BRK-Pläne: So soll der Rettungsdienst in Zukunft aussehen

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Kilian Trabert

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6.6.2018, 05:55 Uhr
Überstunden und Mehrbelastungen: Das Bayerische Rote Kreuz klagt auf einer Tagung in Nördlingen über wachsenden Druck auf Rettungskräfte.

© Patrick Shaw Überstunden und Mehrbelastungen: Das Bayerische Rote Kreuz klagt auf einer Tagung in Nördlingen über wachsenden Druck auf Rettungskräfte.

Massive Arbeitsbelastung: In Bayern schließen etliche Arztpraxen auf dem Land, Nachwuchs ist kaum in Sicht. Auch viele kleinere Kliniken werden dichtgemacht. Die Leidtragenden sind – neben den Patienten – vor allem die Rettungskräfte, erklärt Leonhard Stärk, Landesgeschäftsführer des BRK. "Wir gehen davon aus, dass all das der Rettungsdienst in Zukunft auffangen soll", empört er sich. "Aber wir können das Gesundheitssystem nicht alleine retten."

Rettungsdienst oft nicht zuständig

Das Problem: Wenn Klinik oder Hausarzt nicht mehr in der Nähe sind, rufen viele Patienten den Rettungsdienst, obwohl der eigentlich gar nicht zuständig ist. "Unsere Kollegen rücken aus, wenn Freitagnachmittag der Fußnagel eingewachsen ist und keine Praxis mehr offen ist", so Stärk. Für diese Fälle sei eigentlich der Notruf der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) zuständig. Dort bekommen Menschen mit Beschwerden einen Arzt im Bereitschaftsdienst vermittelt. Die Notdienst-Nummer 116117 kenne aber kaum jemand.

Eine Unkenntnis, welche die Retter zusehends in Not bringt: "Wir wollen nicht die Letzten in der Kette sein, die immer ran müssen", so der BRK-Landesgeschäftsführer. Das BRK befürchtet, dass die Politik die anfallende Arbeit einfach auf dem Rücken des Rettungsdienstes ablädt. "Wenn diese Belastung nicht signifikant zurückgeht, erwarten wir, dass wir für unsere Maßnahmen zusätzliche Hilfe bekommen", so Stärk. Schon jetzt hätten seine Kollegen einen "Riesenberg an Überstunden" aufgebaut.

Personalmangel: 20 Prozent der Rettungskräfte des BRK waren vor wenigen Jahren Ehrenamtliche. Heute sind es nurnoch 17 Prozent. Für die Experten sind die Gründe klar: Musste man früher in einer Nachtschicht vielleicht nur zu einem Einsatz fahren, seien die Retter heute im Dauerstress. "Wir müssen mit den Arbeitgebern unserer Ehrenamtlichen reden. Nach einem vollen Nachtdienst am nächsten Morgen noch auf die Arbeit zu gehen, kann kein Mensch leisten", so Thomas Stadler, der Abteilungsleiter des Rettungsdienstes in Bayern.

Ehrenamtliche werden vergrault

Die Zeit ist allerdings nur ein Problem: Dadurch, dass der Rettungsdienst mehr und mehr Aufgaben übernehme, vergraule man auf lange Sicht Ehrenamtliche: "Die Kollegen wollen Menschen in Not helfen – und nicht einen Familienstreit klären", erklärt Andreas Estermeier von der Landesgeschäftsstelle des BRK.

Der Verlust von Ehrenamtlichen bedeutet vor allem: Überstunden für alle anderen Kollegen, bis hauptamtliche Kräfte eingestellt und eingearbeitet sind.

Neue Ausbildung und neuer Studiengang: Um den zunehmenden Anforderungen an Retter gerecht zu werden und den Verlust an Ehrenamtlichen aufzufangen, wurde in Nördlingen eine neue Ausbildung geschaffen. Mit der einjährigen Qualifikation zum "technischen Rettungssanitäter" soll der Einstieg in den Rettungsdienst attraktiver werden. Das BRK will damit vor allem Ehrenamtliche ansprechen, die ihre Leidenschaft zum Hauptberuf machen wollen.

Ebenfalls neu eingeführt wird der Studiengang "Pädagogik im Rettungswesen" an der Technischen Hochschule Deggendorf. Mit ihm will der BRK Fachlehrer für die Ausbildungen im Rettungsdienst anwerben.

Angriffe auf Retter: In Nürnberg und München wurden Rettungskräfte in den letzten Wochen Opfer von Gewalt und Aggression. Das sei eine beunruhigende Tendenz, auch wenn die Zahl der gemeldeten Vorfälle pro Jahr mit 150 bei 1,9 Millionen Einsätzen gering sei, so Leonhard Stärk. "Die von einigen geforderten Schutzwesten lehnen wir ab", erklärt er.

Das wäre eine passive Bewaffnung und provoziere potenzielle Angreifer nur. Stattdessen biete man verstärkt Deeskalationsseminare an. Außerdem gebe es zukünftig Trainings mit der Polizei.

Digitalisierung: In Straubing hat das BRK ein neues Projekt gestartet: Ein Notarzt könne sich per Video in den Rettungswagen schalten und eine erste Prognose abgeben, ohne vor Ort zu sein. So könne man entscheiden, ob überhaupt ein Arzt für diesen Einsatz notwendig sei, so Stadler. Um dies dauerhaft einsetzen zu können, müsse allerdings der Mobilfunk in Bayern erheblich verbessert werden. Dies gelte erst recht, wenn künftig auch Operationen via Computer durchgeführt werden sollen.

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