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Feuer in Oberntief: Mutmaßlicher Brandstifter streitet Vorwürfe ab

Am Donnerstag begann der Prozess gegen den mutmaßlichen Brandstifter - 19.04.2021 09:00 Uhr

So sieht das Anwesen von hinten heute aus. Sanierungsarbeiten im Wohnhaus (links, teils verdeckt) haben begonnen, die Schäden an der Scheune sind noch deutlich sichtbar.

16.04.2021 © Foto: Bastian Lauer


Mal liest er aus der Bibel, sammelt Mut und bekreuzigt sich. Wenige Minuten später bricht er in Tränen aus. Der 33-Jährige Bogdan P. soll am 27. Juni 2020 ein Wohnhaus und eine Scheune in Oberntief in Brand gesteckt haben. Seit seiner Festnahme im englischen Leeds am 29. September 2020 sitzt der rumänische Staatsbürger in Untersuchungshaft – und hätte am Donnerstag wohl freikommen können. Doch er wollte kein Geständnis ablegen und so blieb ihm die in Aussicht gestellte zweijährige Bewährungsstrafe verwehrt.

Der Brand

Das Feuer wurde am 27. Juni 2020 (ein Samstag) gegen 6.40 Uhr von einem Oberntiefer Bürger entdeckt, wie dieser vor Gericht beschrieb. Betroffen waren ein Wohnhaus sowie eine Scheune auf einem ehemaligen landwirtschaftlichen Anwesen, auf dem weitere nicht mehr genutzte Ställe stehen. Da es zwei Brandherde gab, die nichts miteinander zu tun haben dürften, lag bei Polizei und Feuerwehr schnell der Verdacht einer Brandstiftung nahe. Zu dem Ergebnis kam auch die Kriminalpolizei.

Ein Feuer wurde in der Küche im Erdgeschoss des Wohnhauses gelegt. Hierzu stellte der Täter die Herdplatten auf Dauerbetrieb und legte entzündliches Material darauf, das Feuer fing, erläuterte der Sachbearbeiter der Kripo Ansbach vor Gericht.

Das Feuer wütete in der Küche, es gab auch eine starke und gefährliche Rauchentwicklung bis hoch ins Obergeschoss. Ein zweites Feuer wurde mutmaßlich im Heuabwurfschacht im Erdgeschoss der benachbarten Scheune gelegt, erläuterte der Kripo-Beamte. Heu im Geschoss darüber förderte eine schnelle Ausbreitung der Flammen, sodass letztlich der gesamte Dachstuhl schwer beschädigt wurde.

Die Feuerwehr Oberntief war binnen weniger Minuten vor Ort und konnte die Flammen vor allem im Wohnhaus unter Kontrolle bringen. Fünf Personen konnten sich ins Freie retten. Drei von ihnen klagten über Rauchgasvergiftungserscheinungen. Eine Feuerwehrfrau wurde beim Einsatz leicht verletzt. Der Schaden wurde auf 300 000 Euro geschätzt.

Erste Ermittlungen

Mehrere Zeugen beobachteten während des Feuerwehreinsatzes, wie die Bewohner ihr Hab und Gut in den Hof warfen, um es vor den Flammen zu retten. Nach und nach kamen sie nach draußen, zunächst sollen es vier gewesen sein, schließlich kam eine fünfte Person hinzu, die sich mit dem Quartett gestritten haben soll. Jene fünfte Person, die laut eines Zeugen eine schwarze Lederjacke oder ähnliches und Vollbart getragen habe, soll sich dann von den vier anderen getrennt haben und mit einem Rucksack als Gepäck über die Ortsverbindungsstraße nach Ergersheim gelaufen sein. Die vier anderen Bewohner wurden von der Polizei zur Befragung eingesammelt.

Der Umstand, dass der Mann weglief, wurde schnell der Polizei bekannt, und er rückte deshalb sofort als Tatverdächtiger in den Fokus. Mit dem Bus, in dem die vier anderen Bewohner saßen, fuhr die Polizei nach Ergersheim und entdeckte den gesuchten Mann. Es war Bogdan P.

Szene vom Feuerwehr-Einsatz am Morgen des 27. Juni 2020.

16.04.2021 © Archiv-Foto: Christine Berger


Ob er damals Vollbart trug, wurde nicht erörtert. Bei der Verhandlung war er glattrasiert. Ein Zeuge konnte im Gerichtssaal nicht sicher sagen, ob er diesen Mann nach Ergersheim hat laufen sehen. Der nun Angeklagte soll "erschrocken" darauf reagiert haben, dass er gegen 8.10 Uhr aufgespürt wurde, berichtete der Polizist, der die Festnahme durchführte. So als ob er etwas zu verbergen hätte.

Auf der Wache in Bad Windsheim wurde Bogdan P. von seinen Mitbewohnern isoliert. Nach einer Blutentnahme um 12.05 Uhr wurde ein Alkoholpegel von 1,82 Promille bei ihm gemessen. Am Sonntag wurde er dem Haftrichter vorgeführt, der keinen Grund sah, den damals 32-Jährigen in Gewahrsam zu belassen. Er kam frei. Allerdings blieb er weiter der Hauptverdächtige der Ermittler. Es wurde nie wirklich jemand anderes in Betracht gezogen, erklärte der Kripo-Beamte vor Gericht.

Der Angeklagte

Bogdan P. betonte: Er sei unschuldig, er habe an die Nacht aber auch keine Erinnerung. Er sei streng gläubig und wolle nicht lügen, um möglicherweise etwas zu gestehen, was er nicht getan hat.

Der Mann stammt aus Rumänien. Bereits mit 15 Jahren sei er erstmals ins Ausland zum Arbeiten gegangen. Griechenland, Frankreich, Großbritannien. In Paris sei bei ihm von einem Gutachter festgestellt worden, dass er an Epilepsie leide. Die Gründe sehe der Angeklagte in einem Sturz von einem Baum, als er sechs Jahre alt war. Wegen der Beeinträchtigung müsse er Medikamente einnehmen, zuletzt seien ihm in Rumänien 2018 welche verschrieben worden. Alkohol dürfe er deshalb nicht trinken.

Anfang Mai 2020 habe der Altenpfleger – den Beruf habe er in England erlernt – eine Behandlung für seine Panikattacken abgeschlossen und wieder einen Job gesucht. Er war so bei einer rumänischen Firma auf das Angebot auf eine Anstellung für ungelernte Arbeitskräfte in Deutschland gestoßen. Mit dem Bus sei er bis vors Tor einer Firma in Bad Windsheim gefahren worden, von dort brachte ihn ein "Teamleiter" zur Unterkunft in Oberntief.

Der Tatort

In jener Unterkunft hätten bis zu 17 Personen gleichzeitig gewohnt, erklärte Bogdan P. Zur Tatzeit wohnten acht Leute darin, alles Rumänen, die im Schichtbetrieb der Firma arbeiteten. Die Leute hätten wenig miteinander zu tun. Es sei ein Kommen und Gehen gewesen, manche Arbeiter hätten nur wenige Tage ausgehalten, ehe sie wieder nach Rumänien flüchteten. Die Arbeit sei hart gewesen. In den wenigen Wochen sei er bei zwei Arbeitsunfällen verletzt worden, sagte Bogdan P. Unfälle passierten häufig, normal gingen die Leute aber dennoch zur Arbeit. Wer sich krank meldet, werde nicht bezahlt.

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Brand in Oberntief: Flammen loderten aus dem Dach

In Oberntief bei Bad Windsheim stand am Samstagmorgen eine Lagerhalle in Flammen. Der Brand breitete sich auch auf das angrenzende Wohnhaus aus. Das in dem landwirtschaftlichen Anwesen Heu und Stroh gelagert war, entwickelte sich schnell ein großes Feuer. Eine Person musste wegen einer Rauchgasvergiftung ins Krankenhaus. Die Kriminalpolizei ermittelt.


Streit habe es in der Unterkunft nicht gegeben, betonte der Angeklagte. Auch aus den Verhörprotokollen der anderen Bewohner ging das so hervor. Diese wurden zum Teil verlesen, da ihr Aufenthaltsort unbekannt ist oder, wie in einem Fall, der Zeuge der Ladung nicht nachkam.

Die Tatnacht

Auch dem Brand soll kein Streit vorausgegangen sein, sagte Bogdan P. Er sei am Nachmittag nach Schichtende einkaufen gewesen und habe sich mit Bier und Whiskey versorgt. Bereits angetrunken ließ er sich von einem Mitbewohner nach Bad Windsheim fahren, wo die beiden – laut Videoaufzeichnungen – um 21.09 Uhr in einem Spielcasino eintrafen. Der Fahrer fuhr kurze Zeit später nach Hause. Bogdan P. blieb allein zurück, aus einem Rucksack, den er draußen deponiert hatte, versorgte er sich – unerlaubterweise – weiter mit Whiskey. Ob er tatsächlich Alkohol getrunken hat, könne sie nicht sagen, wie eine Spielhallenaufsicht vor Gericht sagte. Betrunkene Gäste würden aber normal hinausgebeten, betonte sie. Bodgan P. sei in der Hinsicht nicht auffällig gewesen.

Laut seiner Aussage sei der Angeklagte morgens, nachdem er heimgelaufen war, von der Polizei aufgegriffen worden. Warum habe er damals nicht gewusst. Er könne sich nur erinnern, zwischenzeitlich in einem Park weiter Alkohol getrunken zu haben, mit der Tat habe er nichts zu tun.

Das Fenster zur Küche, in der Feuer gelegt wurde, Anfang Juli 2020.

16.04.2021 © Archiv-Foto: Bastian Lauer


Anhand von Kamerabildern aus der Spielhalle und Handydaten des Angeklagten rekonstruierte die Kripo, dass Bogdan P. das Casino um 0.14 Uhr verlassen hat. Zu der Zeit hat er auch per Handy Kontakt zu seinem Fahrer und Mitbewohner aufgenommen, per Sprachnachricht hat er sich beschwert, dass er zurückgelassen wurde. Nachts sei das Handy in eine Funkzelle geloggt gewesen, die für Oberntief zuständig ist, sagte der Ermittler. Um 6.53, 7.13 und 7.26 Uhr sei das Handy in Nachbarfunkzellen von Oberntief eingeloggt gewesen. Hieran lasse sich der Fußmarsch nach Ergersheim nachvollziehen.

Während Bogdan P. behauptet, er sei nachts nicht im Wohnhaus gewesen, sei er laut Aussage des Zimmernachbarn – der ihn in die Bar gefahren hatte – aber um 1.22 Uhr mit zwei Messern bewaffnet in dessen Zimmer aufgetaucht und habe ihn bedroht. Der Mitbewohner – der diesen Vorfall erst bei seiner zweiten Vernehmung der Polizei berichtet hatte – habe Bogdan P. in sein Zimmer geschickt, dem sei er auch nachgekommen. Als er selbst aufstand, um kurz nach 4 Uhr zur Arbeit zu fahren, habe er aus dem Zimmer des Angeklagten Schnarchen wahrgenommen.

Die Beweislage

"Sachbeweise", wie es der Verteidiger nannte, die zu Bogdan P. führen, gibt es nicht, wie der Kripo-Ermittler betonte. Keine DNA, Fingerabdrücke oder ähnliches. Eine graue Hose, die auf den Kamerabildern des Casinos zu sehen sein soll, hatte die Kripo im Zimmer des Angeklagten gefunden. Von diesen Arbeitshosen habe er mehrere, sagte Bogdan P.

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Einen Hinweis hätte die Trainingsjacke – keine schwarze Lederjacke, wie ein Zeuge gesehen haben will –, die Bogdan P. bei der Festnahme trug, geben können. Dort waren Brandspuren festgestellt worden. Laut Gutachten seien diese aber so gering und so alltäglich, dass ihre Herkunft offen ist. Sie müssen nicht von dem Feuer in Oberntief stammen.

Ein Feuerzeug, mit dem sich der Brand in der Scheune ganz leicht hätte legen lassen, wurde beim Angeklagten – er ist Raucher – bei der Festnahme nicht sichergestellt. Was letztlich der Brandbeschleuniger auf dem Herd in der Küche war, ließ sich nie ermitteln. Elektrogeräte konnten die Ermittler ausschließen, sie gehen von Textilien oder ähnlichem aus, konnten aber keine ausreichenden Rückstände finden. Von den Mitbewohnern habe nie einer Bogdan P. belastet, sagte der Kripo-Beamte.

Das Gericht dürfte vor einer ganz schwierigen Entscheidung stehen, wie der erste Verhandlungstag deutlich machte. Am 29. April wird der Prozess fortgesetzt.

BASTIAN LAUER

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