Lehren aus 2021

Vertrauen statt Spaltung: Anders schaffen wir es nicht!

2.1.2022, 16:14 Uhr
Zusammenhalt, Vertrauen, Respekt: Nur mit diesen Werten, schreibt unsere Autorin, werden wir als Gesellschaft bestehen können.
 

Zusammenhalt, Vertrauen, Respekt: Nur mit diesen Werten, schreibt unsere Autorin, werden wir als Gesellschaft bestehen können.   © imago images/Ikon Images

Dies ist kein Weihnachtsmärchen. Zwei Mitglieder meiner Familie sind ungeimpft. Dennoch kommen wir weiterhin gut miteinander aus. Man redet, versucht zu überzeugen, zeigt gegenseitig Respekt. Trotzdem: Wir führen sehr unterschiedliche Leben, die Ungeimpften unserer Familie haben sich stark zurückgezogen, vermeiden Kontakte, wenn irgend möglich. Die dreifach Geimpften dagegen treffen sich regelmäßig und gehen in Restaurants.

Sicherlich ist meine Familie nicht die einzige, die mit einer solchen Situation zu tun hat. Doch die Datenlage bleibt mau: Wir kennen die Lage in unserem Land nicht genau genug. Auch deshalb huldigt man dem Lagerdenken, teilt ein in Gut oder Böse. Wir sollten umsichtiger sein. Die Geimpften oder Genesenen unterscheiden sich nach Impfstoff, Zeitpunkt der Genesung, ihrer Konstitution, ihrem Umfeld. Die Gruppe der Ungeimpften ist noch heterogener. Viele dürfen sich aus gesundheitlichen Gründen nicht impfen lassen. Andere, wie meine Verwandten, wollen es nicht, ohne zu Verschwörungstheorien zu neigen oder sie gar zu vertreten. Und das Wichtigste: Die meisten Ungeimpften dürften noch immer nicht erreicht worden sein.

Die Gruppe der eigentlichen Corona-Leugner ist nicht sehr groß

Sie gehören zu den Unsichtbaren unserer Gesellschaft, es sind Menschen, die nicht verteufelt, sondern aufgesucht werden müssen. Das ist keine Binse. Die hohe Impfquote in Bremen, einer Stadt mit sehr hoher Armutsgefährdungsquote, zeigt, was öffentliche Stellen durch aufsuchende Hilfe erreichen können.

Daraus können wir schließen: Die Gruppe der eigentlichen Corona-Leugner ist nicht sehr groß. Da sie aber sehr gut organisiert ist und sich aufgrund zunehmender Gewalt in den Vordergrund schiebt, dominiert sie den öffentlichen Diskurs und lässt alle Ungeimpften als Corona-Leugner erscheinen. Aus dieser Vereinnahmung wird eine "Polarisierung", das ist misslich. Denn es gibt nicht die zwei "Lager", es gibt viele Gruppen in unserer Gesellschaft.

Jutta Allmendinger leitet seit 2007 das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung.

Jutta Allmendinger leitet seit 2007 das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. © imago images/Jürgen Heinrich

Spaltungsnarrative sind Gift für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, für Vertrauen und Respekt. Sie nehmen uns die Chance, die großen Herausforderungen unserer Zeit anzugehen, in der gebotenen Geschwindigkeit. Ohne Vertrauen – jenem Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält – werden die Klimaziele nicht zu erreichen sein, sind die technologisch und demografisch bedingten Umbrüche auf dem Arbeitsmarkt nicht zu bewältigen, ist die Zukunft nicht zu gestalten. Unser Umgang mit dem schlauen und wendigen Virus ist der Lackmustest für die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft.

Wenn dem so ist, könnten wir von der Pandemie, die im Vergleich zu den anderen Herausforderungen fast klein erscheint, viel lernen. Vielleicht blicken wir eines Tages sogar zurück und danken dem Virus ob der Lektionen, die es uns gelehrt hat. Ich greife drei dieser Lektionen heraus.

Wissenschaft genießt hohes Vertrauen

Erstens: Politik, Wissenschaft und Gesellschaft haben sich zueinander neu aufgestellt. Die Wissenschaft genießt hohes Vertrauen in der Bevölkerung und wird gehört. So viel prime time, so viel direkten Austausch mit der Politik hatte sie selten. Und auch wenn es zu Beginn "nur" die Virologie war, so sah man bald, dass es ohne die anderen Wissenschaften nicht geht. Das medizinische Know-how, die Entwicklung des Impfstoffs sind das Eine, um die Pandemie in den Griff zu bekommen – Fragen des Rechts, der Ethik, der Akzeptanz und des gesellschaftlichen Miteinanders das notwendige Andere.

Die Wissenschaft ist in ihrer Breite sichtbar geworden, arbeitet verstärkt miteinander und nimmt den Transfer auch in die Zivilgesellschaft ernster. So war 2021 ein regelrechtes Jahr der Podcasts und Wissenschaftssendungen. Beides, das Miteinander der Wissenschaften und den Transfer in Politik und Gesellschaft, gilt es zu erhalten, ohne die Grundlagenforschung zu schwächen. Nur durch sie haben wir wichtiges Wissen über die SARS-Viren, nur sie hat die Entwicklung des Impfstoffs ermöglicht.

Zweitens: Die Pandemie zeigt uns, dass Menschen nur dann Seite an Seite Herausforderungen angehen können und wollen, wenn sie sich zugehörig fühlen, auf Augenhöhe zueinander stehen. Hier ist die neue Regierung im Besonderen gefordert – und zeigt im Koalitionsvertrag viele gute Ansätze: Mindestlohn, Weiterbildung bei bezahlter Freistellung, Bürgergeld, Rentenabsicherung, insbesondere aber auch Kindergrundsicherung, deutliche Stärkung des Bildungs- und Teilhabegesetzes, Ausbau von Kitas und Ganztagsschulen, BAföG-Reform. All das stärkt die junge Generation und hat das Potenzial, Bildungsarmut und ihre negativen Folgen in kultureller, sozialer und finanzieller Hinsicht deutlich abzubauen.

Auch die Wiedereinrichtung des Ministeriums für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen setzt ein Zeichen. Sozialer Wohnungsbau, ökologisch und sozial integrativ gestaltet, ist ein Schlüssel für eine Gesellschaft der Begegnung. Nicht nur zu Weihnachten wünsche ich mir sehr, dass diese Pläne trotz und wegen der Pandemie entschlossen umgesetzt werden.

Medien sind ihrer Verantwortung nachgekommen

Drittens: In der Pandemie sind auch die Medien weit überwiegend ihrer Verantwortung nachgekommen. Es gibt zwar schädliche Angriffe wie die der Bild-Zeitung auf einzelne Forschende, doch sie wurden umgehend und auf breiter Front als das bezeichnet, was sie sind: inakzeptabel. Viele andere Zeitungen sind darum bemüht, zu informieren und aufzuklären. Auch die Talkshows in den öffentlichen-rechtlichen Sendern, so jedenfalls mein Eindruck, verzichteten auf die sonst oft lärmenden Auseinandersetzungen und setzten auf Sachlichkeit.

Das Laute, das Polarisierende wird uns nicht durch diese Pandemie bringen und erst recht nicht durch die großen weiteren Herausforderungen, vor denen wir stehen: Klimawandel, Bevölkerungsalterung, Digitalisierung. Ich setzte darauf, dass wir es schaffen, die vielen guten Ansätze, die wir dieses Jahr gesehen haben, fortzuführen.


Jutta Allmendinger, die 65-jährige Soziologin ist in Nürnberg vielen noch als Chefin des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Erinnerung, an dessen Spitze sie vor ihrem Wechsel nach Berlin stand. Sie ist Autorin zahlreicher Bücher.

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