Sonntag, 28.02.2021

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Abschiebung von Asef N.: "Polizeieinsatz wird verharmlost"

Augenzeugen widersprechen Bericht von der Abschiebung eines Berufsschülers - 12.07.2017 21:16 Uhr

Mit Hunden und Gewalt ging die Polizei gegen Nürnberger Berufsschüler vor.

31.05.2017 © Michael Matejka


Sie haben nach dem Bericht vom Polizeieinsatz im Innenausschuss einen Brief an die Abgeordneten geschrieben, in dem Sie Ihre eigenen Beobachtungen schildern. Warum?

Christopher Krieghoff: Was im Innenausschuss als offizielle Darstellung der Geschehnisse abgegeben wurde, lässt sich einfach nicht mehr mit unseren Beobachtungen in Deckung bringen. Was dort vom Polizeieinsatz berichtet wurde, war verkürzt, verharmlosend und beschönigend. Das hat uns bewogen, noch einmal unsere Wahrnehmung darzustellen. Wir setzen unsere Sichtweise aber nicht absolut. Uns ist durchaus bewusst, dass jeder immer nur einen Teil der Wirklichkeit wahrnimmt. Aber wir drei, denke ich, haben doch einen ziemlich guten Überblick über die Situation bekommen, denn das Gelände war überschaubar.

Pfarrerin Cornelia Auers (links), Dekan Christopher Krieghoff und Pfarrerin Sonja Dietel kritisieren die Polizei.

12.07.2017 © Günter Distler


Cornelia Auers: Mich hat dieser Abschlussbericht vom Innenausschuss erschreckt. Wie man die Situation so darstellen und den Polizeieinsatz rechtfertigen kann, das finde ich nicht in Ordnung.

Was kritisieren Sie genau?

Auers: Was jetzt berichtet wird, was rund um den Polizeiwagen passiert sein soll, das konnten wir so nicht beobachten. Zum Beispiel, dass Flaschen geflogen sind. Wir haben keine gesehen und danach auch keine Scherben. Auch die Erklärung, die Gewalt sei allein von Linksautonomen ausgegangen, können wir so nicht bestätigen.

Krieghoff: Für mich ist noch immer die Frage offen, ob die Gewalt überhaupt von Linksautonomen ausging. So lautet ja nun die offizielle Sprachregelung. Wir sagen aber: Wir haben wahrgenommen, dass die Anwendung polizeilichen Zwangs nicht erst als Reaktion auf irgendwelche Angriffe erfolgt ist, sondern von der Polizei kam, die gegen die Demonstranten vorging, die auf der Straße saßen.

Asef N. stand mit Unterstützerinnen im Hof des Nürnberger Amtsgerichts.

01.06.2017 © dpa


Aber offenkundig kamen ja auch Demonstranten von außerhalb, die sich unter die Schüler mischten.

Krieghoff: Ja, es sind immer mehr Menschen geworden — zum Teil kamen Passanten hinzu, Mitglieder unserer Gemeinde und wahrscheinlich auch Menschen aus der linken Szene — das ist sicher keine Erfindung. Auch, wenn es keine Vermummten gab oder einen schwarzen Block. Aber die Behauptung, es sei zwischen Polizei und Demonstranten alles zunächst ganz einvernehmlich und friedlich verlaufen, bis die Linksautonomen kamen und alles gestört haben, das stimmt einfach nicht. Ich glaube, da instrumentalisiert die Politik die Linksautonomen im Nachhinein zur eigenen Rechtfertigung.

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Am Mittwochmorgen führte die Polizei einen jungen Schüler aus der Nürnberger Berufsschule am Stadtpark. Der 21-jährige Afghane sollte in sein Heimatland abgeschoben werden. Doch die Situation eskalierte.


Gegen 19 Demonstranten wird ermittelt, 10 sollen aus dem linksautonomen Spektrum stammen. Bezweifeln Sie das?

Krieghoff: Nein, dass es Verfahren gibt, glaube ich. Wobei ja nicht gesagt ist, ob die Verfahren wegen Körperverletzung oder Widerstand gegen die Staatsgewalt laufen. Den gab es natürlich massiv. Ich habe auch eine Situation hautnah miterlebt, als zwei Polizisten auf einem liegenden Demonstranten knieten. In dem Moment kam ein anderer Demonstrant und sprang einen der Polizisten an und versuchte ihn von dem Demonstranten wegzuziehen. Gegen den läuft nun sicherlich ein Verfahren. Aber es steht ja auch gar nicht infrage, dass einzelne Teilnehmer Polizisten körperlich attackiert haben. Aber genauso haben wir auch beobachtet, wie Polizisten gegen am Boden sitzende Demonstranten gewaltsam vorgingen.

Als die Nürnberger Polizei Verstärkung durch den Erlanger Einsatzzug bekommen hat, was passierte da Ihrer Ansicht nach?

Auers: Manche der Polizisten, ich sage bewusst nicht alle, sind sehr massiv aufgetreten. Ich habe zum Beispiel einen Beamten gesehen, der einem Demonstranten Pfefferspray vor das Gesicht gehalten hat und gesagt hat "weich zurück". Andere hatten Schlagstöcke und Hunde. Das war eine klare Drohkulisse. Da war ganz klar: Ich habe die größere Gewalt.

Haben Sie Verletzte gesehen?

Auers: Ja. Manche Demonstranten hatten Striemen am Hals. Eine Teilnehmerin blutete am Kopf.

Was bewegt Sie sechs Wochen nach dem Einsatz noch daran?

Krieghoff: Ich finde, das Schlimme an dem Fall ist eigentlich diese Schwarz-Weiß-Malerei. Was vergäbe sich denn die Politik, wenn sie sagt, der Einsatz ist aus dem Ruder gelaufen. Denn das ist er ja. Man könnte dazu stehen und es das nächste Mal anders machen. Allerdings war das Ziel der Polizei ja von Anfang an, den Flüchtling wegzubringen, was seine Mitschüler wiederum verhindern wollten. Da gibt es natürlich keinen Kompromiss und wohl auch keine Verhandlungslösung.

Zweifeln Sie angesichts der offiziellen Darstellung manchmal an Ihrer eigenen Wahrnehmung?

Krieghoff: Ja, das ist ja das Verrückte. Wenn so viele eine andere Sicht darstellen, dann fragt man sich irgendwann: War ich, salopp gesagt, auf einer anderen Veranstaltung? Aber noch mehr bewegt mich die Frage: Warum Polizei und Politik diese einseitige Darstellung so vehement vertreten?

Interview: Johanna Husarek

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