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Prozess um angebliche Vergewaltigungen: Gericht spricht Angeklagten frei

Widersprüchliche Aussagen machen Zeugin unglaubwürdig - 27.11.2020 10:50 Uhr

Der Prozess wegen zweier angeblicher Vergewaltigungen im Dezember 2018 in Hallstadt und im Mai 2019 in Altdorf hat ein sensationelles Ende gefunden. Es ging um Taten, die sich auf einem Zirkusgelände abgespielt haben sollen. Am Landgericht Bamberg wurde der 44-jährige Angeklagte nun in allen Punkten freigesprochen. Es gab erhebliche Zweifel an den Worten des heute 17-jährigen Mädchens, das die einzige Belastungszeugin war.


Vergewaltigungen im Zirkus? Artist in Bamberg vor Gericht


Damit hat wohl niemand gerechnet. Auch nicht Rechtsanwalt Alexander Wessel aus Haßfurt, der sich auf vier Verhandlungstage vorbereitet hatte. Bereits am ersten Verhandlungstag tauchen aber ernste Zweifel an der Aussage der einzigen Belastungszeugin auf. Zuviele Widersprüche ergeben sich aus den Vernehmungen bei der Landpolizei, bei den Kriminalern in Bamberg und München, sowie beim Ermittlungsrichter Marco Dippold in Bamberg.

Auch die einstündige Befragung vor Gericht bringt nur noch mehr Widersprüche hervor. Es geht dabei nicht um Kleinigkeiten, wie man sie als Zeuge nach so langer Zeit und bei wiederholter Befragung schon einmal vergessen, anders abgespeichert oder verdrängt haben kann, sondern um Dinge, die unmittelbar mit den angeblichen Tatgeschehen zusammenhängen.

Da ist erstens die Frage der Kraft: Der Angeklagte soll seinem Opfer mit einer Hand den Mund zugehalten, es mit dem anderen Arm aber eine ganz schöne Strecke zum Stall-Zelt getragen haben. Er sei sehr kräftig gewesen, so das Mädchen. Warum es der muskulöse Mann dann aber nicht geschafft haben soll, ein einfaches T-Shirt zu zerreißen, sorgt für Verwunderung.

Widersprüchliche Zeitangaben

Dann ist da die Frage der Offenbarung des Mädchens gegenüber seiner Schwester. Genauer gesagt der Zeitpunkt, den das Mädchen einmal auf vormittags, dann auf abends, und auf nachmittags festgelegt hat. Was sich wie eine Lappalie anhört, ist keineswegs belanglos. Denn zumindest die Angabe "abends" scheint durch einen Notruf widerlegt. Die Zeit, um sich die Geschichte erzählen zu lassen, dann als Familie rund 200 Kilometer in die Nähe von Dillingen zu fahren und den Angeklagten zu vermöbeln, reicht nicht aus.

Außerdem ist da noch die Frage des Kontakts: Wenn man den Worten des Mädchens glauben schenkt, hat es nach den Vorfällen keinerlei Gespräche mit dem Angeklagten mehr gegeben. Nur dass sich das anhand von Zeugen widerlegen lässt, die Telefonate mitgehört haben. Ein aussagepsychologisches Gutachten, um zu klären, ob das Mädchen glaubhafte Angaben macht, wird nicht in Auftrag gegeben. Solcherlei ist nur bei Zeugen üblich, die auf Grund ihres zu geringen oder zu hohen Alters, einer Krankheit oder geistigen Einschränkung Schwierigkeiten haben könnten. Bei dem Mädchen aber können sich der Vorsitzende Richter Markus Reznik, seine Beisitzer und Schöffen aber selbst einen Eindruck verschaffen.

Freilich kann das Verfahren nicht so einfach eingestellt werden. Man ist schließlich nicht am Amtsgericht, wo man Vergehen wie Beleidigung, Unfallflucht oder Hausfriedensbruch ohne Urteil behandeln kann. Bei Vergewaltigung handelt es sich um ein Verbrechen. Derlei ist mit mindestens einem Jahr Freiheitsstrafe verbunden. Im konkreten Fall mit zwei Vergewaltigungen schweben etwa fünf bis sechs Jahre Gefängnis wie ein Damokles-Schwert über dem Angeklagten. Also nimmt sich die Jugendschutzkammer auch die Zeit für eine weitere Beweisaufnahme. Die bringt allerdings nicht mehr allzuviel zutage.

Keine Spuren gesichert

Zum einen kann aus rechtsmedinizischer Sicht nicht eindeutig geklärt werden, ob überhaupt eine Vergewaltigung geschehen ist. Zu lange hat das Opfer damit gewartet, zu einem Arzt zu gehen und Spuren sichern zu lassen. Zum anderen verweigern sämtliche Angehörige des Mädchens die Aussage, um sich nicht selbst belasten zu müssen. Im Hintergrund läuft nämlich noch ein Strafverfahren am Amtsgericht Dillingen an der Donau.

Das soll die Frage klären, ob Familienangehörige des Mädchens den Angeklagten im Juni 2020 zu Hause besucht und brutal zusammengeschlagen haben. Wenn man nun zugäbe, von der angeblichen Vergewaltigung gewusst zu haben, freut man sich in der schwäbischen Justiz über ein erstklassiges Motiv.

Weitere, objektive Beweise jenseits der Hauptbelastungszeugin gibt es keine. Denn alle Smartphones mit möglichen Beweisen sind entweder zerstört oder gestohlen worden – und zwar nicht vom Angeklagten.

So kommt es, dass alle Seiten zuletzt einen Freispruch beantragen, sogar Staatsanwältin Ursula Redler, deren Fairness und Objektivität Verteidiger Wessel lobt. Sie ist es auch, die dem Angeklagten ganz unbürokratisch seine Ausweispapiere aushändigt. Nur der Rechtsanwalt des Mädchens, Thomas Krimmel aus Landshut, verzichtet aus Rücksicht auf seine Mandantin darauf, einen Antrag zu stellen.

Für den 44-jährigen Angeklagten geht damit ein äußerst belastendes Jahr zu Ende. Das hängt natürlich mit den Ermittlungen gegen ihn sowie seiner Festnahme und dem folgenden Strafprozess zusammen. Noch viel gravierender aber sind die Auswirkungen auf sein persönliches, privates Umfeld. Seine Familie, Verwandte und Freunde haben den Mann verstoßen. Nun gilt es, die Ächtung wieder rückgängig zu machen. Der Freispruch wird ihm dabei helfen.

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