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"Schwarze Kasse" des TSV Marktbergel im Fokus

Prozess gegen Ex-Vorsitzenden des Vereins wegen Untreue zieht sich in die Länge - 25.02.2020 11:36 Uhr

Eingang zur Geschäftsstelle des TSV Marktbergel. © Archiv-Foto: Bastian Lauer


Mit jeder Zahl, jedem Nebensatz, mit jeder noch so harmlos erscheinenden Buchung tauchten neue Fragen auf, wurden weitere Zeugen interessant. Und nebenbei boten diese ersten fast sechs von sicherlich vielen weiteren Stunden einen interessanten Einblick in das Finanzgebaren von Vereinen.

Zwischen Januar 2016 und Januar 2018 war Frank Philipp Vorsitzender des TSV Marktbergel, eines Vereins mit 850 Mitgliedern. Nachdem er 2018 eine Kampfabstimmung um den Vorsitz verloren hatte, stieß sein Nachfolger auf Ungereimtheiten. Ausgangspunkt soll die Rechnung für einen Laserdrucker gewesen sein. Der Beleg dafür war da, das Gerät in der TSV-Geschäftsstelle aber nicht aufzufinden, erklärte Philipps Amtsnachfolger eingangs seiner Befragung als Zeuge.

Er war einer von ursprünglich acht benannten Zeugen, die an diesem und einem weiteren Termin aussagen sollten. Doch schon die Vernehmung von Philipp wurde umfangreich. "Ich habe nie Gelder für mich persönlich in Anspruch genommen", betonte er und blieb damit bei seinem Standpunkt, den er schon beim ersten Gerichtstermin im April 2019 – damals hatte der nun pensionierte Wilfried Westhauser den Vorsitz – vertreten hatte. Philipps Problem damals: Er habe keine konkreten Erinnerungen, was genau mit den Geldern in den 31 Fällen geschah, die ihm zur Last gelegt werden.

Zumindest in Teilen machte Phi-lipp nun Angaben, wobei Richterin Schips gnadenlos jeden der 31 Fälle einzeln besprach. Es ging jeweils um Veranstaltungen des Vereins – Fitnesskurse, Hallenfußballturniere oder Makrelenessen. Bei diesen wurde Geld umgesetzt, aber dazu finden sich in Philipps Unterlagen meist nur die Ausgaben, die über das Vereinskonto verbucht worden waren – keine Belege für die Einnahmen.

System vom Vorgänger übernommen?

Philipps Rechtsanwalt erklärte, die Geschäfte seien teilweise über die Vereinskonten abgewickelt worden, aber es war "auch schon immer üblich", dass Bargeld hin- und hergeschoben wurde. "Das war wie eine schwarze Kasse", sagte der Anwalt. Gelder, die Philipp nach Veranstaltungen von den jeweiligen Organisatoren bekam, habe er stets in seine "Barkasse" – auf diesen weniger negativ besetzten Begriff einigte man sich auf Anregung von Schips – gelegt, erklärte der Angeklagte selbst. Und daraus habe er dann wieder Ausgaben für den Verein getätigt. Dieses System habe er von seinem Vorgänger so übernommen.

Richterin Schips entglitten teilweise die Gesichtszüge. Es handle sich schließlich nicht nur um kleine Beträge, sondern teils auch um den Erlös von Großveranstaltungen wie des jährlichen Petersberglaufes oder des VR-Cups, ein Fußballturnier, das der TSV im Juli 2018 ausgerichtet hatte. Teils über 2000 Euro will Philipp einfach auf seinem ihm gewohnten Weg verarbeitet haben. "Das kann ich doch nicht in eine Barkasse tun", stöhnte Schips. Und umgekehrt müsste man auch "Kleinscheiß" – ein paar Euro Fahrtgeld oder eine Kiste Bier für die Fußballer – mit Quittung als Ausgabe verrechnen.

Es wurde klar, dass sich der Angeklagte kaum einer Schuld bewusst ist. Für ihn seien das normale Vorgänge gewesen. Von der Barkasse habe das gesamte Vorstandsteam gewusst, niemand habe das System jemals hinterfragt. Auch nicht die damalige Kassierin, die qua Amt eigentlich für den Geldfluss zuständig ist.

Diese Behauptung von Philipp ist einer von mehreren Widersprüchen, die im Laufe des Tages zutage traten. Philipps Nachfolger, der 2016 sogar Zweiter Vorsitzender in Philipps Team war, ehe er wegen Unstimmigkeiten zurücktrat, will nichts von dessen Barkasse gewusst haben. Er sei immer davon ausgegangen, dass alle Gelder durch die Hand der Kassierin gegangen sind. Letztlich auch die, die er selbst nach diversen Veranstaltungen zunächst an Philipp übergeben hatte.

Wo sind die 10.000 Euro?

Der vielleicht eklatanteste Widerspruch wurde noch gar nicht näher von der Richterin beleuchtet: der Verbleib von etwa 10.000 Euro. Denn bei der Amtsübergabe will der alte Vorsitzende dem neuen seine Barkasse mit 10.400 Euro an Inhalt übergeben haben. Der aktuelle TSV-Vorsitzende will zunächst nur mehrere leere Geldkassetten erhalten haben, sagte er. Erst auf Nachfrage sei es zur Übergabe einer weiteren Kasse gekommen, in der sich knapp 400 Euro befunden haben sollen. Auch von diesem Vorgang gibt es keinen Beleg, was beide nun im Nachhinein bereuen.

Mit der Befragung von Zeugen – aus acht wurden mittlerweile elf – muss Julia Schips weitere widersprüchliche Aussagen aufklären. So will Philipp nach einem Zumba-Schnupperkurs die Gebühren der Teilnehmer – 160 Euro – direkt an die beiden Trainer als Gage "in einem braunen Umschlag, das weiß ich ganz genau", übergeben haben. Die Trainer wollen davon nichts wissen.

Außerdem wird zu klären sein, wer die Wahrheit im Bezug auf die regelmäßig im Winter durchgeführten Hallenfußballturniere sagt. Die werden eigenständig von der Fußball-Abteilungsleitung durchgeführt. Das Verfahren war das übliche: Philipp habe die Einnahmen – nach Abzug der Ausgaben durch die Organisatoren – in die Barkasse gesteckt. Belege gibt es dafür keine. Philipp soll zudem den Organisatoren gesagt haben, sie könnten etwaige Quittungen ruhig vernichten. Angeblich haben diese aber sämtliche Belege bis heute aufgehoben.

Statt, wie ursprünglich geplant, einem sind nun bereits zwei weitere Verhandlungstage angesetzt: Donnerstag und Freitag, 5. und 6. März, jeweils ab 9 Uhr. Den folgenden Freitag hat Richterin Schips ebenfalls blocken lassen. "Freitag der 13. – oh weh", stöhnte sie auch hier. Der Tag, an dem das Urteil fallen könnte.

Bastian Lauer

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