Sonntag, 23.02.2020

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"Bescheuerte Idee": Streit um Jagd bei Dunkelheit in Bayern

Der Einsatz von Nachtzieltechnik bei der Pirsch wird kontrovers diskutiert - 21.11.2019 05:53 Uhr

Ein Jäger demonstriert mit seiner Jagdbüchse mit aufwendiger Zieloptik, wie er das Wild ins Visier nimmt. In der Dunkelheit würde Nachtzieltechnik erhebliche Vorteile bieten, ist aber heiß umstritten. © Foto: Nicolas Armer/dpa


Wenn Hilmar Freiherr von Münchhausen über die Jagd in der Nacht spricht, redet er sich schnell in Rage. "Das ist eine völlig bescheuerte Idee und verschärft das Problem des Wildverbisses sogar noch", schimpft der Geschäftsführer der Deutschen Wildtier Stiftung.

Der Einsatz von Nachtzieltechnik ist ein konfliktträchtiges Thema, das unter Waidmännern, Waldbesitzern und Naturschützern zurzeit kontrovers diskutiert wird. Nach der aktuellen Rechtslage macht sich ein Jäger strafbar, wenn er auf Nachtsichtgeräte mit integrierter Zieleinrichtung zurückgreift. Verstöße können mit Bußgeldern oder sogar Freiheitsstrafen belegt werden. Im Bundestag wird nun aber über einen Gesetzentwurf diskutiert, der das waffenrechtliche Verbot von Nachtsichttechnik für Zwecke der Jagd aufheben soll.

"Wald vor Wild" fordern die Grünen

Mit Geräten der neuesten Generation, mit denen Nutzer die Nacht zum Tag machen können, sollen nicht nur die sprunghaft gestiegenen Wildschwein-Bestände in Bayern effizienter als bisher reguliert werden. Inzwischen gibt es Forderungen, die Technik auch für die Jagd auf Rehe und Hirsche zuzulassen. Unter anderem hat Ludwig Hartmann, Fraktionschef der Grünen im Bayerischen Landtag, mit der Forderung nach einer entsprechenden Überarbeitung des bayerischen Jagdgesetzes viel Staub aufgewirbelt.

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Wenn man den Waldumbau ernst nehme, müsse es heißen: Wald vor Wild. Anders werde es nicht funktionieren, erklärte der Grünen-Politiker vor einiger Zeit. "Wir pflanzen 30 Millionen Bäume in den nächsten Jahren, aber ohne konsequente Jagd ist das nur ein gigantisches Wildfütterungsprogramm", spielt Hartmann auf den nach wie vor hohen Wildverbiss in den bayerischen Wäldern an. In vielen Landkreisen des Freistaates bescheinigen die jüngsten Verbissgutachten gravierende Schäden an neu gepflanzten Bäumen, weil Rehe und Hirsche die zarten Triebe anknabbern.

Also müssen nach Hartmanns Ansicht die Wildbestände runter, auch wenn nach Ansicht der Fachleute von der Deutschen Wildtier Stiftung die nächtliche Jagd dabei kontraproduktiv ist. "Der Jäger weiß gar nicht, was er da anrichtet, wenn er das empfindliche Ökosystem Wald in der Nacht stört", sagt Freiherr von Münchhausen. Das Wild, das bereits tagsüber durch Jogger oder Mountainbiker immer wieder aufgeschreckt werde, komme überhaupt nicht mehr zur Ruhe, traue sich kaum noch auf Freiflächen und verbeiße stattdessen noch mehr junge Bäume im geschützteren Gehölz.

 

 

 

"Krieg gegen heimische Wildarten"

Auch der Bayerische Jagdverband (BJV) verurteilt die Forderung, Nachtzieltechnik nicht nur für die Jagd auf Schwarzwild freizugeben. "Mir ist es unverständlich, dass eine Partei, die sich den Einsatz für die Natur auf die Fahnen schreibt, geradezu Krieg führt gegen einige unserer heimischen Wildarten, um einer rein gewinnorientierten, hochintensiven Forstwirtschaft das Wort zu reden", wird der ehemalige BJV-Präsident Jürgen Vocke in einer Pressemitteilung zu dem Thema zitiert.

Bäume mit Verbiss seien kein Problem für den Klimaschutz, denn sie würden keineswegs absterben, sondern munter weiterwachsen. Das Wachstum verlaufe nicht mehr ganz so schnell, und der Baum sei auch stärker verzweigt, doch für den Klimaschutz sei dieser Baum genauso wertvoll. "Verbiss ist kein ökologisches, sondern allein ein wirtschaftliches Problem", heißt es in der Stellungnahme des BJV.

Ralf Straußberger, Wald- und Jagdreferent des Bund Naturschutz (BN) in Bayern, sieht das etwas anders: Gerade in den Zeiten des Klimawandels und des aufgrund der ausgedorrten Böden drohenden Waldsterbens 2.0 müsse großflächig eine naturnahe Waldverjüngung stattfinden, fordert der BN-Funktionär, der sowohl Jäger als auch Waldbesitzer ist.

Das Waldökosystem als Ganzes müsse weiterhin Vorrang haben vor Jagdinteressen, die Bejagung müsse die natürliche Verjüngung der standortgemäßen Baumarten ermöglichen. Aber auch Straußberger hält die Jagd zu nachtschlafender Zeit nicht für ein probates Mittel zur Regulierung der Wildbestände. Naturverträglicher und effizienter ist seiner Ansicht nach die Durchführung von revierübergreifenden Drückjagden, bei dem das Wild von Hunden und Treibern aufgescheucht wird. "Da habe ich einen erheblich größeren Reduktionseffekt als bei der Einzeljagd, bei der ich ein Wildschwein von einer Rotte von 20 oder 30 Tieren erwische", erklärt der BN-Experte. Auch die Reh- und Rotwild-Bestände könnte man mit dieser Art der Jagd besser regulieren, doch die aktuellen Bestimmungen des bayerischen Jagdgesetzes lassen das nicht zu.

Präzisere Abschüsse möglich

Wolfgang Kornder, der Vorsitzende des Ökologischen Jagdvereins Bayern, wiederum steht "ganz klar" zur nächtlichen Jagd mit modernen technischen Hilfsmitteln. "Ich halte den Einsatz von Nachtsicht- und Nachtzieltechnik für völlig unproblematisch und auch tierschutzgerecht", sagt Kornder. Dank der enormen technischen Fortschritte auf diesem Sektor würden aktuelle Zielvorrichtungen auch bei tiefster Dunkelheit präzise Abschüsse ermöglichen, so dass die Tiere nicht leiden müssten.

Die Bedenken, dass die nächtliche Pirsch das Wild zusätzlich aufschrecken würde, kann der Jäger nicht ganz nachvollziehen. "In der freien Natur jagen ja Prädatoren wie der Luchs und der Wolf ebenfalls in der Nacht", argumentiert Kornder. Rehe und andere Wildtiere seien also seit vielen Jahrtausenden gewohnt, dass sie auch in der Dunkelheit nicht sicher seien, und hätten ihr Verhalten daran angepasst.

André Ammer

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