Dienstag, 20.04.2021

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Fotovoltaik sorgt in Altdorf für Diskussion

Umweltschutz oder Wirtschaftlichkeit? - 06.04.2021 16:25 Uhr

Fotovoltaik auf städitschen Dächern in Altdorf lohnt sich nur noch, wenn die Stadt den erzeugten Strom auch selbst verbrauchen kann.

06.04.2021 © Ingo Bartussek - stock.adobe.com


Werner Merkel muss sich seit ein paar Tagen immer wieder rechtfertigen. Warum er denn gegen Fotovoltaik sei, fragt man ihn auf der Straße, nachdem er sich als einziger Bürgervertreter im Stadtrat gegen einen Antrag der FDP gestellt hat, auf Dächern bestehender und zu planender städtischer Gebäude Solaranlagen zu installieren und die Dächer zu begrünen. "Warum bist du gegen Umweltschutz?" stellt man Merkel zur Rede. Der Altdorfer Steuerberater fühlt sich missverstanden.

Klaus Baumgart ist ausgewiesener Experte in Sachen regenerative Energietechnik.

06.04.2021 © privat


Wie steht es denn mit der Fotovoltaik auf städtischen Gebäuden? Als Mitglied der CSU-Fraktion hat sich Merkel mit Klaus Baumgart zusammengesetzt, Inhaber der gleichnamigen Altdorfer Firma und ausgewiesener Experte in Sachen regenerativer Energie-Technik. Baumgart hat in den vergangenen Jahren zahllose Solaranlagen, Erdwärmeanlagen, Wärmepumpen und Blockheizkraftwerke in der Region installiert. Der Altdorfer Unternehmer sieht zwar das Potenzial auf städtischen Dächern, warnt aber davor, planlos überall Fotovoltaikanlagen zu installieren.

Strom ins Netz einzuspeisen, sagt er, bringt für die Stadt gar nichts mehr. Interessant kann es werden, wenn der auf dem Gebäude erzeugte Sonnenstrom zum Eigenverbrauch genutzt werden kann und wenn städtische Elektrofahrzeuge als Speicher eingesetzt werden. Jedes einzelne Gebäude müsste man dazu genau anschauen, sagt Baumgart. Wenn jetzt die Verwaltung beauftragt würde, all das zu prüfen, sieht er die zuständige Abteilung im Rathaus heillos überfordert. Sollte eine solche Prüfung durchgeführt werden, dann könnte das ein Ingenieurbüro für die Stadt leisten. "Vielleicht kann man das sogar von Werkstudenten ausarbeiten lassen, dann wird es günstiger", rät er.

Eigene Erfahrungen gemacht

Im übrigen hat er mit Fotovoltaik in Altdorf seine eigene Erfahrung gemacht mit der Begeisterung, die angeblich in der Bevölkerung dafür vorhanden ist. Anfang der 2000er Jahre plante die Stadt eine Bürgersolaranlage auf den Bauhofgebäuden. Hintergrund war die Idee, dass auch Leute ohne eigene Immobilie sich an einer Solaranlage beteiligen konnten, indem sie sich in das Projekt einkauften. Nach langer Planung und Vorbereitung baute Baumgart die Bürgersolaranlage. Zum Pressetermin traf er sich mit dem damaligen Rathauschef Rainer Pohl vor Ort, die Stadt trommelte fürs Einsteigen ins Solarprojekt - und niemand wollte dabei sein. Weil just zu dem Zeitpunkt, als die Anlage in Betrieb gehen konnte, die Gelder für die Einspeisung gekürzt wurden. Da stand also nun plötzlich eine Bürgersolaranlage ohne Bürger. Was tun?, fragte Pohl damals bei Baumgart nach. Der überlegte nicht lange und übernahm die Anlage, was er bis heute nicht bereut hat.

Man kann viel machen, muss aber immer die Wirtschaftlichkeit auf dem Schirm haben, sagt der Unternehmer, dessen großes Firmengebäude in der Weidentalstraße 9 zu über 60 Prozent energie-autark ist. Möglich wird das unter anderem mit dem Einsatz großer Speicher, die den umfangreichsten Kostenfaktor beim Einsatz regenerativer Energietechnik ausmachen. Speicher würden von Fall zu Fall auch gebraucht, wenn städtische Gebäude mit Fotovoltaik nachgerüstet oder neu geplant würden. Hier hakt Werner Merkel ein: "Mir widerstrebt es, dass Stadträte und Bürgermeister sich gegen Stromtrassen aussprechen, teure Rechtsanwälte einschalten und gleichzeitig einen Ausbau der Solarenergie fordern, ohne die Notwendigkeit von Speichern zu erwähnen, das passt nicht zusammen."

Stromspeicherung missachtet

Werner Merkel stimmte als einziger im Altdorfer Stadtrat gegen den Antrag der FDP.

06.04.2021 © CSU


Für den Altdorfer Steuerberater wäre es "wesentlich realitätsnaher und kompetenter" gewesen, das Thema Speicherung wenigstens konzeptionell in den Antrag mit einzubeziehen. In der Stadtratssitzung hätte er eigentlich eine Berechnung erwartet, wie der selbst erzeugte Strom auch selbst verbraucht werden könnte. "Das wäre für mich ein Signal gewesen, dass man sich wenigstens in den Grundzügen mit dem Thema beschäftigt hat", erläutert er seine Position und schlägt noch einen weiteren Bogen. Ein Mehr an regenerativer Energietechnik brauche auch funktionierende Stromtrassen, so seine Botschaft an die Gegner der Juraleitung.

Ohne geeignete Speichermöglichkeiten könne das bestehende System gar nicht aufrecht erhalten werden, "denn einmal erzeugter Strom muss verbraucht werden, andernfalls kollabieren die Übertragungsnetze." Die Stromversorger kennen das Problem seit langem und nehmen deshalb Windkraftanlagen automatisch vom Netz, wenn zu viel erzeugt wird, sagt Klaus Baumgart. Solaranlagen werden dann von der Einspeisung abgeschnitten.

Schließlich ist da noch ein Punkt, der Merkel am Antrag der FDP stört. Fotovoltaik und Begrünung soll auf die städtischen Dächer. Das kann er nicht nachvollziehen. Entweder das eine oder das andere, beides geht kaum zusammen, fürchtet er. Außerdem: Dachbegrünung koste sehr viel Geld.

Alex Blinten

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