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Camp am Finkenschlag: Eine jüdische Stadt in Fürth

Holocaust-Überlebende lebten in dem Lager für "Displaced Persons" - 31.08.2019 16:00 Uhr

Das Wohnquartier am Finkenschlag heute. Die Gebäude wurden zwischenzeitlich renoviert und sind mit ihren ruhigen Lagen und dem Grün vor der Tür eine begehrte Adresse. © Foto: Roland Huber


"Ich möchte mit meinem Besuch mein Mitgefühl mit den leidenden Massen ausdrücken", zitierte die jüdische Zeitung Undzer Wort den US-amerikanischen Sonderbotschafter Edwin Pauley. Im Auftrag von US-Präsident Harry S. Truman hatte der Diplomat im Sommer 1946 das jüdische Lager im Fürther Ortsteil Finkenschlag besichtigt und kam zu dem Schluss: "Ich bin überzeugt, dass die Mehrheit der Juden nur Palästina als ihre Heimat betrachten. Ich werde alles tun, um den gequälten Menschen dabei bestmöglich zu helfen."

In der unmittelbaren Nachkriegszeit lebten in Franken in speziellen Auffanglagern zirka 16.000 jüdische Heimatlose, sogenannte Displaced Persons (DPs) – entwurzelte, verschleppte Menschen. Die Mehrheit der Holocaust-Überlebenden wartete auf ihre Ausreise nach Palästina, doch der jüdische Staat existierte noch nicht, so mussten die Menschen jahrelang in den "Wartesälen" ausharren. Darunter auch bis zu 800 osteuropäische Juden, die in der von der US-Militärregierung beschlagnahmten Arbeitersiedlung "Eigenes Heim" im Finkenschlag ein vorübergehendes Zuhause gefunden hatten.

Autonome Gemeinschaft

Zwischen 1946 und 1949 entstand in der Mitte von Fürth eine autonome jüdische Gemeinschaft auf Zeit, in der sich die fast vollständig vernichtete jüdische Kultur Osteuropas zaghaft neu entwickeln konnte. Jedes Jahr bestimmten die Bewohner in demokratischen Wahlen ihre politische Führung – das Komitee. Ähnlich wie eine Stadtverwaltung regelten der Vorsitzende und seine Mitarbeiter das Alltagsleben im Camp. Es wurden Volks- und Berufsschulen eingerichtet, das Kulturamt organisierte Konzerte, Theatervorführungen und schuf eine Bibliothek, der Sportverein Makabi Fürth spielte in der jüdischen Fußball-Liga etwa mit Kadima Schwabach, Hapoel Ansbach sowie Hakoach Hof um die Meisterschaft. Für die frommen Juden wurden eine Synagoge, ein Ritualbad, eine koschere Küche und eine Religionsschule eröffnet.

Der Vorsitzende der jüdischen Selbstverwaltung Emil Kroo (2. von rechts) führt den US–Diplomaten Edwin Pauley (3. von links) durch das DP-Camp Finkenschlag. © Repro: jgt-archiv/Kroo


Das Camp Finkenschlag wurde vom Komitee-Vorsitzenden Emil Kroo geführt. Der 1917 im tschechischen Städtchen Munkacs Geborene hatte als Zwangsarbeiter in Ungarn überlebt und konnte sich nach der Befreiung in die jüdischen Auffanglager der US-amerikanischen Besatzungszone Deutschlands flüchten. Auf seine Initiative hin wurde in einer Forchheimer Textilfabrik eine Weberei für die Juden vom Finkenschlag eröffnet.

Rund 60 jüdische Lehrlinge aus dem Fürther Lager erlernten dort das Weberhandwerk. Im Juli 1948 fand im Finkenschlag die feierliche öffentliche Übergabe der Abschlusszeugnisse statt. Daneben wurden im Lager verschiedene handwerkliche Lehrgänge angeboten, etwa für Chauffeure, Näherinnen und Automechaniker.

Mit einer Berufsausbildung erhöhten sich für die jüdischen DPs die Chancen auf eine Einreiseerlaubnis in die klassischen Emigrationsländer. Für nicht wenige begann ein neues Leben in Australien, den USA oder in Kanada. Emil Kroo zog nach Schließung des Camps über einen Zwischenaufenthalt in New York in die kanadische Provinz Quebec, wo er bis zu seinem Tod im September 2013 lebte.

Die Mehrheit der Menschen in den Lagern wollte jedoch nach Israel. Schon kurz bevor der jüdische Staat proklamiert werden sollte, hatten sich viele bei der Jewish Agency für die Übersiedlung ins Gelobte Land registriert. Denn der im Aufbau befindliche Staat Israel stellte für sie die einzige Hoffnung dar in einer Welt, die sie als Hölle erlebt hatten.

Das Camp Finkenschlag war mit einem Zaun umfriedet. Der Zugang erfolgte über ein bewachtes Haupttor. Deutschen war der Zutritt in der Regel verwehrt. © Repro: jgt-archiv/Kroo


Das Camp wurde im Sommer 1949 endgültig aufgelöst und die Häuser an ihre früheren Eigentümer zurückgegeben. Doch nicht alle Bewohner konnten oder wollten Fürth verlassen. "Ein großer Teil der dort wohnenden jüdischen Menschen wurde in unsere Gemeinde übernommen", meldete das Informationsblatt Nachrichten für den jüdischen Bürger Fürths im August 1949.

Da einige Juden auch in Wohnungen außerhalb des Camps untergebracht waren, forderte die deutsche Israelitische Kultusgemeinde die Auswanderer auf, ihre nun freiwerdenden Wohnungen zu melden. "Wir müssen bestrebt sein", hieß es weiter in dem Artikel, "diejenigen Familien, die nur notdürftig untergebracht sind, schnellstens in menschenwürdige Räume unterzubringen."

Zusammen mit den überlebenden oder aus der Emigration zurückgekehrten Juden bildeten die Bewohner vom Finkenschlag die Keimzelle der jüdischen Nachkriegsgemeinde in Fürth.

Mehr Informationen über das DP-Lager Finkenschlag und weitere 28 jüdische Camps in Franken finden Sie im Internetlexikon: http://www.after-the-shoah.org

Jim G. Tobias

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