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15 Monate wie eingesperrt

Meisam Atayi darf Kirchenasyl verlassen und eine Ausbildung beginnen. - 10.07.2020 13:00 Uhr

Meisam Atayi kann sich nach 15 Monaten im Kirchenasyl endlich wieder frei bewegen. Im August beginnt er eine Lehre. Das verdankt er Unterstützern wie Rainer Krug und Karin Leykamm-Krug.

© Foto: Claudia Lehner


Atayi wurde in Kabul geboren. Von Kindheit an hat er Flucht, Gewalt und Heimatlosigkeit erlebt. Zeitweise lebte die Familie in Pakistan, später im Iran. Schon als Kind musste er Geld verdienen, hat im Iran zwischen seinem vierten und siebten Lebensjahr Teppiche geknüpft. 2015 floh er nach Deutschland, kam im Herbst nach Bad Windsheim. Er versuchte alles, sich gut zu integrieren.

Lesen und Schreiben konnte er damals nicht. Viel hat er sich mit You-Tube-Videos selbst beigebracht, wie er erzählt, hat sich Nachhilfe gesucht und über die Integrationsklassen an der Berufsschule den Mittelschulabschluss geschafft. Arbeit schreckt ihn nicht. Der 21-Jährige kennt es nicht anders, als für sich selbst zu sorgen. Doch das durfte er in Deutschland nicht. Drei Ausbildungsverträge hatte er sicher, jedes Mal wurde ihm untersagt, die Lehre anzutreten, wir berichteten mehrfach. Er hatte gegen den negativen Bescheid vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge geklagt – vergeblich. So war die letzte Möglichkeit das Kirchenasyl in Schweinfurt.

Dort war er nicht der einzige Afghane aus Bad Windsheim, zeitweise lebte noch ein weiterer dort. Doch der hatte es nicht ausgehalten, ist mit einem anderen Flüchtling aus Bad Windsheim auf und davon, über Frankreich erreichten sie Großbritannien. Gut geht es ihnen dort aber auch nicht, wie Rainer Krug erzählt.

Meisam Atayi hat sich dagegen entschieden, mit seinen Freunden sein Glück in einem anderen Land zu versuchen. Er wollte durchhalten, auch wenn es ihm zunehmend schwerer fiel. 15 Monate sind eine lange Zeit. Im Dezember 2019 hatte Krug den Antrag an den Petitionsausschuss gestellt, genauer an den Ausschuss für Eingaben und Beschwerden. Er hatte Atayis Situation geschildert. Die Berufsschule hatte ein Schreiben angehängt über das vorbildliche Verhalten des jungen Afghanen und auch Günther Dietrich, der hoffte Atayi ausbilden zu dürfen, hat sich für ihn eingesetzt. "Meisam ist sehr engagiert und will die Ausbildung unbedingt machen", lobte Dietrich im Gespräch mit der WZ seinen künftigen Azubi. Rainer Krug war trotz der guten Vorbereitung nicht sicher, dass es funktioniert. Er war mit seiner Frau nach München gefahren, an Meisam Atayis Stelle.

Letztlich scheint es die politische Stimmung zu sein, die sich wieder gedreht hat, die Atayi erst eine Ablehnung und nun doch einen Aufenthaltstitel beschert hat, wie Krug bestätigt. Mittlerweile würden auch andere Fälle selbst in Bayern und im Landkreis wieder großzügiger behandelt, sagt er. Seit März gilt das neue Fachkräfteeinwanderungsgesetz. Der Berater für den Fall, Albert Duin von der FDP, selbst Unternehmer, habe im Ausschuss angeführt, dass es doch unsinnig sei, gut integrierte junge Menschen zurückzuschicken und gleichzeitig im Ausland andere anzuwerben. Letztlich sei relativ schnell entschieden worden, erklärt Krug. Meisam Atayi muss nun aber wegen des neuen Gesetzes ein Visumsverfahren durchlaufen und dazu nach Kabul reisen – sobald das angesichts der Corona-Pandemie möglich ist.

 

Belastung für die Helfer

 

Die vielen Monate Bangen waren auch nervenzehrend für die Helfer, die Krugs und andere. "Das geht an die Substanz", sagt Rainer Krug. Karin Leykamm-Krug zeigt sich beeindruckt von der Selbstdisziplin des 21-Jährigen. Statt sich unterkriegen zu lassen, hat er sich mit Hausarbeit beschäftigt, hat weiter an seinem Deutsch gearbeitet und der Pfarrerin geholfen. Schwer war es trotzdem für den jungen Mann. Trotzdem macht Meisam Atayi Scherze über die Zeit: Er sei eigentlich ganz froh über Corona gewesen. Nun wüssten auch die anderen Menschen, wie es sei, eingesperrt zu sein. "Zwei Tage habe ich gedacht, ich träume, aber es war echt", sagt er über die Zeit nach der entscheidenden Ausschusssitzung.

Im August wird Atayi seine Ausbildung zur Fachkraft für Metalltechnik in Walddachsbach beginnen. Und eigenes Geld verdienen. Sein Vater ist vor sieben Jahren gestorben, seine Mutter lebt noch in Afghanistan, ist krank. Sie will er unterstützen.

CLAUDIA LEHNER

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