert, der mithilfe eines spezifischen Leitungssatzes an die extrastarke Power angepasst wurde. Die WLTP-Norm kündet von 529 bis 585 Kilometern Strecke, schon eine Ecke weniger als beim „normalen“ EQS, uns stellt der Bordcomputer rund 400 Kilometer in Aussicht.

Allradantrieb und Hinterachslenkung

Fahrtechnisch, das lässt sich nicht anders sagen, erreicht der EQS einen Grad elektrischer Vollkommenheit, der beeindruckt. Ansatzlos extrem die Beschleunigung, von kultivierter Geschmeidigkeit die Kraftentfaltung, die serienmäßige Luftfederung bügelt holprigen Asphalt zur gefühlt flickenfreien Ebene glatt, das exzellent gelungene Fahrwerks-Setup sorgt in Kombination mit Allradantrieb und Hinterachslenkung für herausragende Fahrdynamik und obendrein eine Wendigkeit, die einem Kompakten zur Ehre gereichen würde.

Es fühlt sich gut und richtig an, das Sporteln von lautloser Stärke. Der Pick-up, der neben uns an der Ampel bollert, erscheint wie ein Relikt aus überholter Zeit. Wer trotzdem auf Klangfülle aus ist, kann sich gemäß des gewählten Fahrmodus – fünf an der Zahl – einen vom Computer komponierten „Performance-Sound“ um die Ohren wehen lassen. Geschmackssache, wir haben ihn abgeschaltet, was separat für innen und, mit Rücksicht auf die Umgebung, für außen möglich ist.

Die Verzögerung erfolgt über eine Hochleistungs-Verbundbremsanlage, optional gelangen Keramikbremsen zum Einsatz. Rekuperieren kann der EQS 53 mit bis zu 300 kW, die drei Stufen lassen sich über Lenkradwippen einstellen.

Nimm das, Tesla: Hyperscreen im EQS.

Nimm das, Tesla: Hyperscreen im EQS. © Daimler AG

Das führt zum Blick ins Interieur. Die luxuriöse Innenarchitektur entspricht – garniert mit AMG-typischen Details wie roten Ziernähten – dem des klassischen EQS, zentrales Element ist mithin der spektakuläre Hyperscreen, der drei Bildschirme unter einer Glasfläche vereint und praktisch die gesamte Breite des Armaturenträgers einnimmt. Der AMG-EQS bietet den Hyperscreen serienmäßig, hier bekommt er zusätzliche Anzeigestile und vermittelt einige Extra-Informationen, die Leistungsabgabe in Prozent beispielsweise. Während der Fahrer/die Fahrerin sich aufs Steuern konzentriert, lassen sich auf dem Beifahrersitz Filme gucken oder das Internet konsultieren, ermöglicht durch eine Ausblendfunktion, die fahrerseitiges Herüberlinsen erfolglos macht.

An der Wallbox oder öffentlichen Ladestation tankt der AMG EQS mit bis zu 22 kW, Gleichstrom aus der Schnellladestation bezieht er mit bis zu 200 kW. Im Idealfall sollen knapp 20 Minuten reichen, um Strom für weitere 300 Kilometer Strecke nachzufassen. Dabei hilft ein intelligentes Thermo- und Lademanagement. Bidirektionales Laden, also die Möglichkeit, andere Verbraucher wie E-Bikes zu versorgen, wie es Hyundai Ioniq 5 oder Kia EV6 tun, bleibt allerdings dem japanischen Markt vorbehalten.

Schnellladen wird mit bis zu 200 kW beherrscht.

Schnellladen wird mit bis zu 200 kW beherrscht. © Hersteller

Grüner Strom

Das grüne Gewissen seiner Kundschaft besänftigt AMG mit dem Hinweis, dass im Rahmen des Ladeprogramms „Mercedes me charge“ ausschließlich Öko-Strom aus der Ladestation fließt, ein Versprechen, das man dahingehend einhält, als immer so viel Strom aus erneuerbaren Quellen ins Netz zurückgespeist wird wie vorher entnommen. Und via „Plug & Charge“ gestaltet sich das Laden so unkompliziert, wie man es schon von Tesla kennt – die Ladesäule erkennt das im Vorfeld angemeldete Fahrzeug und startet den Ladevorgang, ohne dass eine App oder Karte bemüht werden muss.

Weitere Stromer folgen

Um in den Genuss des rein elektrischen Fahrens unter AMG-Flagge zu gelangen, muss der Kunde mindestens 152.546 Euro übrig haben. Dieses Geld, so prognostiziert man in Affalterbach, dürften nicht nur bekehrte Petrolheads mit AMG-Vergangenheit investieren. Die Elektrifizierung werde der Performance-Marke „zweifellos eine neue Klientel“ zuführen, sagt AMG-Chef Philipp Schiemer und kündigt an, dass „weitere vollelektrische AMG-Modelle folgen“. Schon bald werden sie auf einer hausspezifisch entwickelten Elektro-Plattform aufbauen. Die Zeitenwende in Affalterbach hat erst begonnen.

Mercedes-AMG EQS 53 4Matic+:

Wann er kommt: Im Januar 2022

Wen er ins Visier nimmt: Tesla Model S Plaid, Porsche Taycan Turbo S

Was ihn antreibt: Zwei Elektromotoren, maximale Antriebsleistung 484 kW/658 PS, mit Dynamic-Plus-Paket 560 kW/761 PS

Was er kostet: Ab 152.546 Euro

Was noch folgt: Vermutlich eine Maybach-Variante

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