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Seit 1959 lebt Elise Flory im Gasthaus zum Landthurm

Die 85-Jährige betreibt die Wirtschaft noch heute - Lange und bewegte Geschichte - 11.10.2013 10:20 Uhr

Elise Flory steht noch täglich hinter dem Tresen ihres Gasthauses. © Hans-Bernd Glanz


„Das war mein schönster Geburts­tag im ganzen Leben. Früher gab es nur die Arbeit, da dachte man manchmal gar nicht an den Geburts­tag.“ Ihre Augen blitzen, als Elise Flory vom Ständchen der Blaskapel­le und den Musikern aus Burgbern­heim erzählt. Seit ihrer Heirat mit Georg Flory im Oktober 1959 wohnt sie im Gasthaus zum Landthurm. Im August dieses Jahres feierte die Wirtin ihren 85. Geburtstag.

Direkt an der Bahnlinie Würzburg-Ansbach, die unmittelbar hinter dem Haus an einem hohen Damm vor­beiführt, sitzt Elise Flory in der Spätsommersonne in ihrem kleinen Biergarten und erzählt: von ihrer Kindheit, die sie zunächst bei ihren Großeltern verbracht hat, ehe sie mit den Eltern nach Sontheim in die Schäferei zog, von ihrem vor einigen Jahren verstorbenen Mann Georg, den sie beim Tanz an einem Wasser­fest droben auf dem Kapellenberg in Burgbernheim kennen und lieben lernte. Und sie berichtet von der langen Geschichte des Gasthauses zum Landthurm.

Erinnerung an Kunigundenturm

Der Name erinnert an den ersten von neun festen Türmen, die die Reichsstadt Rothenburg im 15. Jahr­hundert als Wachtürme errichten ließ. Sie sicherten den Zugang zum Rothenburger Gebiet entlang damali­ger Straßen. Der sogenannte Kuni­gundenturm erinnerte mit seinem Namen an die Kunigundenkapelle, die östlich davon zwischen Steinach und Burgbernheim auf freiem Feld stand und schon 1555 abgebrochen wurde, wie der Steinacher Heimat­forscher Richard Schmidt in seiner Ortschronik schreibt.

„So ein Haus könnte viel er­zählen“, sagt Elise Flory. Beispiels­weise über den Aufschwung, den der Bau der Eisenbahn für den Land­thurm mit sich brachte. Begonnen wurde der Bau der Bahnlinie 1862, schon damals waren viele Gastarbei­ter, vorwiegend aus Italien, beim Bahnbau beschäftigt. Der Turm wurde zu einem Wirtshaus umge­baut, die Arbeiter ließen einen guten Teil des Lohnes dort. Für den damaligen Wirt, Georg Adam Ott, war das Ganze wohl sehr rentabel. Die Jahreszahl 1865 über der Haustür ist jedenfalls nicht das Baujahr des Hauses, wie Elise Flory erzählt, vielmehr investierte Georg Adam Ott in diesem Jahr kräftig - das Wirtshaus wurde aufgestockt und um einen Saal erweitert.

Aufnahme von Flüchtlingen

Die Räume waren während des Zweiten Weltkrieges und in der Nach­kriegszeit voll belegt. Zunächst waren Soldaten aus Illesheim und vom Behelfsflugplatz bei Ohrenbach ein­quartiert, nach Kriegsende wies das Wohnungsamt Flüchtlingsfamilien Räume in der Gaststätte zu. „Arme Teufel waren darunter“, erinnert sich die Wirtin, „Menschen, die für einen Löffel Fett alles tauschten.“ Heute dagegen ist es vor allem der Stammtisch, der sich im Wirtshaus, das nur durch den Hintereingang be­treten werden kann, auf einen Plausch trifft.

Reservistenkamerad­schaft und Landjugend feiern dort seit einigen Jahren wieder zünftige Dorfkirchweih. Auch die Eisenbah­ner- Pensionisten schätzen den Land­thurm, der sich in seinem Gastraum mit Holzboden und -vertäfelung den Charme eines typischen Dorfwirts­hauses bewahrt hat. Im Sommer sind es vor allem Wanderer und Rad­fahrer, die gerne bei Elise Flory ein­kehren.

Hans-Bernd Glanz

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