Sonntag, 15.12.2019

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Das ewige Pulverfass Balkan

"Bad Windsheimer Herbsttagung" des Reservistenverbandes - 17.10.2019 10:18 Uhr

Der Reservistenverband bei seiner 16. "Bad Windsheimer Herbsttagung". © Holger Distler


Dieter Hummel, Bezirksorganisationsleiter des Reservistenverbandes freute sich, dass in Zusammenarbeit mit der Hanns Seidel Stiftung und der Gesellschaft für Sicherheitspolitik, Sektion Mittelfranken Dr. Marc Stegherr als äußerst kompetenter  Referent gewonnen werden konnte. Der Lehrbeauftragter für Südslawische Landeskunde (LMU München) begann seine Ausführungen am Ende des 19. Jahrhunderts, als der Balkan bereits zum Spielfeld der Mächtigen geworden sei. Nationales Denken sei zunehmend auf dem Vormarsch gewesen: "Man wollte unabhängig, selbstständig in einem souveränen Land leben".

Die Spannungen entluden sich nach den Ausführungen des Referenten 1914 mit dem Attentat von Sarajewo, dem Auslöser des ersten Weltkrieges. Das am 1. Dezember 1918 gegründete Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen wurde 1929 zum "Königreich Jugoslawien" umbenannt. Nach dem zweiten Weltkrieg regierte Tito bis 1980 Jugoslawien mit eiserner Hand. Der Balkan sei, so Dr. Stegherr "die Scheidelinie zwischen Orient und Okzident. Die Region ist nicht nur ein ethnischer Flickenteppich, sondern auch ein religiöser. Religion ‚lädt‘ die politische Auseinandersetzung gleichsam auf".

Bevölkerung kommt nicht zur Ruhe

Der Referent ging auch auf die Nationalitäten- und Glaubenskonflikte ein, an denen Jugoslawien 1991 vollends auseinandergebrochen sei und den folgenden Krieg mit rund 100.000 Opfern. Überall, wo die verschiedenen Bevölkerungsgruppen des früheren Jugoslawiens zusammenleben würden – besonders in Bosnien-Herzegowina und im Kosovo komme die Bevölkerung nicht zur Ruhe. Die Entwicklung und Vergangenheitsbewältigung im Balkan gegenüber dem restlichen Europa sei stets verzögert erfolgt.

"Seit 2000 finden immer wieder große Demonstrationen statt. Man will selbständig sein und sich nicht von der EU verkaufen lassen", so Dr. Stegherr.  2014, hundert Jahre später, mit der Annektierung der Krim, befürchtete man, dass es wieder zu einem Weltkrieg kommen könnte. So wie Russland sich rechtfertigte, dass die Krim schon immer das Herz Russlands war und deshalb dazugehört, so argumentierten bis heute die Serben, dass der Kosovo dies auch sei und dazugehört. Russland und China seien der gleichen Ansicht. Der Kosovo wiederum tendiere zu einem Großalbanien. Die EU versuche die Versöhnung, das Zusammenleben in ethnischer Freiheit und Demokratisierung den Menschen näher zu bringen, versäumt es aber sich wirtschaftlich stärker zu arrangieren.

Abhängigkeit durch wirtschaftlich Hilfen

Russland, China, die Türkei und Saudi-Arabien verfolgten indes andere Ziele. Durch wirtschaftliche Hilfen versuchten sie den Balkan von ihnen abhängig zu machen, führte der Referent weiter aus. Seit 2017 baue China in Serbien die "Serbien-Ungar-Eisenbahn" die Belgrad mit Budapest verbinde. Dies sei von historischer Bedeutung für Serbien und werde ermöglichen, dass Serbien ein zentraler Schlüsselpunkt in der Balkan-Region werde: "Eine strategische Verbindung zwischen der Seidenstraßen-Initiative und Europas Entwicklungsstrategie wird vorangetrieben".

Zum Schluss stellte Dr. Stegherr fest:  "Eine weitere wirtschaftliche Stagnation, mangelhafte Bildungssysteme, schwache Arbeitsmärkte mit wenigen Aufstiegsmöglichkeiten – in den Staaten des Balkans sind viele Bürgerinnen und Bürger von den Leistungen ihrer Staaten wenig überzeugt, trotz Reformen und Mitgliedschaft in der EU oder der Perspektive auf den Beitritt. Auch die Verbrechen der Kriege sind in den Gesellschaften noch nicht aufgearbeitet worden. Diese Situation birgt durchaus Konfliktpotenzial und nährt zum Teil Radikalisierungsprozesse in bestimmten Milieus".

Holger Distler

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