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Vom Urlaubsflirt zur Abzocke: So gehen Love-Scammer vor

Fall wurde vor dem Amtsgericht in Neustadt/Aisch verhandelt - 03.04.2021 06:00 Uhr

Im malerischen Rhodos nahm die verhängnisvolle Beziehung ihren Anfang, nun trafen sich die Beteiligten vor dem Schöffengericht in Neustadt wieder.

01.04.2021 © Foto: wz


Um Heiratsschwindel, heute auch Love-Scamming genannt, ging es vor dem Amtsgericht. Die Verhandlung vor dem Schöffengericht unter Leitung von Richterin Winkelmann gestaltete sich aufwändig, weil für die beiden Angeklagten eine Arabisch-Dolmetscherin und für das Opfer der Betrugsfälle eine solche für Schwedisch benötigt wurden.

Die Schwedin saß einem mutmaßlichen Heiratsschwindler auf, den sie 2018 im Sommerurlaub auf Rhodos flüchtig kennengelernt hatte. Er arbeitete in ihrem Hotel als Kinder-Animateur, sie war mit ihrer kleinen Tochter da. Nach einem flüchtigen Flirt kontaktierte sie ihn über die sozialen Medien. Es kam zum regen Austausch und rasch auch zu Liebesbekundungen. "Er wollte, dass ich ihn in Griechenland besuche", erklärte die 41-jährige Erzieherin, die zu der Verhandlung mit ihrem jetzigen Ehemann aus Schweden angereist war. Knapp drei Monate nach dem Urlaub flog die Frau wieder nach Rhodos, um den Mann zu besuchen, die Beziehung gewann an Intensität. Einige Wochen später kamen die ersten Bitten um Geld.

Insgesamt listete die Staatsanwaltschaft 29 Fälle von gewerbsmäßiger Vorspiegelung falscher Tatsachen zum Zweck der Bereicherung in Bezug auf den zur Tatzeit im hiesigen Landkreis lebenden Hauptangeklagten Mehdi F. auf (alle Namen von der Redaktion geändert). Dazu kamen versuchter Betrug, Nötigung und ein Leistungsbetrug gegenüber dem Jobcenter. Dem zweiten Angeklagten Tarek M., einem Freund von Mehdi F., wurde dreimalige Beihilfe zum Betrug und zu einem versuchten Betrug vorgeworfen. Innerhalb von vier Monaten ließ Maja S. ihrem "Freund" 7750 Euro zukommen, das zu Unrecht bezogene Arbeitslosengeld II belief sich auf 915 Euro.

Geld floss zuerst in der U-Haft

Das erste Mal floss Geld, als Mehdi F. im Dezember 2018 in Untersuchungshaft saß, nach seinen Angaben wegen ausbleibender Unterhaltszahlungen. Später bat er immer öfter um Beträge zwischen 30 und 1000 Euro, immer ging es um "Notlagen", um Behördengebühren, Kautionen, Mieten, Klinikrechnungen. Das Geld wurde ihm über Geldtransfer-Dienste wie Western Union oder Money Gram zugeschickt.

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Drei Mal flog Mehdi F. auf Kosten der verliebten Frau für einige Tage nach Schweden, um sie zu besuchen. Bei einem solchen Besuch drängte er sie, ihm ein Auto zu kaufen, das er dringend brauche. Sie musste dafür einen Kredit in Höhe von umgerechnet 2000 Euro aufnehmen. Er nötigte sie auch, ihre Winterreifen zu verkaufen, damit sie ihm den Erlös schicken konnte. "Bis zum Winter bekommst du das Geld von mir zurück", versprach er. Bis heute hat die Frau nicht einen Cent von dem Angeklagten zurückbekommen.

Alle paar Tage Forderungen

Zeitweise kamen alle drei Tage Geldforderungen, von da an begann sie, gelegentlich auch von Rückzahlung zu sprechen. "Du liebst mich nicht", lautete die Antwort. Mehdi F. geizte nicht mit vollmundigen Versprechungen, bereits im Winter 2018, während seines Gefängnisaufenthaltes, sprach er von Heirat. "Hat er Ihnen einen Antrag gemacht?", wollte die Richterin wissen. "Nein, nicht direkt", musste Maja S. zugeben. Sie geriet immer mehr in finanzielle Nöte, die Kredite, die sie für den Mann aufnahm, belasteten sie. Sie sparte an den Ausgaben für Lebensmittel, indem sie Essensreste von der Arbeitsstelle mit nach Hause nahm.


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Der zweite Angeklagte übernahm Hilfsdienste für Mehdi, rief gelegentlich bei der Schwedin an, um sie um Geld für den Freund zu bitten. Als der Western-Union-Account von Mehdi F. wegen des Verdachtes der Geldwäsche gesperrt wurde, liefen die Zahlungen zeitweise auf den Namen von Tarek M. sowie den Namen eines weiteren Bekannten, der in der Verhandlung als Zeuge gehört wurde.

Eine besonders perfide Masche, um noch mehr Geld aus der Frau herauszupressen, machte dem Spuk ein Ende: Im April 2019 ließ Mehdi F. seinen Freund Tarek bei Maja S. anrufen und eine Notlage schildern: Mehdi sei mit dem Auto, das ihm die Freundin finanziert hatte, in Italien an einer Tankstelle bestohlen worden. Seine Tasche mit Geld und Fährtickets nach Griechenland sei verschwunden. Mehdi sei bei der Polizei, um den Diebstahl anzuzeigen und brauche 1000 Euro, um nach Griechenland zu seinem Job zu kommen. Eine Telefonüberwachung der Kripo Ansbach ergab jedoch, dass das Handy von Mehdi F. zu diesem Zeitpunkt in Neustadt eingeloggt war.


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Glücklicherweise riss bei der Schwedin angesichts dieses Ansinnens der Geduldsfaden und sie überwies kein Geld. "Ich hatte das Geld auch nicht", sagte sie vor Gericht. Maja S. glaubte die Geschichte nicht. Schon einige Wochen früher hatte sie zunächst Geld verweigert, das Mehdi F. angeblich für eine Krankenhausrechnung benötigte, war dann aber eingeknickt. Als sie ihn wiedersah, suchte sie vergeblich nach einer Narbe an seiner Hand, an der angeblich eine Wunde genäht worden war.

Verdacht der Geldwäsche

Nachdem Maja S. die Überweisung der 1000 Euro für den angeblichen Diebstahlschaden nicht tätigte, brach der Kontakt zwischen dem Paar ab. Im Sommer 2019 kontaktierte ein Kriminalkommissar aus Ansbach die Schwedin per Mail und berichtete ihr von dem Verdacht der Geldwäsche gegen Mehdi F., der zeitgleich auch gegenüber einer Holländerin den Verliebten spielte. Diese überwies ihm etwa 600 Euro, dann hatte sie die Nase voll. Ein Versuch, den Mann deshalb bei der Polizei anzuzeigen, misslang. Western Union hatte die Kripo wegen der auffälligen Geldtransfers kontaktiert. Später wurde Maja S. von der schwedischen Polizei zu einer Vernehmung vorgeladen. Zuvor hatte ihr der "Freund", dem sie von den Kontakten zur Polizei berichtete, gedroht, sie solle nicht hingehen, sonst bekäme sie von ihm kein Geld zurück. Dabei hatte er zeitweise versprochen, er zahle das Doppelte der "Darlehen" zurück, wenn er Arbeit habe. Auch die Familie der Schwedin belästigte Mehdi F., sie sprach von Telefonterror.

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Bei der Vernehmung des ermittelnden Kripobeamten aus Ansbach berichtete dieser, dass er aufgrund einer Anzeige von Western Union eine Telekommunikationsüberwachung des Angeklagten Mehdi F. beantragt habe. Vier Wochen lang wurden dessen Telefonate, Nachrichten und E-Mails aufgezeichnet und ausgewertet. Die Ermittlungen ergaben, dass Mehdi F. von mehreren Frauen Geld erhielt, weil er ihnen erfundene Geschichten auftischte. Er instruierte beispielsweise auch seinen Freund Tarek M., "die andere Frau noch anzurufen" und um Geld zu bitten, er brauche mehr. Der Kommissar informierte das Sozialamt darüber, dass Mehdi F. "Einkommen" erziele, das er nicht angegeben habe. Der Bezug seines Arbeitslosengeldes II wurde gestoppt, das unrechtmäßig bezogene Geld zurückgefordert.

Der Verteidiger von Mehdi F. beantragte eine Unterbrechung der Hauptverhandlung von zwei Wochen, weil die Akten aus seiner Sicht bezüglich der Telefonüberwachung nicht vollständig seien. Das Gericht lehnte ab. Auf Antrag der Staatsanwältin kam es zu einer Teileinstellung des Verfahrens nach Paragraf 154 (wenn bei mehreren Taten "ein Urteil wegen dieser Tat in angemessener Frist nicht zu erwarten ist"). Das Verfahren wurde auf die Fälle beschränkt, in denen die Schwedin Mehdi F. Geld ausdrücklich nur geliehen hatte.

Das Bundeszentralregister von Mehdi F. weist fünf Eintragungen auf, zumeist wegen Fahrens ohne Fahrerlaubnis. Jedoch wurde er auch wegen sexueller Nötigung und Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr auf Bewährung verurteilt. Das Strafregister von Tarek M. enthält keine Eintragungen.

Haftstrafe gefordert

Für die Staatsanwältin war der Fall klar: Mehdi F. wollte die Frau "abziehen". Als alleinerziehende Mutter mit kleinem Gehalt sei die heute 41-Jährige für Gerede von Liebe besonders anfällig und in einer verletzlichen Verfassung gewesen. Durch die kostspielige Beziehung sei die Frau in eine relative finanzielle Notlage geschlittert. Wegen des gewerbsmäßigen Betruges über vier Monate hinweg, der versuchten Nötigung und dem Jobcenter-Betrug forderte die Staatsanwältin eine dreijährige Haftstrafe für Mehdi F. und die Einziehung von Wertersatz in Höhe von etwa 7500 Euro. Tarek M. sollte für die Beihilfe zum Betrug eine Geldstrafe von 60 Tagessätzen erhalten.

Der Verteidiger von Mehdi F. sah eine Love-Scamming-Vorverurteilung seines Mandanten. Es sei aber eine ganz normale Beziehung gewesen, die mit einem Urlaubsflirt begonnen habe. Sein Mandant sei mittellos gewesen und von der hilfsbereiten Frau im Allgemeinen gerne unterstützt worden. Was das Jobcenter betrifft, so habe Mehdi F. nur versäumt, seine Einkünfte zu melden, dafür sei eine Geldstrafe angemessen. Ansonsten forderte er einen Freispruch. Auch der Verteidiger von Tarek M. wollte seinen Mandanten freigesprochen sehen. Dessen Mitwirkung seien reine Freundschaftsdienste gewesen und er habe auch nicht gewusst, dass der Diebstahl in Italien lediglich vorgetäuscht war.

Das Urteil des Schöffengerichtes belief sich auf eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und zehn Monaten für den Hauptangeklagten. Tarek M. soll eine Geldstrafe von 60 Tagessätzen à 40 Euro zahlen. Die Urteile sind noch nicht rechtskräftig.

Scammer suchen vor allem im Netz nach Opfern

Die meisten Scammer (Scam heißt übersetzt Betrug) gehen In Online-Partnerbörsen oder sozialen Netzwerken auf Suche nach potenziellen Opfern. Dazu nutzen sie meist falsche Identitäten und aus dem Internet gestohlene Porträtfotos. Ist ein Kontakt hergestellt, werden die Opfer mit Liebesbekundungen und Aufmerksamkeit überhäuft mit dem Ziel, ihnen das Geld aus der Tasche zu ziehen.

Die virtuellen Partner tischen ihren Opfern immer neue Geschichten von plötzlich auftretenden finanziellen Notlagen auf und bringen diese dazu, Geld zu überweisen. Dafür investieren die Scammer (zu einem geringeren Prozentsatz auch Frauen) einiges an Zeit, um sich im Alltagsleben ihrer Opfer unverzichtbar zu machen. Häufig versprechen Scammer einen Besuch. Doch bevor oder kurz nachdem das Ticket nach Deutschland gebucht wird, gibt es wieder Schwierigkeiten und die Opfer werden gebeten, per Bargeldtransfer Geld zu senden.

Die Polizei rät Betroffenen Folgendes. Ignorieren: Gehen Sie nicht auf die Forderungen ein. Überweisen Sie auf keinen Fall Geld. Lösen Sie auch keine Schecks ein oder leiten Briefe und Päckchen weiter, bewahren Sie solche auch nicht auf. Sichern: Speichern Sie alle Mails und Chat-Texte als Beweis auf einem Speichermedium. Heben Sie Überweisungsbelege auf. Hilfe holen: Erstatten Sie Anzeige bei der Polizei. Blockieren: Brechen Sie jeglichen Kontakt ab. Antworten Sie nicht auf Mails oder Anrufe des Scammers. Am besten ist es, sich eine neue Mailadresse und Telefonnummer zuzulegen.


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Gabriele Grassl

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