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Denunziantentum in Sachen Corona?

Bei Corona-Verstößen gibt es in der Region regelmäßig Hinweise an die Polizei - 20.04.2021 06:00 Uhr

Am meisten Anzeigen gibt es – egal ob Stadt oder Land – bei Verstößen gegen die Ausgangssperre (hier eine Kontrolle in Nürnberg).

19.04.2021 © Foto: Michael Matejka


Laute Musik in der Garage, ein paar fremde Autos in der Einfahrt. Der Nachbar wird doch nicht etwa? Da greift man schnell zum Telefonhörer und verpfeift den Nachbarn für die illegale Corona-Party bei der Polizei. Man hört immer öfter, dass dieses Verhalten im vergangenen Pandemie-Jahr zugenommen hat. Doch stimmt das? Wir haben nachgefragt.

Beim Polizeipräsidium Mittelfranken ist man vage: Es gebe Hinweise, dass die Zahl von Hinweisen aus der Bevölkerung zugenommen hat. "Valide" Daten gebe es aber nicht. Das habe damit zu tun, dass bei Ordnungswidrigkeitsdelikten – Verstöße gegen die Infektionsschutzmaßnahmenverordnung sind als solche zu werten – nicht erfasst wird, ob dem Aufdecken eines Verstoßes ein Anruf aus der Bevölkerung vorausging oder beispielsweise eine Polizeistreife eine größere Personengruppe ohne Abstand auf der Straße entdeckt hat. Ob solche Anrufe in der Metropole häufiger sind als auf dem Land, könne man auch nicht per se sagen.


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Im Detail berichten, weil sie näher dran sind, können da die Polizeichefs vor Ort. Unisono sagen Dieter Engelhardt (Bad Windsheim), Siegfried Archut (Neustadt) und Stefan Schuster (Rothenburg): alles nicht so schlimm. Ein Begriff wie Denunziantentum, der immer wieder durch die Öffentlichkeit geistert, sei "viel zu hoch gegriffen", betont beispielsweise Engelhardt.

Mehrmals in der Woche Hinweise

Gleichwohl, so sagen alle, ist es ein Thema. In Bad Windsheim gebe es etwa drei Mal pro Woche Hinweise aus der Bevölkerung zu Verstößen gegen die Infektionsschutzmaßnahmen, in Neustadt "nahezu täglich", sagt Archut, in Rothenburg etwa ein bis zwei Mal pro Woche. Das spiegle durchaus die Größe der Gebiete und der Bevölkerungszahl in den Zuständigkeitsbereichen der Polizeiinspektionen (PI) wider, meint Archut.

Der hat im Bereich der PI Neustadt die Beobachtung gemacht, dass es solche Hinweise in der Stadt deutlich öfter gibt, als auf dem Land. Die "Sozialkontrolle" sei am Dorf höher, das wüssten auch die Leute und seien entsprechend vorsichtiger. In Neustadt selbst seien die Grünanlagen ein Schwerpunkt für Vergehen gegen Masken- oder Abstandsregeln. Der offenbar überwältigende Teil der Verstöße betrifft die Ausgangssperre, wenn sie denn mal gilt, bestätigen alle drei.

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Grundsätzlich sei es so, dass Verstöße eher von einer Streife aufgedeckt werden, als durch Hinweise der Bürger, ist die Erfahrung von Stefan Schuster. Aber es komme vor und ist der Hinweis konkret genug, würde ihm auch nachgegangen werden. Schuster habe vor allem zwei Gruppen von Hinweisgebern ausgemacht: die Besorgten und die, welche sowieso mit dem Nachbarn streiten. Das deckt sich mit den Erfahrungen in Bad Windsheim und Neustadt. Engelhardt glaube, dass die Corona-Regeln vor allem bei Ruhestörungen dazu führen, eher mal einen Hinweis zu geben als vor der Pandemie.

Mit Fingerspitzengefühl

Ganz wichtig: "Ich lege Wert darauf, dass die Kollegen mit Fingerspitzengefühl vorgehen", sagt Engelhardt. "Wir wollen nicht mit Kanonen auf Spatzen schießen", betont Archut. Auch für Schuster gelte, dass man bei Verstößen gerne auch nur belehrt, allerdings sei der Spielraum "bei Klassikern" wie der Ausgangssperre nahezu null. Dann komme es eben zur Anzeige und das Landratsamt als zuständige Behörde prüft ein Bußgeld.

Was alle drei Polizeichefs auch sagen: Gibt es einen Hinweis, ist fast immer auch was dran. Da jetzt im Frühling die Leute mehr nach draußen drängen dürften, erwarten sie grundsätzlich einen Anstieg der Verstöße. Doch Stefan Schuster versucht es mit einem Appell: "Es ist für alle eine herausfordernde Situation, wie überall gibt es Spielregeln."

BASTIAN LAUER

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