Kaserne in Illesheim: Das Kronjuwel der US Army in Europa

3.1.2021, 06:00 Uhr
Die Illesheimer Kaserne der US Army mit Flugfeld inklusive Chinooks, Apache und Blackhawks sowie Parkplatz und den zahlreichen Gebäuden.

Die Illesheimer Kaserne der US Army mit Flugfeld inklusive Chinooks, Apache und Blackhawks sowie Parkplatz und den zahlreichen Gebäuden. © Archiv-Foto: sb

Doch trotz zahlreicher Schließungen in vergangenen Jahrzehnten wurde fast nie über die Storck-Barracks-Kaserne Illesheim diskutiert. "Wichtiges strategisches Drehkreuz", nennt den Stützpunkt der Sicherheits- und Verteidigungs-Experte der CSU und ehemalige Bundesminister Christian Schmidt. "Tor zum Osten was die Fluggeräte der US-amerikanischen Armee angeht", sagen Army-Verantwortliche. Für Fred Lane, der so etwas wie der Direktor der Freizeitgestaltung in den Storck Barracks ist, ist Illesheim das "Kronjuwel der US Army in Europa". Warum? Außergewöhnliche Flugsimulatoren, Hubschrauber-Instandhaltungs-Hochburg und das große Flugfeld für die Helikopter.

Gute Infrastruktur

Das Knattern eines Chinooks beim Landeanflug ist unüberhörbar. Kurs: Illesheim. Storck Barracks. Das Flugfeld mit einer 850-Meter-Landebahn und tausenden LED-Leuchten ist selbst bei Dunkelheit nicht zu übersehen. Die Infrastruktur in der Kaserne ist sehr, sehr gut, sagt Steve Borkowski, Storck Site Manager und damit eine Art Bürgermeister der Kasernen Ansbach und Illesheim. Der 30 Meter lange und bis zu 22 Tonnen schwere Transporthubschrauber Chinook reiht sich neben Apache-Kampfhubschraubern und Blackhawk-Transporthubschraubern ein. Platz ist reichlich auf dem Parkbereich des Flugfeldes. Insgesamt umfassen die nach dem US-amerikanischen Kriegshelden Louis J. Storck benannten Barracks 165 Hektar.

Gleich neben dem Flugfeld stehen zwei große Hangar. "Mit Technik vollgestopfte Hochregallager", wie sie Gerlinde Hoyle lächelnd nennt. Hoyle ist Mitarbeiterin im Büro für Öffentlichkeitsarbeit der US-Army in Ansbach und Illesheim und zeigt mit Fred Lane, wo vor der Corona-Pandemie Hunderte Hubschrauberpiloten aus allen möglichen Nato-Staaten hinpilgerten und Hunderte es sicher bald wieder tun werden.

Dort in den Hallen gibt es Simulatoren für Apache-, Blackhawk- und Chinook-Piloten und alle Crewmitglieder. "Da kann man alles trainieren", erklärt Karl Brand. "Sie haben das Gefühl, sie sitzen in einem richtigen Hubschrauber." Brand kennt nahezu jedes Teil der drei Hubschrauber-Arten der US Army in Westmittelfranken – und das sind unfassbar viele. Die Simulatoren – es handelt sich um Cockpits, die alles beinhalten, was auch in flugfähigen Apaches, Blackhawks oder Chinooks ist.

Seltener Flugsimulator

"Alles, was Sie in der Luft machen können, können Sie auch in diesem Simulator machen", sagt Fred Lane. "Es ist eine Art Virtual Reality – das großartigste Videospiel aller Zeiten." Nach Angaben der fest in Ansbach-Katterbach stationierten 12. Kampffliegerbrigade wurden zwischen 1985 und 1987 erste Flugsimulatoren in Illesheim installiert, derzeit gebe es nur zwei Flugsimulatoren-Ansammlungen in Europa.

Hineinzugehen in die Hallen ist nicht erlaubt – doch auf dem Gelände des ehemaligen Fliegerhorsts der Luftwaffe der Wehrmacht gibt es viel zu sehen – dort leben aktuell rund 1000 Soldaten der Rotationseinheit der 101st Combat Aviation Brigade aus Fort Campbell im Bundesstaat Kentucky. Neben den Truppenunterkünften wurden nach der Umstrukturierung 2015 auch Familienunterkünfte für Soldaten ohne Frauen und Kinder als Wohngemeinschaften genutzt. "Was wir vermissen, sind die Familien", sagt Fred Lane, Familienangehörige haben die in Illesheim stationierten Soldaten – früher war das anders – nicht dabei.


Nichts Offizielles zum Abzug der Army


"Es ist aber nichts abgebrochen worden, nur eingemottet", erklärt Hoyle. Schule, Kindergarten, sogar einen riesigen Spielplatz gibt es auf dem Areal. "Alles wird in Schuss gehalten, wenn doch mal irgendwann wieder Familien kommen sollten", sagt Hoyle. Doch momentan haben die Storck-Barracks "einen anderen Auftrag", sagt Fred Lane und meint, ohne es auszusprechen, die Ausbildung von Piloten und die Funktion als Drehscheibe für Helikopter in Einsatzgebiete Richtung Osten.

In zwei unscheinbaren aber riesigen Hallen sind die Hubschrauber-Flugsimulatoren untergebracht, in denen nicht nur US-Piloten üben. 

In zwei unscheinbaren aber riesigen Hallen sind die Hubschrauber-Flugsimulatoren untergebracht, in denen nicht nur US-Piloten üben.  © Foto: sb

So gilt für die Soldaten der Rotationseinheit für ihre Zeit in Deutschland, wie Fred Lane lachend sagt: "Ich bin ihre Familie. Ich stelle Weihnachtsbäume auf, ich schaue, dass es ihnen gutgeht." Westmittelfranken sei bei Soldaten sehr beliebt, da der Aufenthalt als Auslandseinsatz zählt und auch Afghanistan oder andere Krisengebiete möglich gewesen wären.

"Alle freuen sich und wollen möglichst viel von Deutschland sehen, leider ist das mit Corona derzeit nicht möglich", erzählt Hoyle. Besuche von Weihnachtsmärkten, darunter des Christkindlesmarkts in Nürnberg gehörten sonst zu Höhepunkten. Früher hätten alle Soldaten einer Rotationseinheit zusammen Weihnachten gefeiert, jetzt müsse alles "im kleinen Kreis" gemacht werden. "Wir nutzen jeden Raum, den wir haben und machen es überall so schön wie möglich", sagt Lane.

Corona trifft Soldaten

Aus den USA kamen tausende Pakete mit Weihnachtsdeko und Geschenken. Doch Corona betrifft auch die US-Soldaten. "Als es Covid nicht gab, durften die Soldaten überall hin", erklärt Daneta Johnson, Chefin der Öffentlichkeitsarbeits-Abteilung der Army-Garrison Ansbach. "Wir halten uns auch in der Kaserne größtenteils an die bayerischen Regeln." Verlassen dürfen die Soldaten die Storck-Barracks aktuell nur für Einsätze. "Wir sind sehr vorsichtig", sagt auch Lane. Maskenpflicht? Selbstverständlich. Regelmäßige Testungen? Alltag.

Ihre Freizeit vertreiben sich die Soldaten im Fitness-Center, spielen auf den Baseball-, Rugby- oder Fußballfeldern oder gehen in die "Recreation Center". In diesen "Freizeitgestaltungshallen" wie sie Fred Lane nennt, stehen Bibliotheken und Videospiele, Kinofilme oder Computer mit Druckern zur Verfügung. Tischtennis, Air-Hockey, Billard, Zocken. "Ich weiß gar nicht, wie viele Konsolen wir haben", sagt Lane und lacht. "Es sind sehr viele."

Ein großer Teil im Südwesten des Kasernenareals, auf dem zwischen 250 und 300 Zivilisten arbeiten und auch eine Tankstelle mit Supermarkt und Geschäfte zu finden sind, ist eine Stellfläche für Transportfahrzeuge aller Art – vom Tanklastzug bis zum Jeep. "Manche Rotationseinheiten übernehmen die Fahrzeuge von anderen, andere bringen ihre eigenen mit", erklärt Steve Borkowski.

Hubschrauber-Instandsetzungs-Einheit

Und dann ist da noch das zweite Juwel der Kaserne, das ebenfalls zur Einzigartigkeit beiträgt, wie sich die Verantwortlichen einig sind: die Hubschrauber-Instandsetzungs-Einheit. Dort arbeiten US-Amerikaner vom Verteidigungsministerium, ein 40köpfiges Team aus "Local Nationals", das aus Deutschen und zahlreichen Nicht-Amerikanern besteht und von Karl Brand geleitet wird, und Mitarbeiter eines Unternehmens, das je nach Auftragslage und Bedarf Experten stellt.

"Wir machen das komplette Spektrum", erklärt Karl Brand. Von der kleinen Inspektion bis zum Totalschaden wie bei einem Absturz. In dem großen Hangar in Illesheim werden alle Hubschrauber regelmäßig komplett auseinandergenommen. "Wir schauen uns jedes Teil genau an", sagt Brand. Oft wird aber auch an Standorten in ganz Europa repariert oder gewartet: "Wir bekommen die Infos und schicken dann ein Team dorthin." Es komme auch vor, dass Monteure und Equipment mit Chinooks zum Einsatzort geflogen werden. Feste Teams gibt es unter anderem in Hohenfels, Grafenwöhr, Afghanistan oder Ägypten. Jedes Stück des Hubschraubers könne gefertigt werden, wenn es einmal schwer zu bekommen sei – "das sind dann trotzdem vom Hersteller genehmigte Teile", Sonderanfertigungen nach Vorgaben der Ingenieure. Die fertigen Teile werden nochmal geröntgt, und auf Risse überprüft, sagt Brand.

Regelmäßig, nach einer gewissen Anzahl von Flugstunden, werden alle Hubschrauber überprüft und zwar nicht nur die Illesheimer und Ansbacher, sondern alle der US Army sowie Blackhawks, Apaches und Chinooks von Verbündeten und Partnern. "Das ist schon wahnsinnig viel Arbeit", sagt Brand. "Da ist alles durchgeplant, wie alles bei der Army, es hat alles System", sagt Fred Lane.

So sei es alle neun Monate eine logistische Meisterleistung, den Wechsel der Rotationseinheiten abzuhandeln, wie Gerlinde Hoyle darlegt – der nächste steht im April an. "Das meiste kommt mit Booten an, die Hubschrauber, deren Rotoren alle eingeklappt sind, werden dann ausgeladen." Die Teams von Karl Brand machen einen nach dem anderen flugfertig, ehe Prüfer und Piloten die Maschinen abnehmen.

Viele Vorteile

Weitere Argumente – auch wenn das anderen Standorten in der Vergangenheit nicht immer Sicherheit gebracht hat – sind die Investitionen, die vonseiten der US-Regierung in die Storck-Barracks fließen. "Es wird sehr viel renoviert", erklärt Gerlinde Hoyle. "Ich glaube, wir müssen uns wenig Gedanken machen um Illesheim", fügt Steve Borkowski an. Die Kaserne habe "sehr viele Vorteile" und sei "einzigartig".

Neu errichtet wurden Gebäude, in dem die rund 15 Meter langen Rotorblätter für die Hubschrauber repariert und gefertigt sowie lackiert werden. In das Instandhaltungs-Gefüge sei erst ein zweistelliger Millionenbetrag gesteckt worden. Aktuell laufe auch ein rund 2,75 Millionen Euro teures "Upgrade" für die Beleuchtung des Flugfelds, sagt Gerlinde Hoyle, ausschließlich LED-Lichter kommen künftig zum Einsatz. Davon profitiere die Region, sagt Fred Lane. "Wir versuchen alle Dinge, die wir brauchen, lokal zu kaufen."

Übrig bleibt in Teilen der Bevölkerung Westmittelfrankens aber vor allem der Fluglärm der Hubschrauber, von der Kaserne sehen sie seit dem 11. September 2001 kaum etwas und auch die in der Region lebenden Familien der Soldaten hätten für eine engere Bindung zwischen US Army und der Region gesorgt. "Da sind unglaublich viele Freundschaften entstanden", sagt Hoyle.

Wenn es nach Fred Lane, Steve Borkowski und Gerlinde Hoyle geht, könnte – wenn es die Lage zulasse – nach der Corona-Pandemie irgendwann auch das früher beliebte deutsch-amerikanische Freundschaftsfest in der Kaserne wiederbelebt werden. "Wir prüfen das jedes Jahr", sagt Lane. Doch damit ist es wie mit den Familien von US-Soldaten und wie die Vergangenheit auch in Bezug auf Truppenabzüge gezeigt hat, so, wie es Steve Borkowski auf den Punkt bringt: "Wir wissen nie, was die Zukunft bringt."

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