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Dienstag, 23.07.2019

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Zeitreise auf dem Karussellpferd

Der Historische Jahrmarkt im Freilandmuseum lockt dieses Jahr mit einer besonderen Attraktion. - 05.06.2019 11:07 Uhr

Pascal Raviol präsentiert sein Pferdekarussell. © Foto: Anna Franck


Eine Stunde später werden die ersten Vorbereitungen für den Tag getroffen. Norbert Preußner betreut das über 100 Jahre alte Pferdekarussell und rollt nach und nach die Planen nach oben. Am anderen Ende testet Jimmy Blume seine Berg- und Talbahn. Der Jahrmarkt besticht mit vielen liebevollen Details. Seien es die Blumen auf den Biertischen, die dank Sonnenschirmen im Schatten zum Verweilen einladen, oder ein Seehund, welcher am Wohnwagen hängend eine Diskokugel auf der Nase balanciert. Hier herrscht ein besonderes Feeling.

Raviol füllt mit den alten Karussells eine Nische. Auf großen Volksfesten könnten solche nicht mithalten. "Die würden auf einer modernen Kirmes untergehen", sagt er. Deshalb ist er mit ihnen in Museen oder auf Stadtfesten unterwegs. Das ganze Team lebt hauptberuflich von solchen Einsätzen. Einige große Veranstaltungen gemixt mit "Kleinkram" machen es möglich, davon zu leben.

Die Schausteller-Branche ist heutzutage schwierig. Gab es früher 500 000 Volksfeste in Deutschland, sind es jetzt noch rund 20 000, schätzt Jimmy Blume, der aus einer Schaustellerfamilie in der sechsten Generation stammt. Volksfeste hatten früher einen anderen Stellenwert in der Gesellschaft. Das Freizeitangebot habe sich über die Jahre verändert, so Raviol. Ist man früher auf die Kirmes gegangen, gehe man heute in Kinos oder Freizeitparks. Waren, die es früher nur auf der Kirmes gab, gebe es heute in jedem Ein-Euro-Laden. Zudem war damals das Radio noch nicht erfunden. Musik hörten die Menschen lediglich in der Kirche durch die Orgel. Schausteller besaßen transportable Jahrmarktsorgeln, womit die Musik aufs Land gebracht wurde. Trotz aller Schwierigkeiten: Was bleibt, ist das einmalige Erlebnis – der Geruch von gebrannten Mandeln, die bunten Lichter am Abend und die Musik.

Vor drei Jahren war Raviol das erste Mal im Freilandmuseum – damals nur mit der Berg- und Talbahn. Heute sind neben ihr auch ein Stand zum Entenfischen, Schiffschaukeln und das Pferdekarussell dabei. Letzteres steht normalerweise nur auf dem Münchner Oktoberfest oder im Tierpark Hellabrunn und ist zum ersten Mal in Franken. Mittlerweile gehört es Florian Lechner aus München. Dessen Großvater hatte vor mehr als 100 Jahren einem Bekannten Geld geliehen, der sich davon das Karussell bauen ließ. Weil er das Geld nicht zurückzahlen konnte, landete das Karussell im Besitz der Firma Lechner.

Norbert Preußner arbeitet schon seit Großvater Lechners Zeiten für die Firma. Auf dem Jahrmarkt in Bad Windsheim sorgt er dafür, dass das Karussell astrein läuft. Alle Pferde sind einzigartig und von Hand geschnitzt. Vor zwei, drei Jahren habe er sie bis aufs Holz händisch abgeschliffen. "Restaurieren muss man immer, wenn man Zeit hat", sagt Preußner.

Früher wurden solche Karusselle durch ein Pferd oder Menschen in Bewegung gesetzt, erst mit der Erfindung der Dampfmaschine kamen elektrisch betriebene auf. "Die Kirmes war immer der Ort, an den man die neusten technischen Erfindungen gebracht hat", sagt Raviol. Sie hat etwas geboten, was es das ganze Jahr nicht gab. Deswegen haben sich die Erwachsenen herausgeputzt und sich bei einem Ritt auf dem Pferdekarussell präsentiert.

Auch das leibliche Wohl kommt nicht zu kurz. Die Reisekonditorei war Pascal Raviols erster eigener Wagen. Hier verkauft er Leckereien wie Zuckerwatte, Popcorn, handgemachte Lebkuchen oder Schokofrüchte. Gegenüber bereitet Lothar Ketterer Waffeln mit frischen Erdbeeren, Kaffee oder Erdbeerbowle zu, alles hausgemacht. Das kommt an. "Das ist auch mit unser Erfolg, dass die Leute wissen: Da kannst du immer hingehen, du kriegst etwas Gutes", sagt Ketterer, der gelernter Koch ist.

Was der Besucher oft nicht sieht, ist die Arbeit, die hinter all dem steckt. Die zwei Euro, die für eine Karussell-Fahrt fällig sind, mögen zwar für den Fahrgast teuer sein, doch für die Betreiber sei das eigentlich zu wenig, sagt Blume. Die Fahrgeschäfte müssen von Angestellten hertransportiert und aufgebaut werden, die Instandhaltung kostet ebenfalls Geld. Hinzu kommen Essens- und etwaige Hotelkosten. Jahrmärkte rechnen sich deshalb für die Betreiber oft nicht. Generell sei besonders die Leidenschaft für diese Art von Leben wichtig – da sind sich alle Teammitglieder einig. Das merkt man: Sie brennen dafür. Ob sie auch im kommenden Jahr wieder in die Kurstadt kommen, wird das Pfingstwochenende zeigen. Oben drauf wird ein Flohzirkus den Jahrmarkt ergänzen. Dann muss das Geschäft laufen – oder fahren, je nachdem. 

ANNA FRANCK

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