Mehr Sicherheit? So nutzt die Treuchtlinger Polizei ihre Body-Cams

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4.1.2021, 06:01 Uhr
Die Body-Cam wird in eine Schlaufe auf der Polizeiweste eingehängt. Über den Schieberegler (rechts oben) wird sie entriegelt und über den Knopf (mittig) aktiviert.

Die Body-Cam wird in eine Schlaufe auf der Polizeiweste eingehängt. Über den Schieberegler (rechts oben) wird sie entriegelt und über den Knopf (mittig) aktiviert. © Foto: Lidia Piechulek

So groß wie eine Zigarettenschachtel, klebt der signalfarbene Apparat sicher auf der Polizeiweste. Die Body-Cam ist durch einen Schieberegler einsatzbereit. Polizeihauptmeister Andreas Minnameyer verlässt den Streifenwagen, vor wenigen Minuten wurden er und seine Kollegen zur Verstärkung hinzugerufen.

Der Polizeibeamte erinnert sich noch an viele Details aus diesem Einsatz im jüngst vergangenen Corona-Jahr 2020. Ein Kunde in einem Getränkemarkt weigerte sich, einen Mund-Nasen-Schutz aufzusetzen. Auch der Aufforderung, dem Inhaber ein ärztliches Attest vorzuzeigen, kam er nicht nach. Als die erste Polizeistreife kam, war der Mann extrem aufgebracht. "Verbale Beruhigung und taktisch-kommunikative Mittel waren da schon nicht mehr möglich", berichtet Minnameyer.

Andreas Minnameyer glaubt an die präventive, nicht messbare Wirkung der Body-Cam. Bisher hat er noch keine strafrechtlich relevanten Aufnahmen damit gemacht.

Andreas Minnameyer glaubt an die präventive, nicht messbare Wirkung der Body-Cam. Bisher hat er noch keine strafrechtlich relevanten Aufnahmen damit gemacht. © Foto: Lidia Piechulek

Gut 15 Minuten hatte die erste Streife eben diese Methoden probiert und war gescheitert. Kurz darauf trifft Minnameyer mit dem zweiten Polizeiauto ein. Er steigt aus, und unterbricht das Geschrei des erregten Manns mit ruhiger, lauter Stimme: "Ich werde Sie jetzt aufzeichnen in Bild und Ton." Anschließend betätigt er den großen gelben Knopf. Der Mann verstummt augenblicklich, die Situation entspannt sich. Er hört auf, die Polizisten mit dem Handy zu filmen, und löscht die Aufnahme freiwillig.

Die Verwendung ist freiwillig

Vielleicht sei es die Einsicht über sein unangebrachtes Verhalten gewesen, die dem Mann dämmerte, sinnieren Minnameyer und Dienststellenleiter Dieter Meyer jetzt, Monate später, in ihrem Büro. Fakt ist, dass die Body-Cam auf subtile Weise immer wieder Situationen deeskaliere. Sie bringt Menschen dazu, "sich zurückzunehmen", erklärt Minnameyer. Es ist wohl das Phänomen, das viele Menschen kennen, wenn sie sich in einem Bereich aufhalten, der videoüberwacht ist. Unabhängig davon, ob die Kameras ein- oder ausgeschaltet sind, fragt man sich doch unbewusst, ob man gerade alles richtig macht.


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Laut Dieter Meyer ist die Body-Cam auch dann ein nützliches Instrument, wenn zwei Polizisten mehreren Personen entgegentreten. In der Anonymität einer großen Gruppe gebe es manchmal Menschen, die respektlos gegenüber den Beamten auftreten. Wenn die Body-Cam präsent ist, sei jene Anonymität nicht mehr gegeben. Dann verändere sich das Verhalten der "Pöbler" von Grund auf, weiß Meyer: "Man kennt sich ja hier auf dem Land." Und wenn es Beweisvideos geben könnte, benehme man sich dann doch lieber.

Minnameyer ist sich sicher, dass die Kamera häufig durch ihre bloße Präsenz einen Dienst leistet. Im Spätsommer 2019 wurden die Dienststellen in ganz Mittelfranken mit insgesamt 183 Body-Cams ausgestattet. Die Treuchtlinger Wache erhielt im September 2019 zwei Apparate, die seither von Schicht zu Schicht weitergegeben werden.

Kamera läuft nur selten

Die Verwendung der Kameras ist für die Polizisten freiwillig, in Treuchtlingen hat sich die große Mehrheit der Beamten dafür entschieden. Auf Vorbehalte in der Bevölkerung ist Andreas Minnameyer bisher nicht gestoßen. Allerdings beantwortet der Grabener häufig neugierige Fragen über die genaue Nutzung des Geräts.

Tatsächlich läuft die Body-Cam die meiste Zeit nicht mit. Wenn ein Beamter sie aktiviert, muss er das sämtlichen anwesenden Personen mitteilen. In Privatwohnungen, bei Versammlungen und im Verkehrsbereich darf sie nicht aufzeichnen. Und nur uniformierte Beamten dürfen sie – deutlich sichtbar – mit sich führen.


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Wenn ein Polizist strafrechtlich relevante oder anderweitig bedenkliche Szenarien gefilmt hat, muss er das in der Dienststelle umgehend melden. Denn die Aufnahmen überschreiben sich alle 24 Stunden von selbst. Dann werden die Aufnahmen gemeinsam mit dem Dienstgruppen- und schließlich mit dem Dienststellenleiter angeschaut und weitere Maßnahmen eingeleitet.

Die Aufnahme als Beweisstück

In der Treuchtlinger Polizeiinspektion war das bisher kaum der Fall. Kurz nach der Einführung der Body-Cam im Oktober vergangenen Jahres hielt sie allerdings in einem entscheidenden Moment alles fest: Damals verschanzte sich ein psychisch angeschlagener Mann in einer Garage in der Elkan-Naumburg-Straße. Als ein Beamter versuchte, über ein offenes Fenster hineinzugelangen, schlug der Mann die Fensterscheibe mit voller Wucht zu. Der Beamte erlitt durch das splitternde Glas eine tiefe Schnittwunde und war danach mehr als sechs Wochen dienstunfähig.

Sein Kollege hatte den Vorfall allerdings von Anfang an mit der Body-Cam aufgezeichnet. Dieser Film diente später als Beweisstück für die Kriminalpolizei im darauffolgenden Ermittlungsverfahren.

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