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30. Oktober 1970: Ein einmaliges Jubiläum

500mal das Leben gerettet - 30.10.2020 07:00 Uhr

Kreszensia E. wird von Oberarzt der IV. Medizinischen Klinik, Dr. Ries, an die künstliche Niere angeschlossen.

22.10.2020 © Foto: Volker Ranke


500mal (in Worten: fünfhundert) ist der Nürnbergerin Kreszensia E. das Leben wiedergegeben worden. Aus Anlaß dieses im ganzen Bundesgebiet einmaligen Jubiläums setzten sich in der IV. Medizinischen Klinik der Städtischen Krankenanstalten Patienten, Schwestern und Ärzte an einen freundlich gedeckten Tisch. Klinik-Chef Professor Ullrich Geßler überreichte Frau E. Blumen und gratulierte: "Den 500. Geburtstag feiert nicht jeder." Der 500. Geburtstag bedeutet, daß die Frau, deren Nieren nicht mehr arbeiten, schon fünfhundert Mal an eine künstliche Niere angeschlossen worden ist. So lange hat in der Bundesrepublik noch niemand das Versagen seiner Nieren überlebt. Und jede Dialyse bedeutet in der Tat ein neues Leben, denn ohne die künstlichen Nieren wäre Kreszensia. E. schon im Jahre 1965 gestorben. Zweimal in der Woche legt sich die 56 Jahre alte Patientin für vierzehn Stunden in die IV. Medizinische Klinik. Mit ihr verbringen zwölf Schicksalsgenossen die Nacht an den komplizierten Apparaten. Von den Betten aus verfolgen sie das Fernsehprogramm oder schlafen.

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Frau Engelhart liest, während ihr Blut für einen neuen Lebensabschnitt gereinigt wird, gerne Witzhefte und Illustrierte. Die von unverwüstlichem Lebensmut geprägte Frau hat, wie ihr Ehemann erzählt, die Nierenkrankheit als Erbanlage mitbekommen. Vier Schwestern und ihre Mutter starben daran, und auch Frau Engelhart hätte kaum eine Lebenschance gehabt, wenn nicht drei Ärzte in der IV. Medizinischen Klinik ein Nierenzentrum aufgebaut hätten: Professor Ullrich Geßler und die Oberärzte Dr. Georch Ries und Dr. Horst Weidinger. Inzwischen gehört das Zentrum zu den drei größten in der Bundesrepublik. Es versorgt derzeit 35 Patienten, einen davon in Heimdialyse. Er hat seinen Lebensspender zu Hause stehen. Es klingt leiser Stolz durch, wenn Professor Geßler sagt: "Bis jetzt haben wir noch keinen Menschen abgewiesen. Und seit Januar 1966, glaube ich, ist auch niemand in Nürnberg mehr an akutem Nierenversagen gestorben."

Im Faschingskostüm zur Dialyse

Die 35 Patienten teilen sich insgesamt 19 "Plätze". Nachdem die große mustergültige Anlage steht, gehen die 50 Zentimeter langen künstlichen Nieren, die nur einmal benützt und dann beseitigt werden, am meisten ins Geld. Vielleicht klingt es makaber, aber erst kürzlich ist eine Sendung frischer Nieren eingetroffen. Die Nieren liegen in Kartons aufgestapelt bereit, zwei wurden durch den Transport unbrauchbar. So von Nieren zu schreiben, wäre vor wenigen Jahren undenkbar gewesen, aber in der von Wissenschaft und Technik geprägten Zeit ist es möglich. Die Patienten in dieser Abteilung der IV. Medizinischen haben gelernt, mit der schweren Krankheit zu leben. Die Lebensrettungsaktion ist alltäglich geworden. Kreszensia kam vor zwei Jahren sogar im Faschingskostüm zur Dialyse. Und doch sind die Patienten, Frauen und Männer, Jüngere und Ältere, eine verschworene Gemeinschaft geworden, die ein bißchen der Gemeinschaft der Soldaten in Schützengräben ähnelt.

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Jeder der Patienten weiß, daß es in dieser oder vielleicht in der nächsten Nacht doch einmal Komplikationen mit bösem Ausgang geben könnte. Aber schon schickt sich ein weiterer Patient an, die Zahl der 500 Dialysen vollzumachen. Inzwischen sucht Professor Dr. Geßler weiter nach Möglichkeiten, die Heimdialyse fortzuentwickeln, denn ihr gehört die Zukunft. Kleine Nierenzentren in Weiden und Selb sind bereits entstanden. Neue Pläne sollen Ansbach, Bayreuth, Coburg und Hof in die Nieren-Versorgung mit einbeziehen. Denn noch immer setzt bei einem totalen Nierenausfall ein Wettrennen mit der Zeit ein, und noch immer müssen Menschen daran sterben. Aber Kreszensia E. belehrt an ihrem 500. "Geburtstag" nach den Worten Professor Geßlers viele Menschen darüber, daß man nicht zu verzagen braucht.

Siegfried Ruckdeschel

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