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"Wir sehen dich": Flüchtlingshelfer erhalten Drohbrief

Familie aus Unterferrieden soll eingeschüchtert werden - 26.08.2015 14:15 Uhr

Die Riemanns werden sich von dem anonymen Brief nicht einschüchtern lassen. © Spandler


Viel Zeit und Kraft investieren Ehrenamtliche, wenn sie sich dafür engagieren, Asylbewerber zu unterstützen, die hier in einem fremden Land ankommen, ohne auch nur im geringsten darauf vorbereitet zu sein. Politik und Behörden sind sich einig, dass deren Aufnahme ohne die Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung nicht funktionieren würde und lassen kaum eine Gelegenheit aus, sich anerkennend dazu zu äußern.

Dennoch werden den Helferkreisen von verschiedenen Seiten immer wieder Knüppel in den Weg gelegt. Besonders perfide: anonyme Flugblattaktionen und Drohbriefe – nicht gegen die Asylsuchenden, sondern gegen die, die dafür sorgen, dass die sich in der neuen Umgebung besser zurecht finden.

Familie Riemann aus Unterferrieden fand am vergangenen Mittwoch seltsame Post in ihrem Briefkasten. Ein frankiertes Schreiben ohne Absender enthielt ein Foto, einen Zeitungsausschnitt mit Markierungen und ein Blatt auf dem neben ihrer Adresse lediglich stand: Wir sehen dich. Zunächst wusste das Ehepaar mit den drei Töchtern nicht, was das zu bedeuten hat.

Der Zeitungsartikel des Boten, in dem auf Schwierigkeiten des Zusammenlebens mit Asylbewerbern in der Nachbarschaft aufmerksam gemacht wird, brachte sie ein Stück weiter.

Anonymer Brief mit Foto der Familie

Denn Nicole und Ulrich Riemann engagieren sich für die jungen Menschen aus Syrien und dem Kosovo, die im Leitenweg untergebracht sind. Irgendjemand hat daran wohl etwas auszusetzen und nicht den Mut, das der jungen Familie direkt zu sagen. In dem Artikel wird verstärkt auf Probleme wie Lärmbelästigung und stinkender Müll eingegangen, die von den Anwesen, auf denen die Asylsuchenden untergebracht sind, ausgehen sollen. Die Kopie des Beitrags sollte den Riemanns wohl sagen: Daran, dass es so gekommen ist, seid ihr schuld.

Ferner lag ein Foto in dieser merkwürdigen Post, das aufgenommen worden sein musste, als die Familie im Winter mit ihren Kindern im Schnee spielte, und das eine Örtlichkeit unweit ihres Hauses zeigt, wo die Mädchen mit ihren Schaufeln Spuren in den Schnee gezeichnet haben. Gruselig, sich vorzustellen, dass die Riemanns während sie Spaß mit ihren Kindern hatten, von einem/einer Unbekannten heimlich beobachtet und fotografiert wurden.

Dass sie auch weiterhin auf dem Radar der anonymen Absender stehen, ist wohl eindeutig aus dem mitgeschickten Satz in den dicken Lettern zu schließen. Nahe liegt also, dass in der Nachbarschaft jemand nicht nur die Asylbewerber, sondern auch die Riemanns auf dem Kieker hat. Aber was haben sie getan?

Fahrrad-Werkstatt eingerichtet

Seit die Leute aus dem Kosovo und Syrien eingezogen sind, werden sie von einem Helferkreis begleitet, der ihnen Sprachunterricht gibt, mit ihnen Ausflüge macht, sie auf Arztbesuchen und zur Kleiderkammer begleitet, ihnen deutsche Briefe interpretiert, Kontakt zu Sportvereinen herstellt und ihnen zeigt, wie sie auf dem kürzesten Weg zum Bahnhof oder in den Supermarkt gelangen. Mit dabei von Anfang an: Nicole Riemann und ihr Mann, der mit den Flüchtlingen eine kleine Fahrradwerkstatt eingerichtet hat. Das wurde dankbar angenommen, wenn auch - und das leugnet Nicole Riemann keineswegs - die neun Syrer viel ordentlicher und ganz anders strukturiert sind als die neun Kosovo-Albaner.

Dass man denen erst mal ein paar Dinge beibringen musste, sei ganz richtig, so die offene junge Frau. Aber die Probleme hielten sich nach ihren Angaben absolut in Grenzen. Als es Beschwerden wegen des stinkenden Mülls gab, wurde der eben anderswo platziert, und als es wegen des Ramadans nachts lauter zuging, weil die Moslems in dieser Zeit eben erst nach Sonnenuntergang essen und trinken dürfen, hat man auch dieses Thema angesprochen.

Wahr sei, dass die Kosovo-Albaner leider nicht so pfleglich mit ihren Dingen umgehen und ihre Räder schon bald wieder demoliert hatten. Doch bei vielen Gesprächen, die die Riemanns im Viertel um den Leitenweg geführt haben, stellte sich heraus, dass nur ein oder zwei Familien sich von den Asylbewerbern belästigt fühlen. Eine Nachbarin, die jeden Abend um 22.30 Uhr mit dem Hund Gassi geht, kann keinen Radau bestätigen, und auch Nicole Riemanns Mutter, die ganz in der Nähe wohnt, ist hier Krach, der über das normale Maß hinausgeht, nie aufgefallen.

Mit dem Zeitungsartikel vom 14. August sind sie daher auch nicht einverstanden gewesen, der sei aus ihrer Sicht „sehr einseitig verfasst“ worden. Und wie reagieren die Asylunterstützer nun auf die unbehagliche Situation? „Wir sind natürlich noch am gleichen Tag zur Polizei gegangen“, berichtet das Ehepaar Riemann. Dort hat man die Sache sehr ernst genommen und an die Kripo in Schwabach weitergeleitet. Die prüft nun den Fall.

Je nachdem, ob man zum Schluss kommt, dass es sich um einen strafrechtlich relevanten Inhalt bei der Zusendung handelt, werden weitere Ermittlungen eingeleitet, teilt Mario Wilde vom Polizeipräsidium Mittelfranken mit. Unabhängig vom Urteil der Kriminaler handelt es sich auf jeden Fall um einen Einschüchterungsversuch.

"Engstirnige, feige Spießer"

Der laufe aber ins Leere, so die Riemanns, und zwar deshalb, weil sie einen Verdacht hegen. Sie können sich gut vorstellen, wer die Urheber der unsäglichen Postsendung sind, schließlich gab es schon vor dem Einzug der Flüchtlinge mittels Flugblätter - vergebliche - Bestrebungen, die Unterkünfte im Leitenweg zu verhindern. Wenn es sich um die gleichen Personen handelt, dann hat man es nur mit engstirnigen, feigen Spießern zu tun, nicht aber mit gefährlichen Verbrechern. 

Gisa Spandler

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