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"So geht das überhaupt nicht": Biber-Ärger bei Bad Windsheim

Windsheims Bürgermeister Heckel ist unzufrieden mit dem Biber-Management - 12.01.2021 06:00 Uhr

Die Biberburg in Külsheim bei der Brücke an der fußläufigen Verbindung Richtung Vital Hotel und Krankenhaus: Vor der Burg (im Bild hinten) wird der Mühlbach aufgestaut. Mittlerweile haben die Biber ein Stück weiter einen weiteren Damm gebaut, so dass das Wasser auch vor der Burg aufgestaut ist.

11.01.2021 © Foto: Bastian Lauer


Er ist ein Wasserbaumeister, der ganze Landschaften verändern kann. Fast immer dann, wenn er menschengemachte Anlagen umbaut, ist aber Ärger vorprogrammiert. Der Mensch und der Biber, eine uralte Rivalität, deren Brisanz seit der Wiederansiedlung von Europas größtem Nagetier in den 1970er-Jahren stetig wächst. Auch im Raum Bad Windsheim, was nicht zuletzt ein Schnellschuss vom August zeigt, als in Külsheim Biberdämme ohne Rücksprache mit den Behörden weggeräumt wurden. Bürgermeister Jürgen Heckel fühlt sich im Stich gelassen.

Laufend erhalte Heckel Anrufe und E-Mails, die sich mit Biberbauten befassen. Külsheim, Lenkersheim, Wiebelsheim, Bad Windsheim – auch in Oberntief am Weiher gab es einen Biber, weshalb der Fischereiverein einen großen Arbeitseinsatz in 2020 dort hatte. Am Mühlbach in Külsheim nagt eine Biberfamilie seit Jahren Bäume an und staut das Wasser auf. In Wiebelsheim fließe das Wasser aus dem Quelltopf nicht mehr sauber ab, Anwohner klagen über Schäden an ihren Häusern, meint Ortssprecher Thomas Müller. Und in Lenkersheim drücke Wasser in die Keller, weil der Aischflutgraben aufgestaut ist, berichtet Heckel. Alles der Biber.

Das Problem: Die Tiere sind geschützt, Eingriffe in ihren Lebensraum sind mit der Unteren Naturschutzbehörde (UNB) am Landratsamt zu klären. Genau da hake es, sagte der Bürgermeister vor einiger Zeit gegenüber der WZ.

Der Biber verschonte entlang des Mühlbachs praktisch keinen Baum. Deshalb durfte die Stadt sogenannte Drahthosen um die Bäume bauen.

11.01.2021 © Foto: Bastian Lauer


Nach der Räumaktion im August – wir berichteten – hätten er und Külsheims Ortsteilbeauftragte Silke Städtler mehrfach um Ortstermine mit der UNB gebeten, Gehör habe er nicht gefunden. Schreiben würden einfach nicht beantwortet. "So geht das überhaupt nicht", sagte Heckel. Die Pressestelle des Landratsamtes erklärte dazu: Man habe alle Biberreviere im Blick, die insgesamt zehn Biberberater des Landkreises seien sehr aktiv und führten viele Gespräche vor Ort, es sei jedoch nicht möglich, immer "alle eventuell Beteiligten" über alles zu informieren.

Im September hatte das Landratsamt bestätigt, es sei ein Ortstermin in Külsheim für Oktober geplant gewesen. Die Presse war damals nicht erwünscht, doch der Termin hat auch bis heute nicht stattgefunden.

Auf Initiative des Grünen-Stadtrats Sebastian Göttfert kam Mitte Dezember Bewegung rein: Göttfert lud einfach mal den für Nordbayern zuständigen, hauptamtlichen Bibermanager Horst Schwemmer vom Bund Naturschutz nach Külsheim ein. Vertreter aus Ortsteilen waren da, der Bürgermeister, Stadtbetriebe-Leiter Joachim Gaube, die ehrenamtlichen Biberberater Thea und Herbert Unger aus Bad Windsheim, Jürgen Dierauff vom Bayerischen Bauernverband. Die WZ war diesmal geladen – und auch Angelika Bader und Martin Hahnbaum von der UNB waren da, sodass sich mal die Gelegenheit zum Austausch der Argumente ergab.

Dieser Graben entwässert das Kurparkareal. Eigentlich müsste er leer sein.

11.01.2021 © Foto: Bastian Lauer


Aus Sicht der einen Fraktion sind die Folgen des aufgestauten Mühlbachs westlich von Külsheim klar: Am Wehr im Ort kommt deshalb kaum mehr Wasser an und dahinter sind die Fische gefährdet, außerdem ist ein Entwässerungsgraben, der vom Kurpark herüberlauft, komplett voll mit Wasser, obwohl er eigentlich leer sein müsste.

Und die Quelle des Mühlbachs verschlammt durch das stehende Wasser des vom Biber angelegten Teichs, sodass die Quelle weniger Wasser schüttet. Thomas Müller ergänzte, dass die angrenzenden Felder durch das stehende Wasser versauern, was schlecht für die "Hochleistungslandwirtschaft" sei. Und Jürgen Heckel befand, dass der Biber durch das Fällen der markanten Bäume entlang der Gewässer einfach die Landschaft zerstört.

Bauernverbands-Kreisobmann Dierauff versuchte sich in einer Vermittlerrolle: "Wichtig ist ein Ausgleich der Interessen von Landwirtschaft, Politik und Umweltschutz." Doch im Notfall gelte: der Biber muss weg. Ihm sei klar, dass der Biber laut Gesetz geschützt ist, aber "Gesetze kann man auch auslegen".

Töten ist selten sinnvoll

Im Landkreis wurden zuletzt zwischen September 2019 und März 2020 insgesamt 55 Biber "entnommen", berichtete das Landratsamt auf WZ-Nachfrage. Dass dieser Ansatz, den Biber "zu entnehmen", wie es in der Fachsprache heißt, also zu töten, selten sinnvoll ist, betonte aber Angelika Bader: "Wenn wir hier eingreifen, müssen wir die ganze Familie eliminieren. Und im nächsten Jahr wandert der nächste Biber ein – dann stehen wir wieder da." Und die Lösung?

Joachim Gaube forderte jedenfalls eine, denn der aufgestaute Entwässerungsgraben könne bei Starkregen zu Problemen in den Kellern der Gebäude am Rande des Kurparks führen. Schwemmer schlug vor, den Verlauf des Grabens zu ändern und ihn nach der Biberburg, ein Stück südlicher, in den Mühlbach einzuleiten. Zahlen müsste das wohl die Stadt. Heckel: "Das kann ich mir nicht leisten."

Die Diskussion schien sich festzufahren, ehe es kurzerhand weiter nach Wiebelsheim ging. Dort staue sich das Wasser am Quellloch, weil es mehrere Biberdämme und eine Burg in der Rannach gebe, führte Ortssprecher Müller aus. Auch im parallel verlaufenden Flutgraben zeigte Müller einen Biberdamm, das aufgestaute Wasser hier beeinträchtige die direkt angrenzenden landwirtschaftlichen Nutzfläche und würde den Feldweg unterspülen.

Schwemmer betonte, dass dieser Rückstau von Wasser in den Flächen eigentlich perfekt sei: Es sei gut für den Hochwasserschutz und würde neues Grundwasser aufbauen, zwei Dinge, die in Bayern dringend notwendig seien. Von höheren Grundwasserspiegeln würde die Landwirtschaft sogar profitieren und es gäbe genug Landwirte, die froh über die Rückkehr des Bibers seien. Allerdings dürfe man das immer nicht zu laut sagen.

"Dauerhafte Regelung"

Müller zeigte hierfür sogar durchaus Verständnis, wünschte sich aber dennoch "eine dauerhafte Regelung", im Notfall eingreifen zu dürfen. Bader betonte, dass die Stadt für die Rannach eine Genehmigung habe, in Biberbauten einzugreifen. Allerdings solle das immer mit den Biberberatern besprochen werden, daran führe kein Weg vorbei.

Am Ende hielt man das so fest. Solange saubere Absprachen erfolgen, könne man mit den Biberberaten über alles reden, betonten Thea und Herbert Unger. Auch die UNB würde da mitziehen, sagte Bader. Sinnvoll müsste alles eben sein. Und für Külsheim war auch ein Lösungsansatz im Gespräch: Man könnte versuchen, eine Drainage – ein recht dickes, aber vor allem einige Meter langes Rohr – durch die Biberburg zu legen. Dann könnte mehr Wasser abfließen und angeblich soll der Biber das akzeptieren. Bisher gibt es das Rohr nicht, nur die Biber sind noch überall da.

BASTIAN LAUERUND STEFAN BLANK

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