Dienstag, 24.11.2020

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"Es ist völlig in Ordnung nach zehn Jahren noch zu weinen"

Anna Scheuenstuhl rät, Todesfälle Kindern gegenüber nicht schönzureden und Rituale zu entwickeln - 22.11.2020 12:30 Uhr

Bücher können Kindern in ihrer Trauer helfen, sagt Anna Scheuenstuhl.

22.11.2020 © Lisa Bavosa


Anna Scheuenstuhl (33) hat Religionspädagogik und Kirchliche Bildungsarbeit an der Evangelischen Hochschule in Nürnberg studiert, ist Freie Rednerin und bietet die Gestaltung von Willkommensfeiern, Freien Trauungen, Trauerfeiern, Trauerbegleitung sowie Workshops zum Thema "Kinder trauern anders" an.

Frau Scheuenstuhl, warum trauern Kinder anders und wie kann man sie dabei unterstützen?

Der Tod gehört zu unserem Leben dazu. Jeder von uns muss sterben. Kinder bleiben von dieser Thematik nicht verschont. Kinder zeigen oft andere Gefühle, als wir Erwachsene es erwarten. Man versucht, Kindern das Schlimme lieber zu verschweigen, die Situation schönzureden. Viele Erwachsene kommen selbst mit Todesfällen oft nur sehr schwer klar, sie wollen Kinder schützen. Doch Kinder merken an der Traurigkeit, es ist etwas Grausames passiert, sie tun sich aber insgesamt leichter damit umzugehen und sind oft die besten Psychologen für die Erwachsenen. Man sollte mit Kindern ganz offen darüber sprechen. Es ist auch für Kinder wichtig, den Tod begreifen zu können. Aber Trauer ist etwas ganz Individuelles, auch für Kinder und Jugendliche.

Warum ist Verschweigen oder Schönreden keine gute Lösung?

Man meint es gut, aber Kinder müssen in dieser Situation ernst genommen werden, wir müssen Antworten auf ihre unzähligen Fragen finden. Damit sind Eltern und Angehörige oft überfordert, wissen nicht so recht, wie sie mit den Fragen umgehen sollen. Vorsorge ist in diesem Fall besser als Nachsorge. Jederzeit kann ein Trauerfall eintreten und dann kommen viele typische Fragen: Was passiert jetzt mit ihr oder ihm? Woran ist er oder sie gestorben? Und warum? Darauf vorbereitet zu sein, ist ein Muss.

 

Was sind denn gute Antworten?

Umso offener Sie sind, umso besser kann es das Kind verarbeiten. Bis drei Jahre können Kinder Todesfälle nicht begreifen, sie verstehen die Dimension nicht. Da, aber auch bei Älteren kann es helfen, mit ihnen ein Buch über den Tod anzuschauen. Da gibt es viel Schrott, aber auch sehr gute Bücher. Danach empfehle ich, nicht zu sagen, der Tote schläft oder ist nun im Himmel, mit dieser Verörtlichung tun sich Kinder schwer. Sie wollen dann dorthin gelangen mit einer Leiter oder Flugzeug. Besser ist, zu sagen, der Körper ist in der Erde und die Seele beim lieben Gott oder in der Natur. Und auch ,Ich weiß nicht’ kann eine gute Antwort sein, wenn sie stimmt. Kinder sind da sehr feinfühlig. Man sollte Kindern sogar anbieten, den Toten – wenn es die Umstände erlauben – nochmal zu sehen oder mit auf die Beerdigung zu gehen, ihnen die Wahl lassen.

Sie lassen sich gerade zur Trauerbegleiterin ausbilden, was kann in diesen schweren Momenten helfen?

Es ist wichtig, ganz individuelle Rituale zu entwickeln. Das kann das Aufstellen eines Bildes sein, einer Kerze oder der Gang zum Friedhof und das Gespräch mit dem Toten an einem Platz, der in der gemeinsamen Beziehung eine Bedeutung hatte oder ihm einen Brief zu schreiben. Wichtig ist es, sich der Trauer zu stellen, sich damit auseinanderzusetzen. Manchen hilft es, eine Verbindung zum Toten aufzubauen, anderen mit einem Freund oder einem Außenstehenden zu reden. Nur Verdrängen ist ein Fehler. So oder so, jeder muss seinen Weg finden und es ist auch völlig in Ordnung nach zehn Jahren noch zu weinen.

Ein Workshop "Kinder trauern anders" findet am Sonntag, 13. Dezember, ab 16 Uhr online statt. Anmeldung ist per E-Mail (kontakt@wortreich-anna.de) oder telefonisch (09107/925 89 38) möglich.

Interview: STEFAN BLANK

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