Samstag, 07.12.2019

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Kampf um Erhalt der Klinik Rothenburg: Leute demonstrierten

Podiumsdiskussion in Reichsstadthalle zu Veränderungen im Gesundheitswesen - 23.11.2019 14:27 Uhr

Wie sehr das Thema Krankenhaus die Rothenburger bewegt, ist an der Besucherzahl in der Reichsstadthalle zu erkennen. © Dieter Balb


"Krankenhaus statt Gesundheitszentrum – Wir sind kein Einkaufszentrum" oder "Patient vor Profit" stand auf großen Tafeln, mit denen Klinik-Bedienstete die Besucher an der Reichsstadthalle empfingen. Drinnen erhofften sich über 500 Besucher bei einer Podiumsdiskussion, zu der der Krankenhaus-Förderverein Mediroth geladen hatte, von der Frage "Das Rothenburger Krankenhaus – ein Gesundheitszentrum?" Antworten, die aber nur zum Teil gegeben werden konnten.

Mediroth-Vorsitzender Hans-Peter Nitt würdigte "die engagierten Krankenschwestern und -pfleger sowie alle Ärzte am Krankenhaus". Das griff die neue kaufmännische Direktorin Amelie Becher auf, sie sprach von einer Belegschaft, die "mit Leidenschaft und Herzblut bei der Arbeit ist". Um die Zukunft zu sichern, brauche man aber das Vertrauen der Öffentlichkeit.

Standorte stärken

Ehe sich das Podium mit Fragen, die nur schriftlich eingereicht werden konnten, beschäftigte, gab es ein paar Vorträge. So verwies Vorstandsvorsitzender Dr. Gerhard Sontheimer, seit 2018 als Sanierungs-Manager des ANregiomed-Verbundes tätig, in seinem Grundsatzreferat auf Gegebenheiten und Schwierigkeiten bei einem jährlichen Defizit von zehn Millionen Euro, eine sich überschlagende Gesetzgebung ("Man kommt sich vor wie bei den ständigen Updates von Apple oder Microsoft") und die strengeren Anforderungen der Krankenkassen.

Er hob hervor, dass man ANregiomed laut Krankenhausbedarfsplan wie ein einziges Krankenhaus sehen müsse, das entsprechend personell, von der Ausstattung her und vor allem betriebswirtschaftlich sinnvoll zu führen sei. Das erklärte Ziel sei, neben Ansbach die beiden Standorte Rothenburg und Dinkelsbühl zu erhalten.

Oberbürgermeister Walter Hartl bemerkte, die Vorstellungen der Krankenkassen, die nur noch Kliniken ab 500 Betten erlauben würden, seien gravierend. Über drohende Erhöhungen von Fallzahlen bei Behandlungen könnten einzelne Abteilungen zur Schließung gezwungen sein.

Dr. Rainer Hoffmann, Vorsitzender des Seniorenbeirats, verdeutlichte die Funktionsweisen des Krankenhauswesens mit immer mehr einengenden Strukturvorgaben, die besonders Häuser auf dem Lande treffen. Immerhin sei der Rothenburger Klinik ein Sicherstellungszuschlag von 400.000 Euro zugesagt. Fallpauschalen würden aber für eine Aufteilung "in lukrative und weniger lukrative Patienten" sorgen. 40 Prozent der Krankenhäuser und 60 Prozent der Verbünde steckten in roten Zahlen.

Krankenhäuser der gut gefächerten Grundversorgung hält Hoffmann auf dem Lande für unerlässlich. Es gehe um Besuchsmöglichkeiten für Ältere, die Notarztversorgung, die Notfallambulanz, aber auch um Fachärzte, die oft von Kliniken ausgebildet werden und dann eine Praxis vor Ort übernähmen.

Bei "Hart aber fair"

Unter der Woche war Hoffmann noch in der ARD-Sendung "Hart aber fair". Er sehe ein Krankenhaus der Grundversorgung schnell in roten Zahlen, "es sei denn, es kann besser vergütete spezielle Leistungen erbringen wie zum Beispiel in Rothenburg die Kardiologie mit Herzkatheter und die Orthopädie mit Gelenkersatz".

Als er 2018 anfing, erklärte Sontheimer, sei von den durch den Verbund erhofften Synergien wenig zu spüren gewesen. ANregiomed habe jedes Jahr zehn bis 20 Millionen Euro Defizit gemacht. Eine nötige Strukturreform sei nicht mal ansatzweise sichtbar gewesen. Sein Ziel: "Sicherstellung einer angemessenen, hochwertigen, langfristig ausgerichteten medizinischen Versorgung in Stadt- und Landkreis Ansbach."

Das könne aber nicht bedeuten "alles Machbare und alles Wünschenswerte und dann noch gleichzeitig an allen Standorten". Er verfolge im neuen Konzept die Stabilisierung der Standorte durch Nachbesetzung wichtiger Chefarztpositionen, dezentrale Verantwortung, kaufmännische Direktoren in jedem Haus "nach dem Prinzip alles so lokal wie möglich und so dezentral wie erforderlich".

Podium von links: OB Walter Hartl, Amelie Becher (kaufm. Direktorin), Dr. Gerhard Sontheimer (Vorstand), Dr. Rainer Hoffmann (Seniorenbeirat), Hans-Peter Nitt (Mediroth-Vorsitzender) © Dieter Balb


"Früher haben wir um Patienten gekämpft, jetzt ums Personal", sagte Sontheimer. Demografische Entwicklung und medizinischer Fortschritt veränderten viel, mit der Digitalisierung und Gesundheits-Apps auf dem Handy erlebe man einen gravierenden Wandel. Die sehr fachlichen Ausführungen sorgten zwischendurch im Saal für kritische Zwischenrufe, endlich zum Kern-Thema zu kommen. Sontheimer entgegnete, das gehe nur durch Kenntnis der größeren Zusammenhänge.

Zahlen eingebrochen

Das Krankenhaus der Zukunft sei "spezialisierter, zentralisierter, ambulanter und vernetzter". Die Medizin verändere sich im nächsten Jahrzehnt revolutionärer als in den letzten hundert Jahren. Den Krankenhäusern stünden große Konzerne gegenüber und es gelte zu fragen, ob das Krankenhaus von heute noch zukunftsfähig ist.

ANregiomed biete an allen Standorten "hervorragende Ausgangspositionen" um die Vernetzung ambulant und stationär hinzubekommen. Sontheimer: "Wir werden perspektivisch im Jahr 2020 damit beginnen, in Dinkelsbühl, in Rothenburg, aber auch in Ansbach, uns zu entwickeln in Richtung eines interdisziplinären Gesundheitszentrums."

In Rothenburg (165 Betten) habe man einiges erreicht. Neue Ärzte seien eingestellt, die Chirurgie sei gestärkt worden, in der Gynäkologie stehe eine Einstellung an und die wieder besser besetzte Kardiologie trägt zur Spezialisierung bei. Aber durch Personalprobleme seien die Zahlen auch in Rothenburg eingebrochen.

Sontheimer antwortete auf eine Frage, dass die Bettenzahlen allgemein sinken, aber es keine nur auf Ansbach ausgerichtete Strategie gebe. Notarztdienst und Akutversorgung wurden angesprochen, der Personalmangel führe dazu, dass Leistungen bei der Rettungsleitstelle zeitweise abgemeldet seien.

"Ich nehme mit, dass es technisch unglaublich vorwärts geht, aber gleichzeitig das Menschliche ein bisschen auf der Strecke bleibt", resümierte Mediroth-Vorsitzender Nitt und betonte, dass der Förderverein schon 200.000 Euro zur Krankenhaus-Unterstützung aufgebracht hat. In der Bilanz des Abends sah man das aktuelle Bekenntnis zum Erhalt aller drei Standorte als wesentlich an. Bei den Details und dem Wie bleibt es spannend.

Dieter Balb

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