Flüchtlinge berichten über Umgang mit Ängsten

3.8.2016, 16:01 Uhr
Die Anschläge von Würzburg, München und Ansbach beunruhigen auch die in Bad  Windsheim und Obernzenn lebenden Flüchtlinge. Doch ihre ehrenamtlichen Betreuer  sprechen ihnen Mut zu.

Die Anschläge von Würzburg, München und Ansbach beunruhigen auch die in Bad Windsheim und Obernzenn lebenden Flüchtlinge. Doch ihre ehrenamtlichen Betreuer sprechen ihnen Mut zu. © Claudia Lehner

"Ohne Bombe", sagt Amr Dumirieh, zeigt auf seine Tasche – und lacht. Bei allem Ernst macht er einen Scherz, auch wenn ihm nicht wirklich zum Lachen zu­mute ist. Er habe keinen Sprengstoff drin, sondern Tabletten für die Kopf­schmerzen wegen all der schlechten Nachrichten, erklärt der 29-Jährige, der aus Syrien geflohen ist und seit neun Monaten in Bad Windsheim lebt.

"Wir kamen nach Deutschland, weil wir in Frieden leben wollen"

Es ist ihm und auch den gut 30 anderen Flüchtlingen, die nach und nach im Haus von Najwa Aleid und ihrer Familie in der Altstadt eintref­fen, ein Anliegen es auszusprechen: Wir sind keine Terroristen. Einige haben eine Erklärung vor­bereitet, weil es ihnen immer noch schwer fällt, ihr Anliegen auf Deutsch zu vermitteln. "Wir kamen nach Deutschland, weil wir in Frie­den leben wollen", sagt Anas Alhaj Ajeel. Wie könne jemand von ihnen denken, dass sie diese großzügigen Menschen ermorden wollten, die ih­nen geholfen haben, betont der 29-jährige Syrer.

Wer solche Attentate begehe, sei für ihn kein Moslem. Er zitiert aus dem Koran. Wenn jemand einen Menschen töte, sei es, als hätte er die ganze Menschheit getötet. Was er gedacht habe, als er von dem Bombenattentat in Ansbach er­fahren hat? "Hoffentlich ist es kein Syrer", übersetzt einer der Anwesen­den für ihn, der schon länger in der Kurstadt lebt. Die Befürchtung schwinge mit, dass alle Flüchtlinge verantwortlich gemacht werden. Er habe so viel Krieg in seiner Heimat erlebt. Hier soll es nicht so weit kom­men. Fuß fassen ist nicht einfach.

Die Angst vor Stigmatisierung ist groß

Doch in Bad Windsheim, das beto­nen sie alle, fühlen sie sich wohl. Auch nach den Attacken von Würz­burg, München und Ansbach habe sie niemand schlecht behandelt. Sie sind stolz darauf, wie gut sich ihre Kinder in der Schule machen und dankbar für ein Praktikum oder eine vorüber­gehende Arbeit. Wirtschaftlich hier Fuß zu fassen, scheint allerdings nicht einfach. Najwa Aleid spricht es deutlich aus, wie stark sie die Attentate belas­ten, auch wenn sie sich gut aufge­nommen fühlt. Sie besucht einen In­tegrationskurs in Fürth und muss je­den Tag mit dem Zug fahren. Die Angst fährt mit. Nicht nur Bad Windsheimer, son­dern auch etliche der mittlerweile 90 Flüchtlinge, die in Obernzenn leben, sind mit Sylvia Crane und drei wei­teren ehrenamtlichen Helfern nach Bad Windsheim gekommen.

Amr Du­mirieh ist einer davon. Nach dem An­schlag in Ansbach wollte er nicht aus dem Haus, sich am liebsten verste­cken, doch die "großartige Mama Sylvia" habe ihm klar gemacht, dass das schlecht ist. "Ein Mann hat das gemacht, nicht alle Flüchtlinge sind Terroristen", sagt er. Die ehrenamtlichen Helfer versi­chern ihren Schützlingen, dass die Stimmung in Deutschland wegen ei­niger Anschläge nicht kippen werde und in Bad Windsheim und Obern­zenn keine Bomben hochgehen wer­den. "Es besteht keine latente Ge­fahr", sagt Hans Reinberger, früherer Bürgermeister von Obernzenn, der sich mit seiner Frau für die Flücht­linge engagiert, Deutsch unterrichtet und ihnen die Möglichkeit zum Fuß­balltraining bietet.

Für Jugendliche ist die Situation besonders schwer

Für die Jüngeren ist die Situation besonders beunruhigend. Der 18-jäh­rige Khabat Maamo hat Angst. Be­sonders als er mit seiner Lehrerin im Zug nach Neustadt gefahren ist, war ihm sehr mulmig. In Obernzenn fühlt er sich wohl. "Je­der kennt jeden", erklärt dazu Sylvia Crane. "Die wissen, dass das keine Terroristen sind." Für die minderjährigen unbegleite­ten Flüchtlinge ist es besonders schlimm, erzählt Crane. Auch in der Schule spüren manche Abneigung, sind verunsichert. "Magst Du mich überhaupt noch?", hat ein 17-Jähri­ger eine der Helferinnen gefragt, be­richtet Ingrid Reinberger. Dass es für die Jugendlichen "besonders schwie­rig sein könnte", bestätigt Andreas Weidemann, einer der pädagogischen Leiter des Obernzenner Jugendheims für die jungen Flüchtlinge.

Da gebe es "Irritationen", wie er vorsichtig formuliert. "Wir wollen sie schützen, ihnen eine Art von Zuhause geben", erklärt er, weshalb auch keiner der Jugendlichen aktuell direkt mit der Presse reden solle. Dass Integration dauerhaft funk­tionieren kann, davon ist Bouazza Khalfalla überzeugt und macht den Flüchtlingen Mut. Seit 1982 lebt der Gießereimeister in der Kurstadt: "Bad Windsheim ist meine zweite Heimat." Die Anschläge haben auch bei ihm Kindheitserinnerungen an den Krieg in seinem Geburtsland Al­gerien geweckt. Und doch sagt er: "Man darf sich nicht verstecken."
 

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