"Das geht unter die Haut"

ASB-Wünschewagen: Fahrten helfen beim Loslassen

Anna Franck

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26.12.2021, 06:00 Uhr
Durch das Projekt Wünschewagen können Wünsche schwerkranker Menschen erfüllt werden.
 

Durch das Projekt Wünschewagen können Wünsche schwerkranker Menschen erfüllt werden.   © Anna Franck, NN

Seit dem Jahr 2019 ist der Wünschewagen Franken auf den Straßen unterwegs. 124 Wünsche hat er in diesem Jahr erfüllt. Das Fahrzeug, das in Herzogenaurach stationiert ist, dient für ganz Nordbayern. Elf Verbände greifen darauf zu und stemmen auch den Unterhalt. Das Projekt finanziert sich allein durch Spenden. Zwei bis drei Mal pro Woche ist das Fahrzeug im Schnitt unterwegs, teilweise finden die Übergaben nachts statt. Übrigens: Die 100. Fahrt ging in diesem Jahr von Dinkelsbühl nach Usedom. Die schnellste Fahrt sei einmal in 23 Stunden über die Bühne gegangen.


Die Koordinatoren in ganz Deutschland sprechen sich ab, da herrsche eine „große Unterstützung untereinander“, keine Fahrt soll abgesagt werden. Problematisch sei, dass immer wieder Fahrer mit dem passenden Führerschein fehlen – nämlich den für Laster beziehungsweise den alten 3er-Führerschein.


Corona erschwere derzeit die Organisation, „es muss deutlich mehr im Vorfeld abgefragt werden“, erklärt Bianca Meyerhöfer-Klee, „der Aufwand ist größer, aber das gehört dazu.“ Täglich passe man sich an die aktuellen Bestimmungen an. Im Palliativbereich würden aber Lockerungen greifen, sodass Fahrten trotzdem möglich sind.


Intime Situation

Als Koordinatorin prüft Bianca Meyerhöfer-Klee im persönlichen Gespräch, ob es sich um einen „echten Wunsch“ handelt. Offenheit und Vertrauen seien da wichtig, schließlich komme eine fremde Person in eine intime Situation. Selten, aber immerhin kommt es vor, dass Schwerkranke sagen, dass sie dankbar für den Wunsch-Gedanken ihrer Angehörigen sind, sich aber nicht in der Lage fühlen. Andere Angehörige würden sich zu spät melden, wenn der Zustand der kranken Person schon zu schlecht ist. „Sie wollen es oft nicht wahrhaben.“


Respekt zollt Meyerhöfer-Klee vor allem den Ehrenamtlichen, die das Projekt tragen, teilweise Urlaub nehmen, um eine Fahrt zu begleiten. 28 neue Wunscherfüller seien in diesem Jahr geschult worden, eine Fahrt wird je von zwei solcher Fachkräfte betreut, die eine enorme Verantwortung übernehmen.


Die Biographien der Wunscherfüller seien unterschiedlich, sagt Bianca Meyerhöfer-Klee, oft gebe es aber eigene Berührungspunkte. Sie stellen sich ständig großen Herausforderungen. Manche sagen, dass die keine Fahrten mit Kindern begleiten wollen. Für Bianca Meyerhöfer-Klee sind Beerdigungen am schwierigsten. Wenn der Partner eines schwerkranken Menschen früher gehen muss, „das geht unter die Haut“. Es sei eine „doppelte Verabschiedung“.

Zuversicht geben

Was auf den Fahrten passiere, sei immer wieder eine „Belohnung“. Einem schwerkranken Menschen zunächst die Zuversicht zu geben, dass sein Wunsch erfüllt wird, „da merkt man, wie ihnen ein Stein vom Herzen fällt“, sagt Bianca Meyerhöfer-Klee. Es sei eine besondere Art von Dankbarkeit, die sie bei Fahrten erfährt. Und dann das Erlebnis, selbst zu spüren, wie „noch einmal Leben in den Menschen kommt, dafür lohnt sich der Aufwand“.


Immer wieder besucht Bianca Meyerhöfer-Klee auch Trauerfeiern ehemaliger Fahrgäste. „Da merkt man, wie wichtig die Fahrt war“, die Stimmung sei dort „geklärter“. Es sei nichts mehr offen geblieben im Leben, Angehörige wie auch Schwerkranke können bewusst Abschied nehmen, hatten während der Fahrt Zeit, ihre Lieben loszulassen. „Das ist ein guter Schluss.“

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