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Geflüchtete in Corona-Zeiten: Zu der sprachlichen kommt die digitale Barriere

Hilfe wäre gerade jetzt nötig, doch das Virus erschwert auch das - 24.01.2021 06:00 Uhr

Mahmoud Ali bemüht sich im Homeschooling am Laptop alles aus dem Unterricht mitzukriegen – wenn das Internet mitmacht.

20.01.2021 © Foto: Claudia Lehner


"Wo soll ich noch hin?", fragt der kleine Janshir seine Schwester. Die fünf Kinder der Familie Ali sollen gleichzeitig daheim digitalem Unterricht folgen, möglichst getrennt voneinander. "Sonst wird es zu laut", sagt die 22-jährige Heilan. Es fehlt an der technischen Ausstattung, die Eltern können nur wenig helfen und das Internet macht immer wieder schlapp. Corona und Homeschooling sind für viele Familien eine große Herausforderung, für Flüchtlinge umso mehr. "Es brennt überall", sagt Sylvia Crane aus Obernzenn, die sich ehrenamtlich um etliche Familien und junge Erwachsene im Landkreis kümmert.

Laptops sollten eigentlich von Schulen als Leihgeräte zur Verfügung gestellt werden, doch nicht an jeder Einrichtung klappt das offensichtlich, zumindest nicht sofort. Die Geräte reichen in der Familie, die aus Syrien stammt und nun in Neustadt lebt, noch nicht für alle. Ab dieser Woche soll auch der Jüngste, der siebenjährige Janshir, teilweise digital unterrichtet werden – vorher waren nur Arbeitsblätter auszufüllen. Vater Mohammad Ali kann von seinem Gehalt als Näher das nicht komplett ausgleichen, was an Ausstattung noch fehlt. Homeschooling ist teuer: Drucker, Kopierer, Patronen und Papier werden gebraucht. Die Stromkosten steigen ebenfalls.

Großes Fragezeichen durch Corona

Der 13-jährige Mahmoud will im nächsten Jahr den M-Zug seiner Mittelschule besuchen, die 18-jährige Lawa strebt die Mittlere Reife an und bei der 22-jährigen Heilan steht im Frühjahr der Abschluss ihrer Ausbildung zur Kinderpflegerin an. Ihr 19- jähriger Bruder Mustafa macht eine Friseurlehre. Ob alles so klappt, wie gewünscht? Corona macht ein großes Fragezeichen dahinter. Es sind Probleme, die viele Azubis in Corona-Zeiten haben: "Die Praxis fehlt", bedauert Heilan. Sie macht sich Sorgen wegen des Abschlusses. Es sei schwer, dem Unterricht online zu folgen, auch weil die Internetverbindung schlecht ist. "Wenn alle gleichzeitig Videokonferenz haben, dann fällt einer runter", bestätigt Crane.

Helfen können die Eltern nur wenig. Der Vater arbeitet Vollzeit, die Mutter kann noch wenig Deutsch. Sylvia Crane wird für einige Stunden vom Sozialamt für Nachhilfe für den Jüngsten bezahlt. "Es fehlt schon so viel vom letzten Jahr", stellt sie bedauernd fest. "Ich kann das nicht auffangen." Und um die Abschlussschüler macht sie sich besondere Sorgen. Wo deutsche Eltern sich schon schwer tun, ist es für Geflüchtete, die erst seit einigen Jahren in Deutschland leben, um so schwerer. Das betrifft nicht nur die Familie Ali.

Kaum zu stemmen

Crane erzählt auch von anderen Schützlingen, von denen sie viele ehrenamtlich betreut. Berufsschüler, die nun digital dem Unterricht folgen sollen. Am Smartphone sei das eine Katastrophe, aber einen Laptop anzuschaffen finanziell auch kaum zu stemmen.

Ein junger Mann aus Guinea, der vor zwei Jahren als Analphabet nach Deutschland gekommen war, hat es ihr besonders angetan. Er habe schon so viel gelernt, macht eine Ausbildung zum Lagerfacharbeiter. Ohne ganz viel Hilfe ginge es in der aktuellen Lage nicht. "Der hat es verdient", stellt Crane klar, wieso sie sich auch abends noch ins Auto setzt, um zu helfen.

Hilfe wäre gerade jetzt nötig, doch das Virus erschwert auch das. Die Diakonie bietet weiter Beratung an, aber eben in Pandemiezeiten möglichst kontaktlos: per Telefon oder Videokonferenz. Manchmal würden auch Dokumente vor die Türe gelegt, die die Berater dann ausfüllen und wieder rauslegen, erklärt Jürgen Rotter, Leiter der Flüchtlings- und Migrationsberatung der Diakone.

Sprachbarriere wird noch höher

Die Sprachbarriere wird angesichts von Corona noch höher. "Mit Händen und Füßen reden", so wie man sich sonst behilft, das gehe aktuell eben nicht, sagt Rotter. Glücklicherweise habe man eine Mitarbeiterin, die einige der Muttersprachen der Flüchtlinge beherrscht. Das hilft.

Aber so wie sonst läuft die Betreuung dennoch nicht. Sprachkurse in Gruppen finden aktuell nicht statt. Neben den hauptamtlichen Integrationslotsinnen, gibt es ehrenamtliche Integrationsbegleiter. "Als Institution können wir sie nicht in die Familien schicken", sagt Rotter. Beratungsstellen seien ein Graubereich, es sei unklar, was genau erlaubt sei. Bis auf wenige Ausnahmen wird die Beratung kontaktlos geleistet. Finanziell hat die Diakonie schon einigen geholfen, es gibt laut Rotter einen Notfonds. Laptops können darüber nicht finanziert werden, die sollte es von der Schule geben. Aber für Drucker oder digitale Nachhilfelehrer geht es.

Sylvia Crane hofft auf Spenden, damit wenigstens die technische Ausstattung besser wird. In Obernzenn gibt es von der Kommune aus ein Konto der Flüchtlingshilfe. "Das wird länger dauern", prophezeit sie zum Homeschooling. Umso dringender wünscht sie sich Lösungen. Die Lehrer seien sehr bemüht, aber einige Kinder schon so abgehängt. Und "die können ja nix dafür".

CLAUDIA LEHNER

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