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Corona: Pflegekräfte in der freiwilligen Isolation

Mitarbeiter in der Pflege schränken sich auch privat ein, um die Patienten vor dem Coronavirus zu schützen. - 30.12.2020 06:00 Uhr

Kathrin Lander an einem der Autos, mit denen sie und ihre Kollegen für den ambulanten Pflegedienst des ASB unterwegs sind.

29.12.2020 © Foto: Claudia Lehner


"Die Angst wird immer dabei sein", sagt Frank Lottes, Leiter des Marienheims in Obernzenn. Das Coronavirus muss unbedingt draußen bleiben: Das ist oberstes Ziel aller Seniorenheime und ambulanten Pflegedienste. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter spüren diesen Druck. Er wirkt sich auch aufs Privatleben aus, auf besonders vorsichtigen Umgang, auf mehr freiwillige Isolation, als sie die meisten anderen Menschen praktizieren.

So wie bei Kathrin Lander. Mit 16 Jahren hatte sie die Lehre zur Altenpflegerin angetreten, mittlerweile arbeitet die 39-Jährige beim ambulanten Dienst des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) in Bad Windsheim. Sie spürt die Belastung, wie sie bestätigt, aber zu sehr hochspielen will sie es auch nicht. Nein, schlaflose Nächte habe sie keine und Berührungsängste mit den Betreuten ebensowenig. Ohne Kontakt geht es ja nicht: Waschen, Kompressionsstrümpfe anziehen. Und das in vielen Haushalten nacheinander. In einer Schicht sind es je nach Tour 15 bis 25 Personen, sagt Lander. Anders als zu Beginn der Pandemie gibt es nun aber alles, was als Hilfsmittel schützen kann, wie Desinfektionsmittel, Maske, Face-shield. "Wir sind ausgestattet", sagt Lander. Außerdem werden die Mitarbeiter regelmäßig getestet.

Relativ sicher 

Die Corona-Pandemie sei allgegenwärtig, bestätigt auch Sabine Schmidt für das Marienheim. "Wir versuchen dennoch, uns nicht verunsichern zu lassen. Durch das konsequente Einhalten der Hygienemaßnahmen fühlen wir uns relativ sicher vor einer Infektion", erklärt die Gerontopsychiatrische Fachkraft.

Dennoch nehmen die Pflegekräfte die Verantwortung mit nach Hause. Man fühle sich mit den Bewohnern sehr verbunden, sagt Schmidt, die sich für die Antworten mit anderen Kolleginnen abgesprochen hatte. "Daher schränken wir unsere Kontakte ein, verlassen die Wohnung nur aus wichtigen Gründen und schrauben unsere privaten sozialen Kontakte völlig herunter." Das bedeute leider oft auch, dass der Kontakt zu den eigenen älteren Angehörigen reduziert werde.

Maske auch an Weihnachten

"Ich treffe ja kaum noch jemanden", bestätigt Lander. Für ihre beiden Kinder heißt das ebenfalls vergleichsweise wenige Kontakte zu Freunden und bei Familientreffen an Weihnachten, mit dem Bruder beispielsweise, war klar: "Wir tragen Maske." "Keiner möchte dafür verantwortlich sein, dass sich das Virus verbreitet", betont Lander. Zum Teil geht es natürlich um Eigenschutz, sich nicht anzustecken, nicht auf der Arbeit auszufallen. In der Pflege ist das Personal weiterhin knapp und gerade in der Pandemie ist viel zu tun.

"Ganz einfach ist es nicht, damit umzugehen. Die soziale Isolation ist für unsere Familien eine große emotionale Herausforderung. Gerade für berufstätige Eltern ist die Situation ambivalent. Es gibt zwar eine Notbetreuung, aber dadurch dass hier unterschiedliche Kinder zusammenkommen, steigt wieder die Angst vor einer möglichen Ansteckung", erklärt die 44-jährige Schmidt.

Auch bei den Mitarbeiter aus der Pflege im Obernzenner Marienheim ist der Gedanken an Corona allgegenwärtig (im Bild von links): Sabine Schmidt, Sabine Leicht,  Alexandra Holzmann,  Rene Reck und Irmtraut Christian.

29.12.2020 © Privat


Die Einschränkungen, die ihre Mitarbeiter bereitwillig hinnehmen, wissen auch die Arbeitgeber zu schätzen. "Wir haben ganz, ganz tolle Mitarbeiter", betont ASB-Geschäftsführer Stefan Rechter. "Pflege ist ein Stück weit eben auch Berufung." Er würde sich freuen, wenn aus der Corona-Pandemie etwas Positives bliebe: mehr Wertschätzung für den Beruf und die, die ihn ausüben. Rechter weiß auch, dass die Maske die körperliche Arbeit in der Pflege erschwert. "Ich habe mich mittlerweile daran gewöhnt", sagt Lander dazu.

Womit entspannt sie sich nach einer langen Schicht und den belastenden Gedanken? Vor Corona sei sie gerne fortgegangen, in die Disko, erzählt die 39-Jährige. Das ist derzeit keine Option. Wandern, Spazierengehen, das bringt sie wieder runter. "Das mache ich leidenschaftlich gern." Da kann sie auch ihre beiden Kinder mitnehmen. Und sie kann auf die Unterstützung von Kollegen zählen, mit denen sie sich austauschen kann.

Im Obernzenner Marienheim gibt es zusätzlich einen Seelsorger, der für die Mitarbeiter ein offenes Ohr hat, wie Lottes erzählt. Ohnehin gibt es einmal in der Woche eine Andacht und es werden Briefe an die Mitarbeiter verschickt.

Obwohl sie gut zurechtkomme: Zum Dauerzustand soll auch für Lander die aktuelle Arbeitsweise besser nicht werden. Das wünscht sie sich nicht nur für sich. Auch für ihre Kunden. Mit Maske fehle einfach die Mimik, kann der betreute Mensch das Lächeln der Mitarbeiter nicht sehen. Da bieten die nun begonnenen Impfungen zumindest langfristig eine Perspektive.

CLAUDIA LEHNER

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