Mittwoch, 26.02.2020

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Liselotte Prosch ist seit 20 Jahren Familienrichterin

Sie ist für Scheidungen, aber auch für Missbrauchsfälle zuständig. - 06.02.2020 16:00 Uhr

Ein Großteil der Arbeit von Familienrichterin Liselotte Prosch findet am Schreibtisch statt. Nur einen von fünf Tagen in der Woche verbringt sie im Sitzungssaal des Neustädter Amtsgerichts. © Foto: Claudia Lehner


Liselotte Prosch spricht ruhig und bedächtig. Man kann sich vorstellen, dass die zweifache Mutter die Einfühlsamkeit mitbringt, auch in schwierigen Fällen die richtigen Worte und den passenden Ton zu finden. Denn manchmal kann sie Eltern nur raten und versuchen, zum Beispiel auf die Parteien in einem emotional aufgeladenen Scheidungsfall einzuwirken, wie sie erzählt.

Die Juristin, die in Burghaslach geboren wurde, wechselte 1989 von der Staatsanwaltschaft Nürnberg/Fürth ans Neustädter Amtsgericht. Zunächst war sie für Jugendstraf-, dann Zivilsachen zuständig. Seit November 1999 ist sie Familienrichterin. Sie hat noch eine Kollegin, die halbtags arbeitet. Wie ihr gehe es vielen Familienrichtern. Wenn man einmal in diesem Bereich arbeite, dann bleibe man häufig dabei. "Man muss eine Neigung dazu haben", sagt Prosch.

Gut die Hälfte ihrer Fälle seien Scheidungsverfahren. Dazu gehören neben der Auflösung der Ehe auch Sorgerecht, Unterhalt und Umgangsregelungen. Die Rentenansprüche müssen getrennt, die gemeinsam erwirtschafteten Vermögenswerte aufgeteilt werden. Wenn es nach dem Trennungsjahr ans Gericht geht, hätten sich viele der Emotionen bereits gelegt. Die Anwälte bekämen davon mehr mit als die Richter, sagt Prosch. Da in den 1970er-Jahren das Verschuldungsprinzip abgeschafft wurde, hat sich einiges verändert. "Gründe erfahren wir nicht mehr", sagt Prosch.

Gefühle von der Seele reden

Doch wenn es zum Streit kommt, sei es wichtig, viel Zeit einzuplanen, den Scheidungsparteien Raum zu geben, ihren Frust vor Gericht loszuwerden. Das sei für die zu Scheidenden gut, es erzählen zu können, zu sagen, wie es ihnen geht. Die Zahl der Scheidungen in Bayern ist allerdings leicht rückläufig, wie Prosch erklärt. Die Gründe kennt sie nicht, allerdings gibt es mehr Fälle, in denen bei einer Trennung ohne vorheriger Ehe beispielsweise über das Umgangsrecht für Kinder verhandelt wird.

Abstammungsnachweise, also wenn die Vaterschaft unklar ist, und Adoptionen zählen ebenso zum Aufgabenbereich von Liselotte Prosch. Außerdem alle Gewaltschutzverfahren. Die reichen von Gewalt in der Ehe bis zum Stalking durch einen Fremden. Prosch erinnert sich an einen Fall, bei dem ein Mann vor der Arbeitsstelle der Frau wartete, ihr hinterherfuhr und am Wochenende in dem Lokal auftauchte, wo sie feierte.

Zugenommen haben in ihren 20 Jahren als Familienrichterin die Kindeswohlgefährdungen. Dabei beginnt es mit Fällen, in denen die Kinder häufig in Kindergarten oder Schule fehlen, sie kein Pausenbrot dabei haben, die Wohnung vermüllt ist, und geht bis zu sexuellem Missbrauch. Wie oft Fälle von Kindesgefährdung im hiesigen Landkreis vor Gericht landen? Liselotte Prosch geht den Verhandlungskalender des vergangenen Jahres durch: etwa einmal im Monat.

Psychische Probleme als möglicher Grund

Aus ihrer Erfahrung gibt es eigentlich keine Eltern, die böswillig das Wohl ihrer Kinder gefährden. Oft seien es nicht aufgearbeitete eigene Probleme aus der Jugend. Sei das soziale Milieu mitverantwortlich, in dem sie selbst aufgewachsen sind, und in dem sie nicht das Handwerkszeug gelernt haben, um Kinder zu erziehen. Manche haben psychische Probleme, wurden selbst früher missbraucht.

Das Kind aus der Familie zu nehmen ist die letzte Möglichkeit. Zuvor wird versucht, mit einer Vielzahl von Maßnahmen das Problem zu lösen: sozialpädagogische Familienhilfe, Erziehungsbeistandschaft, Kursangebote, ein Erziehungsgespräch am Gericht.

Das gelte natürlich nicht bei schweren Fällen, wie etwa sexuellem Missbrauch. Sobald es einen Verdacht gebe, werde das Kind vom entsprechenden Erwachsenen oder Elternteil getrennt. Doch "Gott sei Dank" komme das nicht oft vor. Zwei bis drei Fälle von Missbrauch habe sie in ihrer Zeit in Neustadt verhandeln müssen. Doch die Dunkelziffer sei sicher hoch.

Kinder in Not lassen die erfahrene Juristin auch heute nicht kalt, aber sie hat gelernt, professionelle Distanz zu wahren. Am Anfang habe sie am liebsten noch jedes Kind mit nach Hause nehmen wollen. Doch: "Ich kann nicht die Last der Welt auf den Schultern tragen."

Die Eltern in Therapie schicken

Wenn Liselotte Prosch einen Wunsch frei hätte, dann würde sie gerne Eltern in Therapie schicken können. Wenn zum Beispiel die Verletzungen bei einer Scheidung bei einer der Parteien so groß sind, dass sie Eltern- und Paarebene nicht trennen können, die Kinder mit in den Streit hineinziehen. Erwachsenen so etwas vorzuschreiben, sei aber vom Grundgesetz her nicht machbar, sagt Prosch. "Erwachsene kann ich nicht zwingen." So bleibt ihr nur zu versuchen, mit den richtigen Worten zu überzeugen.

Claudia Lehner

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