440 Abonnenten lauschen Helmut Baers Geschichten

78-jähriger Youtuber spricht über Sagen und Legenden

22.6.2021, 06:00 Uhr
Sagenerzähler Helmut Baer vor der Kamera in seinem Studio.

Sagenerzähler Helmut Baer vor der Kamera in seinem Studio. © Screenshot: Bastian Lauer/Youtube-Kanal: "Sagen Bräuche Legenden"

Auf seinem Kanal „Sagen Legenden Bräuche“ veröffentlicht der Rentner aus Lichtenau regelmäßig Videos im Internet, in denen er lokale Sagen erzählt und beschreibt. Aktuell nimmt er sich den Landkreis Neustadt-Bad Windsheim zur Brust.

Wer eines der Videos von Helmut Baer anklickt, wird mit volkstümlicher Musik eingestimmt. Dann erscheint der urige Typ in seinem "Studio" und beginnt zu erzählen. Beispielsweise über den Hochmutsbrunnen in Burgbernheim oder den Schatz im Petersberg. Ein 78-Jähriger auf Youtube? Er belegt eine Nische, das weiß er selbst. Wie kam es dazu?

Als einer der Kreisheimatpfleger im Landkreis Ansbach beschäftigt sich der rüstige Senior normalerweise viel mit Volksmusik und Brauchtum. "Wo Corona begonnen hat, ist das total zusammengebrochen", erzählt er. Doch Baer sagt: "Löcher in die Luft starren kann ich nicht." Ein Mix aus Heimatliebe und Neugier hat ihn dazu getrieben, einen Online-Lehrgang über den Bereich Soziale Medien zu besuchen. "Das hat mich arg gereizt."

Jetzt ist es nicht so, dass Baer im April 2020 bei Null anfangen musste. Er arbeitete einst beim Arbeitsamt und erlebte da in den 1990er-Jahren die Einführung der Computer mit. "Doch ich bin kein Weltmeister – meine Enkel sind da viel besser und helfen mir. Social Media ist ein Gebiet, das ich gar nicht kannte", sagt er.

Nach Abschluss des Lehrgangs war für Baer klar: Youtube ist seine Plattform. Dort kann er in kompakten Videoclips in zwölf bis 15 Minuten einzelne fränkische Sagen durchleuchten. Und wer es mag, kann einen Daumen da lassen, wie man auf Neudeutsch sagt, oder Kommentare schreiben. "Da komme ich wieder mit Menschen, die an Heimat interessiert sind, zusammen", sagt Baer. Er lächelt.

Richtige Kulisse geschaffen

Wer ein paar Videos des Sagenerzählers anschaut, wird merken: Baer hat sich eine richtige Kulisse geschaffen. Er trägt immer die gleiche Tracht, inklusive eines alten Bauernhutes, der dem Großvater seiner Ehefrau gehörte und mit einem kleinen Sträußchen verziert ist. "Das heißt: Kerwa is! Für mich is immer Kerwa!" Hinter ihm an der Wand hängt ein Bild seiner Ahnen. Auf einem kleinen Beistelltisch sitzen Puppen, die Musikanten darstellen – sie sollen seine Liebe zur Volksmusik unterstreichen. Dazu: aktuelle Blumen.

Auf dem Tischlein steht auch eine Kerze. "Ich brauche Licht, um die Geschichte richtig lesen zu können", sagt Baer und lacht. Das ist aber nur das eine. Durch das Kerzenlicht entsteht auch ein Schatteneffekt, der eine geheimnisvolle Stimmung erzeugen soll. Genau richtig für die Sagen, findet Baer, der aber mittlerweile auch weiß: Andere Youtube-Profis, die ihren Platz für die Kamera hell ausleuchten, würden wohl die Augen verdrehen.

Doch dem 78-Jährigen ist das egal. "Ich gehe einen Sonderweg", sagt er. Dazu gehört auch, dass er nicht jede x-beliebige Geschichte in seinen Videos thematisieren will. Sie muss einen lokalen Bezug haben, vor allem aber hintergründig sein. "Viele Leute halten Sagen für Gschichtli – das sind sie aber nicht", sagt Baer. Habgier, Hochmut – Sagen haben immer ein Motiv, das in einer Geschichte rübergebracht werden soll.

Gleich strukturiert

Sagen gibt es unzählige, Baer sucht aber die, über die es wirklich etwas zu erzählen gibt. Seine Videos sind dabei immer gleich strukturiert. Erst gibt es Infos zum Ort, wo die Sage spielt. Dann erzählt Baer die Geschichte in seinen eigenen Worten und abschließend gibt es Deutungsansätze und Hintergründe. Alles übrigens in einem "angenäherten Hochdeutsch". Auf totale Mundart wolle der gebürtige Oberpfälzer, der die "fränkische Staatsbürgerschaft durch Hochzeit" erhalten habe, verzichten.

Eine solide Basis für seine Videos gibt es in der Sagen-Sammlung von Alfred Kriegelstein. Doch Baer hat weitere Quellen und nimmt auch Anregungen von Heimatkundlern jederzeit gerne auf. Bis zu einer Woche an Recherche-Arbeit steckt Baer in die richtig aufwendigen Videos. Das größte Problem sei für ihn die Musik. Viel sei von der Gema geschützt. Deshalb sei er dankbar, wenn er lokale Unterstützung erhält. So haben ihm beispielsweise die Bernemer Berchzwetschgen kürzlich fünf ihrer Aufnahmen zur Verfügung gestellt. Außerdem braucht er Fotos und sammelt Informationen von den lokalen Experten.

Viel Aufwand für bisher 440 Abonnenten, das beliebteste Video (Der Wolfsmensch von Ansbach) wurde vergangene Woche zum 1000. Mal angeklickt. Ein Punkt, über den sich der Youtube-Neuling noch Gedanken macht: Wie bekommt er mehr Reichweite? "Meine Zielgruppe macht mir Kummer", sagt er. Die bestehe vor allem aus älteren Leuten. Die hätten es aber im Durchschnitt nicht so mit Computern oder Smartphones. Einen Schub an Abonnenten habe ihm ein Fernsehbeitrag im Bayerischen Rundfunk gebracht.

Der Kanal soll weiter wachsen und Baer will weitermachen, solange er gesund ist. "Es macht mir sehr viel Spaß, es macht auch viel Arbeit. Eigentlich ist es fast wie ein neuer Beruf." Aber eins sagt er auch: "Ein Influencer bin ich noch lange nicht."

Auf dem Youtube-Kanal von Helmut Baer finden sich über 70 Videos mit Sagen aus den Kreisen Ansbach, Weißenburg-Gunzenhausen und Neustadt-Bad Windsheim; wer ihn kontaktieren will, kann dies per E-Mail an baerhel@web.de tun.

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