Fahrradboom

Aufsteigen und losradeln? Fahrradkauf wird zur Geduldsprobe

10.5.2021, 06:00 Uhr
Radeln ist ideal in Coronazeiten - wenn man ein funktionierendes Rad hat.

Radeln ist ideal in Coronazeiten - wenn man ein funktionierendes Rad hat. © Florian Trykowski

Die Vielfalt an Modellen in den bunten Katalogen scheint größer denn je, aber nur ein Bruchteil ist wirklich zu bekommen: "Das ist", meint Oliver Seitz mit einem Augenzwinkern, "ein wenig so wie in der früheren DDR. So etwas kannten wir bei uns bisher nicht." Damit bringt der Inhaber von "Zentralrad" im Herzen von Fürth auf den Punkt, was die Branche und ihre Kunden erleben: "Ich warte noch auf Bestellungen aus dem vergangenen September." Ob Größe, Farbe oder Ausstattung: Oft ist nur eine von vielen Ausführungen verfügbar. Und zumindest Mountain- und Gravel Bikes seien gar restlos vergriffen - und wohl im ganzen Jahr nicht mehr zu bekommen. Seitz fürchtet sogar, dass sich die Ausfälle und Lücken noch zwei, drei Jahre lang bemerkbar machen.

Eingesetzt hatte der Höhenflug nach dem ersten Lockdown vor einem Jahr. "Damals wurden wir richtig überrannt, unsere Umsätze haben sich in kurzer Zeit verdreifacht", blickt Fachhändler Marco Meier aus Erlangen-Dechsendorf zurück. Gut, dass das Lager damals prall gefüllt war, doch bald schon war mancher Wunsch nicht mehr zu erfüllen. Als es dann darum ging, Ware für 2021 zu bestellen, setzte der Vollsortiment-Anbieter schon auf höheren Bedarf - dabei zeichnete sich bereits ab, dass er Größen und Typen, die er sich nicht frühzeitig sicherte, nicht ohne größere Verzögerung würde nachordern können.

Also werden auch alte und uralte Drahtesel wieder reaktiviert: "Die Leute holen jahrzehntealte Räder aus Kellern und Schuppen und wollen sie wieder flott machen", berichtet Elke Junk, Senior-Chefin bei Fahrrad Riedel. Auch das Traditionsgeschäft in der Nürnberger Nordstadt war insgesamt gut durch das vergangene Jahr gekommen - dank der weit vor Corona bestellten Lieferungen. Dieser glückliche Umstand falle heuer weg.

"Schwieriges Jahr"

Auf Wartezeiten von bis zu neun Monaten stimmt denn auch der Nürnberger Dieter Burckhardt seine Kundschaft ein - wobei der Verkaufsbetrieb, wie für alle schon seit Wochen, immer noch lahmgelegt ist. "Das wird ein schwieriges Jahr, aber wir werden es überstehen." Der Nachschub lasse "in jedem Bereich" auf sich warten. Nicht nur, weil die Nachfrage auch in anderen Ländern kräftig gestiegen ist.


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Kernproblem sei vielmehr die übergroße Abhängigkeit von Herstellern wichtiger Komponenten in Fernost, vor allem Schaltungen, Zahnkränze, Naben und Ketten. Für sie steht vor allem ein Name: Shimano. Und von den Japanern sind längst auch die europäischen Marken abhängig.

Übergroße Abhängigkeit

Zwar werde, nach coronabedingten Einschränkungen, wieder auf Hochtouren produziert und es seien neue Produktionsstätten geplant, bekommen Händler wie Seitz vom Generalimporteur des japanischen Quasi-Monopolisten zu hören. Doch auch die Logistik kostet Zeit - und vieles sei unberechenbar, heißt es. "Es trudelt immer wieder etwas ein", ergänzt Meier, aber von einer bestimmten Sattelfeder zum Beispiel hat er gerade das letzte Exemplar eingebaut, wenn es dumm läuft, gehen ihm in zwei Wochen die Ketten aus.

Was den Blick auf den Werkstattbetrieb lenkt, der gestattet ist und überall weiterlaufen konnte. "Aber bei Reparaturannahmen muss ich erst prüfen, ob wir überhaupt die nötigen Teile auf Lager haben" erzählt auch Seitz. "Wenn ich sie bestellen muss, bekomme ich sie vielleicht im Dezember oder nächstes Jahr." Kunden deshalb achselzuckend wegschicken zu müssen, tut ihm in der Seele weh, sei aber auch schon vorgekommen.

Neu ist für den Fürther die Erfahrung, dass nun auch schon mal Kunden anklopfen, die sich sonst alles über das Internet besorgen und nun fast bettelnd erkundigen, ob nicht vielleicht der Fachhandel doch noch das eine oder andere Teil übrig habe. Ansonsten gehe es so eng zu, dass er derzeit freie Termine erst in etwa zwei Wochen anzubieten hat, bei Fahrrad Riedel in der Nürnberger Nordstadt sind es gar vier Wochen. "Nur kleinere Sachen wie Bremsen schieben wir zwischendurch mal rein", sagt Elke Junk.

Untypisch früher Andrang

Für einen unerwartet frühen Ansturm schon Ende Februar, Anfang März hatte die Kundschaft in der Werkstatt von Marco Meier gesorgt - vielleicht wegen der doppelten Sehnsucht nach einem Aufbruch aus der kalten Jahreszeit und den Lockdown-Beschwernissen. Bis zu 140 Reparaturen in einer Woche aber zwangen sogar den besonders stark serviceorientierten Betrieb regelrecht in die Knie. Beflügelt vom Glück, geeignete Kräfte zu finden, stellte der Chef kurzerhand drei neue Leute ein. Dennoch seien immer noch Rückstände aufzuarbeiten, verrät er, "aber nur dort, wo es die Kunden nicht direkt spüren".

Weiter beflügelt wurde auch der Trend zu E-Bikes, jedenfalls bei den Kunden, die nicht auf Billigangebote aus sind. Auf eine gute Sicherung sollte freilich jeder achten. Der Anteil an allen verkauften Rädern mag schwanken - der Dechsendorfer Händler aber beziffert ihn - ohne Kinderräder, Sonderangebote und Gebrauchträder - schon auf 80 Prozent. Mit dem großen Ansturm nach der Wiederöffnung der Läden aber rechnen nur wenige - zumindest solange neben der Masken- auch noch eine Testpflicht bestehen sollte: "Bloß um einzukaufen, werden das nur wenige in Kauf nehmen", spricht Seitz auch für Kollegen, während Meier durchaus auch schon die gegenteilige Erfahrung gemacht hat.

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