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Freitag, 05.06.2020

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Start mit Ersatzaufgaben

Am Stellergymnasium herrscht große Erleichterung, dass ab heute die Abiturprüfungen stattfinden können. - 20.05.2020 06:00 Uhr

Gespenstische Ruhe: In der Turnhalle des Stellergymnasiums werden heute die Abi-Prüfungen in Deutsch abgelegt. © Foto: Bastian Lauer


Nachdem die Schulen im März geschlossen worden waren, habe lange große Verunsicherung geherrscht, berichtet Nickel. Vor drei Wochen durften die Abiturienten wieder zurück ins Schulgebäude. In kleinen Gruppen wurden sie auf ihre Prüfungsfächer vorbereitet. Die kleinste Gruppe gab es in Musik, ein Fach in dem nur ein Schüler Abitur schreibt. Im Schnitt etwa vier Stunden Unterricht täglich bedeutete das für die jungen Erwachsenen. Abfragen oder Klausuren gab es keine mehr. Die Noten für das vierte Halbjahr, das faktisch ausfiel, wurden über einen besonderen Schlüssel ermittelt. "Ein ziemlich komplexes System", sagt Nickel.

Da die Prüfungen verschoben wurden, hatten die Abiturienten sogar drei Wochen mehr Vorbereitungszeit, doch was die Einschränkungen durch die Corona-Pandemie für Auswirkungen auf die Ergebnisse haben könnten, vermag Nickel nicht zu sagen. Die Stimmung der vergangenen Tage fasst er so zusammen: "Auf der einen Seite kommt jetzt die Nervosität, auf der anderen Seite spüre ich aber unglaublich viel Erleichterung."

Tische und Stühle waren gestern Mittag schon akkurat in der Turnhalle des Gymnasiums aufgebaut. Nach Wochen der Stille waren die Hausmeister die ersten, die mal wieder etwas Leben in die Halle gebracht hatten. Die vorgeschriebenen Abstände – 1,5 Meter zum Nebenmann, vier Quadratmeter Platz pro Schüler – einzuhalten, war kein Problem. Nur 41 Prüflinge werden heute antreten. "Unsere besondere Situation ist die Mittelstufe Plus", erklärt Nickel die Umstände. Der Jahrgang 2020 ist der erste, in dem sich die Schüler einst zwischen dem acht- und dem neunstufigen Weg entscheiden konnten. Die ersten Absolventen des G9Modells machen erst 2021 ihr Abitur.

Schwierigkeiten bei der Umsetzung der Hygienevorschriften erwarte Nickel nicht. Das einzige Problem sei, beim Einlass in die Halle keine Engpässe zu schaffen. Aber: "Wir haben das Glück, dass wir eine nagelneue Turnhalle haben", sagt Nickel. Die diversen vorhandenen Ein- und Notausgänge werde man nutzen, um mehrere kleine Schülergruppen hereinzulassen. An ihren Tischen müssen die Abiturienten übrigens keinen Mundschutz tragen. Der würde bei der Prüfung nur stören.

Die größte organisatorische Hürde habe sich aus Nickels Sicht im Grunde durch einen Diebstahl ergeben: In Bamberg wurden die Aufgaben für das Fach Deutsch gestohlen, weshalb in ganz Bayern heute die Ersatzaufgaben auf den Tischen liegen. Zwar gebe es für solche Fälle Vorgaben vom Kultusministerium, doch jede Schule habe einen eigenen "Notfallplan", erklärt Nickel. Am Stellergymnasium habe da alles funktioniert, das Deutsch-Abi kann stattfinden.

So sieht Nickel Schule und Schüler auf die drei Termine für die schriftlichen Prüfungen bis zu den Pfingstferien gut vorbereitet. "Außer natürlich wir haben noch eine Infektion. Das könnte uns ein Bein stellen." Er gehe zwar davon aus, dass die Schüler "vernünftig mit ihren Kontakten umgegangen" sind. Aber ausschließen könne man das nie. Was dann mit den Abi-Prüfungen passiert, wisse Nickel nicht. "Wenn ein Infektionsfall vorliegt, dann übernimmt das Gesundheitsamt das Kommando."

Uwe Nickel ist sich in jedem Fall sicher: "Es wird eine besondere Situation sein für diesen Abitur-Jahrgang, eine die ihn prägen wird." Der Schulleiter denkt in diesen Tagen unweigerlich an seine eigene Schulzeit während des Kalten Kriegs und dann vor allem sein Abitur. 1990. Die ersten Abschlussprüfungen nach dem Mauerfall, mitten in den weltpolitischen Umwälzungen durch den Zusammenbruch der Sowjetunion. "Ich schätze, dass die Corona-Pandemie die Weltordnung ähnlich verändern könnte wie die Ereignisse damals."

BASTIAN LAUER

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