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Windsheimerin in Moria: Vier Monate im Flüchtlingscamp gearbeitet

Helferin würde gern weiter auf Lesbos arbeiten - 16.09.2020 05:53 Uhr

Lea Beigel (rechts) hat nach ihrem Einsatz in Moria, eine Geflüchtete in Athen besucht, die sie im Flüchtlingscamp kennengelernt hatte.

© privat


Als der Brand ausbrach, der das Camp, in dem mehr als 20.000 Menschen lebten, in Schutt und Asche legte, war sie gerade wieder in Deutschland angekommen.

Beigel überlegt, Studium Studium sein zu lassen und einfach wieder hinzufahren: Denn alles ist noch viel schlimmer geworden. "Lebst du noch?" Als die 21-Jährige von dem Feuer erfuhr, war sie in großer Sorge, hat mit anderen Mitarbeitern der NGOs, aber auch mit Geflüchteten geschrieben. In vier Monaten bauen sich Beziehungen auf.

Mit knapp 18 Jahren, 2017, war die Bad Windsheimerin zum ersten Mal in Moria und ist dann immer wieder hingefahren. Im März reiste sie erneut auf die Insel. Ihr Studium der Pädagogik und evangelischen Theologie läuft aktuell ohnehin vor allem online, so dass sie länger als die Semesterferien bleiben konnte, wie sie erzählt.

Selbst gebaute Unterkünfte

Sie arbeitete dort für eine griechische NGO, EuroRelief, die für die Unterbringung der Flüchtlinge im Camp zuständig ist. Gut organisierte Strukturen, wie Lea Beigel es von Deutschland gewohnt ist, gibt es dort nicht. Die meisten Flüchtlinge haben sich selbst ihre Unterkünfte gebaut.

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Mitarbeiter von EuroRelief organisieren, wo die Menschen, die neu ankommen, untergebracht werden, behalten den Überblick, versuchen Gruppen zu trennen, die sich nicht vertragen, helfen den wenigen Ärzten, ihre Patienten zu finden. Lea Beigel hat in Bereichen für besonders schutzbedürftige Gruppen gearbeitet, dort, wo alleinstehende Frauen ohne, aber auch mit Kindern leben.

Ihre Aufgaben seien ähnlich denen eines Sozialarbeiters in einer Wohngruppe, nur dass es eben nicht fünf, sondern 400 Personen sind, um die sie sich kümmert. Sie erzählt davon, wie sie über mehrere Stunden hinweg den Kopf einer Frau gehalten hat, damit diese ihn nicht mehr gegen die Wand schlug.

Viel Elend

Viel zu wenige Sanitäranlagen, sexuelle Gewalt, Angst und Traumatisierungen. Einfach ist es nicht, das Elend auszuhalten. "Man muss der Typ dafür sein", sagt Lea Beigel. Sie empfindet es als Gabe, dass sie zwar empathisch ist, aber die Situation auch nicht zu nahe an sich ranlässt, dass sie nicht ausgelaugt wird von dem Elend. Dabei hilft auch ihr Glaube. "Ich weiß, ich kann ihnen nicht helfen", hat sie erkannt. Dann betet sie: "Gott, hilf Ihnen, mach Du das." Das entlastet und untätig bleibt sie dennoch nicht. Sie mag es, anzupacken und etwas zu tun.


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Essen gab es damals noch drei Mal am Tag – nach zwei bis drei Stunden Anstehen. Für eine alleinerziehende Mutter mit mehreren Kindern ein Ding der Unmöglichkeit, erzählt Beigel. Trotzdem: Freude, Dankbarkeit, Gastfreundschaft, eine Sonnenblume vor einer Hütte. Das gab es auch. "Ich habe selten so viel Liebe erfahren wie in den vergangenen vier Monaten", sagt die 21-Jährige in Erinnerung an das Camp Moria, das sie kannte. Das gibt es nicht mehr.

Ein neues Camp wird derzeit errichtet, die meisten Menschen leben aktuell auf der Straße, nicht einmal die Essensausgabe ist sichergestellt. Sobald man als westlicher NGO-Mitarbeiter mit Essen hingehe, werde man vom Mob niedergerannt, hat sie sich erzählen lassen. "So ausgehungert sind die Menschen." Stattdessen schicke die NGO Geflüchtete mit Rucksäcken, die nicht auffallen und das Essen "heimlich" in die Zelte bringen. "Das ist unmöglich, was da gerade passiert", sagt Lea Beigel.

Nahrung und Schlafsäcke

Fachpersonal wird gebraucht, Krankenschwestern, Sozialarbeiter, um dort Strukturen aufzubauen. Zum Beispiel finden die Campbewohner kaum einen Anwalt, obwohl sie den für ihr Asylverfahren brauchen. Aber aktuell fehlt es an noch viel Dringenderem. NGOs versuchen die Geflüchteten zumindest mit Nahrung, mit Schlafsäcken zu versorgen. "Mit Spenden kann man gerade ganz viel erreichen", sagt Beigel.


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Allerdings ist die Situation auf dem Festland und in Athen für die Flüchtlinge, deren Asylantrag anerkannt wurde und die das Lager verlassen durften, nicht besser. Sie bekommen keine staatliche Unterstützung, leben teilweise auf der Straße, finden keinen Job.

Dass Firmen dort investieren, den Menschen, die Möglichkeit geben, für sich selbst zu sorgen, das wünscht sich Lea Beigel. Sie selbst will auch nach dem Studium weiter etwas tun, in der Traumatherapie mit Geflüchteten arbeiten. Und vielleicht fährt sie ja bald wieder nach Moria. Was dort passiert, lässt sie nicht los.


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CLAUDIA LEHNER

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