Prozess um tödlichen Autounfall in Franken

20-Jährige bei Autounfall in Franken getötet: Urteil wird heute erwartet

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Ulrike Löw

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27.10.2021, 06:56 Uhr
Theresa Stahl wurde 20 Jahre alt. Im April riss sie ein betrunkener Fahranfänger aus dem Leben.

Theresa Stahl wurde 20 Jahre alt. Im April riss sie ein betrunkener Fahranfänger aus dem Leben. © privat

Am frühen Morgen des 23. April 2017 liefen Theresa Stahl (20) und ihr Freund nach Hause - sie hatten am Abend vorher seinen Geburtstag in einer Disco in Würzburg gefeiert, ein Bekannter nahm das junge Paar mit. Kurz vor Untereisenheim setzte er die beiden ab, sie wollten auf der Landstraße nach Hause laufen.

Sechs Tage Koma

Gegen 3.40 Uhr wurde Theresa Stahl von einem dunkelblauen VW Golf erfasst - ihr Hinterkopf knallte auf die Windschutzscheibe, sie wurde 13 Meter weit in ein Feld geschleudert. Ihr Freund wählte den Notruf. Der Golf fuhr davon.

Sechs Tage lag die junge Frau im Koma. Am 28. April 2017 schalteten die Ärzte die Geräte ab, die Eltern standen an Theresas Bett. Ein Kind zu verlieren - kann Eltern etwas Schlimmeres passieren?

Theresa wurde nur 20 Jahre alt. Ihre Familie engagiert sich gegen Alkohol am Steuer.

Theresa wurde nur 20 Jahre alt. Ihre Familie engagiert sich gegen Alkohol am Steuer. © www.gegen-alkohol-am-steuer.de, NNZ

Warum musste ihre Tochter sterben? In diesen Tagen hoffen Ronald Stahl, der Vater, seine jüngere Tochter Annabell und ihre Mutter, dass vor dem Landgericht Würzburg doch noch ans Licht kommt, was in jener Nacht geschah. Mit ihrem Rechtsanwalt Philipp Schulz-Merkel kämpfen sie darum, dass der Unfallhergang rekonstruiert wird, bisherige Wissenslücken geschlossen werden können und die Aufklärung am Ende der Wahrheit so nah wie möglich kommt.


Vater: "Ich will ein Urteil, das ich auch verstehen kann!"


Ronald Stahl fordert ein Urteil, dass "wir verstehen können"- denn ein Urteil, das seine Familie und viele Menschen in diesem Land fassungslos zurück ließ, hat er im Oktober 2019 bereits bekommen. Es fiel so milde aus, dass sich selbst der Richter bemüßigt fühlte, es der Familie später persönlich noch einmal zu erklären. Der Todesfahrer Niclas H. erhielt 5000 Euro Geldstrafe und ein Jahr Fahrverbot.

Muss man nur genügend trinken und kann sich dann alles erlauben?

Über den Sinn und Zweck von Strafen im Rechtsstaat gibt es viele Straftheorien. Der Rechtsfrieden soll wieder hergestellt werden, Opfer von schweren Straftaten können vielfach das erlittene Leid besser verarbeiten, wenn sie sehen, dass die Täter bestraft werden. Und der Sinn der Strafe liegt auch darin, dem Straftäter die Verarbeitung seiner Schuld zu ermöglichen, zu sühnen.

Im Jugendstrafrecht - und es ist offen, ob dies im Fall von Niclas H. angewendet wird - steht der Erziehungsgedanke an erster Stelle.

Diskussion über die Schuldunfähigkeit von stark betrunkenen Tätern

Doch fest steht: Dieser erste Strafprozess gegen Niclas H. schaffte all dies nicht. Niclas H. hat zwei Suizid-Versuche unternommen. Und nach dem Urteil entbrannte eine bundesweite Diskussion über die Schuldunfähigkeit von stark betrunkenen Tätern. Damals verlor Ronald Stahl, so sagt er, fast den Glauben an den Rechtsstaat. Muss man nur genügend trinken und kann sich dann alles erlauben? Deshalb hofft die Familie in der Berufungsinstanz auf ein Urteil, das auch verständlich ist.

700 Menschen besuchten die Trauerfeier

Theresa sah so friedlich aus, erinnerte sich ihr Vater Ronald Stahl im Gespräch mit unserer Zeitung im Herbst 2020. Er schilderte, dass er kaum glauben konnte, wie schnell ein warmer Körper kalt werden kann. Einige Mitglieder der Familie suchten damals psychologische Hilfe, doch als Handwerksmeister hat Ronald Stahl auch einen Betrieb zu führen - er schluckte Tabletten, um schlafen zu können.

Etwa 700 Menschen kamen damals zur Beerdigung. Theresa Stahl war beliebt, für die Familie war die große Trauerfeier zumindest ein Trost.

Mit der Aufkleber-Aktion „Gegen Alkohol am Steuer“ warnt Ronald Stahl. Unter diesem Titel betreibt der Vater der getöteten Theresa Stahl auch eine Internetseite.

Mit der Aufkleber-Aktion „Gegen Alkohol am Steuer“ warnt Ronald Stahl. Unter diesem Titel betreibt der Vater der getöteten Theresa Stahl auch eine Internetseite. © Ulrike Löw, NNZ

Die Familie versucht, der Trauer auch mit ihrer Initiative "Gegen Alkohol am Steuer" zu begegnen. Es gibt Aufkleber und eine Internetseite - das Symbol ist ein Pfeil - diesen Pfeil trug Theresa als kleines Tattoo auf ihrer linken Ferse. Der Pfeil bildete ihr Lebensmotto ab: Immer nach vorne blicken. Aber bevor die Familie nach vorne blicken kann, muss sie endlich wissen, was damals geschah.

Das Drama ereignete sich in den frühen Morgenstunden des 23. April 2017. Derzeit rollt das Landgericht Würzburg das Strafverfahren neu auf.

Das Drama ereignete sich in den frühen Morgenstunden des 23. April 2017. Derzeit rollt das Landgericht Würzburg das Strafverfahren neu auf. © News5/Höfig

Doch die Wendungen im Landgericht Würzburg, sie wollen nicht enden. Ronald Stahl hat mit Rechtsanwalt Schulz-Merkel die tödliche Autofahrt immer wieder erörtert - und auf Widersprüche gezeigt, etwa im Gutachten. Und nun belastet ihn auch noch die Frage, ob Theresa absichtlich überfahren wurde.

Mit drei Promille durch die Nacht: Theresa Stahl und ihr Freund liefen nach Hause, auf der kurvigen Landstraße wurde die junge Frau von dem VW Golf erwischt.

Mit drei Promille durch die Nacht: Theresa Stahl und ihr Freund liefen nach Hause, auf der kurvigen Landstraße wurde die junge Frau von dem VW Golf erwischt. © NEWS5 / Höfig

Am Abend vor dem tödlichen Unfall hatte Niclas H., damals 18 Jahre, das Weinfest in Untereisenheim besucht. Nach 1 Uhr nachts driftete er mit seinem Golf über den Parkplatz, legte sich in die Kurve und zeichnete mit den Reifen Kreise ins Erdreich. Später nahm er drei Kumpels mit nach Hause, die Fahrt ging mehrere Kilometer entlang einer kurvigen Landstraße.

Er ist an Alkohol gewöhnt - er trinkt seit seinem 11. Lebensjahr

H., dies wurde im Prozess öffentlich, trinkt seit seinem 11. Lebensjahr. Er ist an Alkohol gewöhnt. Doch in erster Instanz folgerte der Gerichtspsychiater, dass Niclas H. zum Tatzeitpunkt aufgrund seines Rausches schuldunfähig war - der erste Baustein zum übermäßig milden Urteil.

Gutachter, so heißt es im Gesetz, sind Gehilfen der Richter. In Straf- und Zivilprozessen wird über ärztliche Kunstfehler oder Baumängel gestritten, und die Sachverhalte werden von Fachleuten für die Richter beurteilt. Prüfen müssen Richter trotzdem. Sie können nicht einfach einen Haken unter ein Gutachten setzen, urteilen müssen sie selbst. Das Amtsgericht hätte in erster Instanz ein weiteres Gutachten in Auftrag gegeben können, stattdessen wurden die Akten nach rascher Verhandlung geschlossen.

Psychiater hält den Angeklagten nun für schuldfähig

In zweiter Instanz nimmt sich das Landgericht Würzburg dagegen Zeit. Ein weiteres Gutachten von einem weiteren Psychiater wurde eingeholt. Auch weil der Nebenkläger-Anwalt Schulz-Merkel zweifelte. Wie soll Niclas H. erst auf dem Parkplatz enge Kreise drehen und sich anschließend alkoholbedingt überhaupt nicht mehr kontrollieren können? "Alles auf den Alkohol zu schieben konnte die Nebenklage nicht akzeptieren", sagt Schulz-Merkel.

Und als der Notarzt, der Niclas H. in der Unfallnacht untersuchte, erneut zu Wort kam, und diesmal fragte das Landgericht Würzburg genauer nach, änderte auch der erste Psychiater seine Einschätzung: Niclas H. sei an große Mengen Alkohol gewöhnt, er konnte sich noch steuern - damit gilt der Angeklagte nun als schuldfähig.

Horror-Geschichte als Party-Tratsch: Wurde Theresa absichtlich gerammt?

Vermummt unter Kapuzen und Sonnenbrillen schützen sich die Angeklagten vor den TV-Kameras und den Fotografen. Die Verhandlung erregt bundesweite Aufmerksamkeit.

Vermummt unter Kapuzen und Sonnenbrillen schützen sich die Angeklagten vor den TV-Kameras und den Fotografen. Die Verhandlung erregt bundesweite Aufmerksamkeit. © NEWS5 / Höfig

Doch die Neuauflage des Strafverfahrens hatte gerade begonnen, da meldete sich eine Zeugin mit einer Horror-Geschichte bei der Polizei. Ein halbes Jahr nach der Todesfahrt soll Beifahrer Marius H. auf einer Geburtstagsfeier erzählt haben, er selbst habe Niclas H. dazu angestachelt, die Fußgängerin zu rammen. "Fahr´ sie um oder überfahr' sie" soll er "im Spaß" gesagt haben. Eine Geschichte, die sie über zwei Ecken von einem Freund gehört haben wollte.

In Unterfranken rissen die Gerüchte nie ab. Wie war es zu dem Unfall gekommen? War wirklich Niclas H. gefahren - oder einer seiner Kumpels? Wie kann es sein, dass keiner der jungen Männer den Notruf wählte? 900 Meter nach dem Unfall blieb Niclas H. mit seinem Golf in einem Graben liegen. Seine drei Kumpels gingen heim und legten sich schlafen: "Ein erbärmliches Verhalten", kommentierte der Staatsanwalt.

Mordverdacht steht im Raum

Nach dem Party-Tratsch stand nun ein Mordverdacht im Raum. Fahrer Niclas H. und Beifahrer Marius H. wurden im September 2020 festgenommen - die Rede war von Anstiftung zum Mord und von Mordverdacht. Seit Dezember 2020 sind beide aus der U-Haft entlassen, und das Landgericht führt keinen Mordprozess, sondern hat erneut mit der Berufungsverhandlung begonnen.

Ob die Äußerung "Fahr sie um!" im Auto wirklich gefallen ist, ist schwer aufzuklären. Beifahrer Marius H. bestreitet es, die junge Zeugin, die sich an die Polizei gewandt hatte, wusste zeitweise plötzlich nicht mehr genau, von wem sie die Geschichte gehört haben will.

Auch zwei Gäste der damaligen Geburtstagsfeier verstrickten sich in Widersprüche. Doch gleichzeitig meldete sich auch die Ex-Freundin von Niclas H. zu Wort, Niclas habe ihr angeblich im Suff von der Aufforderung "Fahr sie um"" berichtet. Niclas H., er hat seit dem Unfall zwei Suizid-Versuche unternommen, schweigt.

Doch warum hätten sich all die Zeugen diese Horror-Geschichte ausdenken sollen? Das Gericht wird sich mit diesen Fragen auseinander setzen müssen - und die Richter müssen sich entscheiden, was sie glauben.

Gerade sind die Urteile gegen die beiden Mitfahrer auf der Rückbank des VW Golf rechtskräftig geworden; unterlassene Hilfeleistung bringt beiden Geldstrafen ein. Die Staatsanwaltschaft und die Nebenklage zogen ihre Berufung gegen das Urteil aus erster Instanz zurück.

Man darf dahinter eine raffinierte Überlegung vermuten: Nun sind die Mitfahrer nicht mehr angeklagt. Sie haben damit ihr Recht zu schweigen, die Aussage zu verweigern und auch zu lügen, verloren. Das Gericht könnte die beiden jungen Männer als Zeugen holen, im Zeugenstand sind sie zur Wahrheit verpflichtet.

Urteil wird am Mittwoch erwartet

Auf ihrer Internetseite "Gegen Alkohol am Steuer" stellt die Familie seit einiger Zeit verzweifelte Fragen: "Gibt es noch mehr da draußen, die was wissen? Habt Ihr Infos, die zur weiteren Aufklärung beitragen können?"

Am Mittwoch soll plädiert werden, nach den Abschlussvorträgen des Staatsanwalts, des Nebenklägers der Familie und der Verteidigung will das Gericht sein Urteil sprechen.