Freitag, 22.11.2019

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"Dreggsagg" Michl Müller begeisterte Bad Windsheim

Kabarettist gab sich im Kur- und Kongress-Center publikumsnah - 05.11.2018 14:36 Uhr

Michl Müller diskutiert mit William Shakespeares plapperndem Knochenkopf. © Foto: Elke Walter


Der selbst ernannte "Dreggsagg" legte ungebremst los. Anknüpfungspunkte fand er genügend. Etwa die Bayernwahl und ihre Auswirkungen auf die Bundesregierung. "Ein Frangge als bayerischer Ministerpräsident", empörte er sich spitzbübisch grinsend, "die Not muss groß sein." Gelächter im Publikum. Jetzt nach der Landtagswahl in Bayern gebe es eine schwarz-orangene Regierung, ein Bündnis aus "Totengräber und Müllabfuhr". "Spezi-Koalition" nennt das der Kabarettist. Für den Bund habe man auf der letzten Halloween-Party Friedrich Merz aus dem Keller der "Untoten" geholt und für den CDU-Parteivorsitz reanimiert. Klar muss auch "Angie" für ein paar Seitenhiebe herhalten. Und Seehofer, besonders der sommerliche Machtkampf zwischen beiden Politikern.

Söder bleibt den Bayern erhalten, sagte Müller. "Alle waren auf Marien-Wallfahrt, nur Söder auf Kreuzzug." Neben dem Kreuz etwa im Finanzamt solle man doch auch einen Beichtstuhl aufstellen: "Bei Steuerhinterziehung zehn Vaterunser sprechen, dann ist es wieder gut." Müller schonte keinen. Mit erfrischender Respektlosigkeit nahm er sie sich alle vor. Oft wirkte sein Dialekt-Wortwitz auf den ersten Blick banal, zeigt aber im Nachgang treffsicher gesetzte Pointen.

Ein Sachse geht angeln

Die Suche nach Liebe, Glück und Unsterblichkeit legte Müller vielen seiner Gedanken zugrunde. Schnell landete er dabei auch bei William Shakespeares "Romeo und Julia". Keine Angst, Müller mutierte nicht plötzlich zum sprachfeinen Lyriker. Wenn auch immer wieder Shakespeare zu Wort kam. Naja, genauer sein plappernder Schädel, platziert auf einer Säule. Hörte man diesem sächselnden Knochenkopf zu, kamen berechtigte Zweifel auf, ob der Dichter und Lyriker so gewesen ist, wie man das heute glaubt. Und übrigens, sei er, William, nur der, der in der Öffentlichkeit stehe, geschrieben habe sein Bruder Heiko. "Angelsachse" sei er nicht, das beruhe auf einem Übersetzungsfehler: Er sei Sachse und war nur angeln.

"Romeo und Julia" sei die Rosamunde-Pilcher-Geschichte vergangener Zeiten: zwei verliebte Teenager verfeindeter Familien. Rasch schwenkte Müller ab in die Untiefen des Beziehungsdschungels, sezierte mit messerscharfem Blick Eigenheiten von Männern und Frauen. Beide bekamen ihr Fett ab. So nebenbei outete er auch Rauchmelder als absolute Erotikkiller in heißen Liebesnächten.

Frech und manchmal hart an der Grenze

Und so ging es mit rasantem Schritt und noch schnellerem Sprachfluss weiter: Rentner und E-Bikes, pürierter Kopfsalat in Form von grünen Smoothies, die Service-Wüste bei Telefonberatungsstellen, sportliche Betätigung im Alter und vieles mehr kommen auf den Müllerschen Seziertisch. Sehr frech, publikumsnah, manchmal hart an der Grenze – aber die Fans lieben ihn dafür und sind mit größtem Vergnügen zu jedem Spitzbubenstreich bereit.

Müller ist eine Rampensau und versteht es prima, seinem Redefluss auch musikalisch Gehör zu verschaffen. Die Dreggsagg-Songs sind Kult. Zwischen volkstümlicher Schlagerparodie und Schunkelatmosphäre ging Müller gänzlich auf. Das Publikum ging begeistert mit, tobte und klatschte. Der Dreggsagg ist ein begnadeter Entertainer, dem der Schelm im Nacken sitzt und so manche Bosheit ins Ohr flüstert. Ein ausgemachter "Lachsagg" zudem.

Elke Walter

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