Keine Kassierer - und trotzdem verboten

Wirbel um 24-Stunden-Supermarkt in Franken: Gesetz bremst futuristischen Laden aus

Tobi Lang
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Redakteur

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6.4.2022, 15:16 Uhr
Wer in den Pettstädter "Walk-In-Store" will, braucht lediglich eine EC- oder Kreditkarte. 

© Achim Bachhausen/REWE Markt GmbH Wer in den Pettstädter "Walk-In-Store" will, braucht lediglich eine EC- oder Kreditkarte. 

Der Supermarkt der Zukunft hat nicht einmal 40 Quadratmeter Verkaufsfläche. Wahrscheinlich ist schon der Begriff Supermarkt für das, was derzeit im oberfränkischen Pettstadt für Aufregung sorgt, nicht ganz passend.

In dem containerartigen Bau in dem 2000-Einwohner-Ort gibt es zwar 700 Artikel. Frisches Obst, Gemüse, Milch, Tiefkühlprodukte, Getreide. Grundnahrungsmittel eben. Kassierer aber existieren nicht, Kunden können mit EC- oder Kreditkarte alleine in den Laden und nach Lust und Laune einkaufen. Der sogenannte "Walk-In-Store" soll 24 Stunden geöffnet sein, an sieben Tagen in der Woche, ausnahmslos, das zumindest war das in Bayern bislang einzigartige Konzept.

So sieht der Mikroladen von innen aus. Gut 700 Artikel gibt es laut den Betreibern - und das 24 Stunden am Tag. 

So sieht der Mikroladen von innen aus. Gut 700 Artikel gibt es laut den Betreibern - und das 24 Stunden am Tag.  © Achim Bachhausen/REWE Markt GmbH

Zwei fränkische Kaufleute initiierten gemeinsam mit der Handelskette Rewe das Prestigeprojekt, auch, um die Versorgung im ländlichen Raum zu verbessern. Dazu gehört Pettstadt zweifellos. Einen konventionellen Supermarkt gibt es in dem oberfränkischen Ort nicht. Der "Walk-In-Store" sei ein "wichtiges Puzzleteil im Rahmen unserer Weiterentwicklung", sagte der erste Bürgermeister Jochen Hack. "Ich freue mich, dass alle Bürgerinnen und Bürger ihre Grundversorgung jetzt wieder direkt vor Ort und zudem rund um die Uhr vornehmen können."

Das war zumindest der Plan. Doch jetzt gerät das Projekt ins Wanken. Es ist das bayerische Ladenschlussgesetz, das Schreckgespenst aller progressiven Supermarktkonzepte, das den Betreibern in die Quere kommt. Nachdem der "Walk-In-Store" in Pettstadt eröffnet wurde, bekam das zuständige Landratsamt in Bamberg Zweifel an der Rechtmäßigkeit des Konzepts - zumindest, was die Öffnung an Sonn- und Feiertagen angeht.

"Schlimmstenfalls bis hin zum Scheitern des Pilotprojekts"

Man habe die Kaufleute, die den 24-Stunden-Supermarkt betreiben, auf die Gesetzeslage hingewiesen, sagt ein Sprecher des Landratsamtes. "Dies natürlich vor allem auch, um ihn zu schützen." Damit ist der Fall für die Behörde erledigt, vorerst zumindest. Erst dann, wenn es Verstöße gebe, müsse die Verwaltung wieder tätig werden, heißt es. Tatsächlich aber nehmen die Verantwortlichen des "Walk-In-Stores" die Warnung ernst. Der Laden bleibt am Sonntag dicht.

Das sorgt für Ärger, besonders, weil das Konzept gut angenommen wurde. Schon während der ersten Öffnungstage habe man "anhand der Frequenz" sehen können, dass nicht nur Pettstädter in dem 24-Stunden-Laden einkaufen gingen, sagt ein Rewe-Sprecher. "Auch für die Bürger aus den umliegenden Dörfern und Gemeinden stellt die nahkaufBOX die Versorgung mit frischen Lebensmitteln sicher."

Das bayerische Ladenschlussrecht bedroht jetzt aber das gesamte Prestigeprojekt. Der Rewe-Sprecher wird deutlich: "Sollte es bei der Sonntagsschließung bleiben, hätte das unmittelbare Auswirkungen auf das Geschäftskonzept, schlimmstenfalls bis hin zum Scheitern des Pilotprojektes.

Staatsregierung: Bei An- und Abreise zu Läden entsteht Verkehr

Tatsächlich brüstete sich die Staatsregierung noch im vergangenen Sommer mit Fortschrittlichkeit. Um kleine Einzelhändler gegen die Giganten des Internethandels zu stärken, setzte das bayerische Arbeitsministerium einen Rahmenplan für sogenannte digitale Kleinstsupermärkte auf. Währenddessen wildert Amazon anderswo in Europa mit ähnlichen Mikroläden bereits im konventionellen Einzelhandel.

Ohne Verkaufspersonal und bis zu einer Größe von 100 Quadratmetern können "Walk-In-Stores" wie der Pettstädter durchstarten - aber eben nur von Montag bis Samstag. Die Argumentation der Staatsregierung: "Es entstehen rund um den digitalen Kleinstsupermarkt An- und Abfahrtsverkehr und somit unzulässige öffentlich bemerkbare Arbeiten, die geeignet sind, die Sonn- und Feiertagsruhe zu beeinträchtigen."

Die Verantwortlichen ärgert das Theater um den 24-Stunden-Supermarkt. Der "Walk-In-Store" liegt in einem Gewerbegebiet, Anwohner bekommen von dem 40-Quadratmeter-Kubus nichts mit. "Wer bitte stört denn hier die Sonntagsruhe", sagte Wolfgang Sier, einer der beiden Betreiber, der Süddeutschen Zeitung. "Ich bin ja für Mitarbeiterschutz und befürworte sogar den Ladenschluss um 20 Uhr. Aber in dieser Regelung sehe ich keinen Sinn."