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"Chicken" fliegt nicht

Ehrenwertpreisträger Jürgen Hähnlein ist Schnaittacher Kulturgut - 29.02.2020 19:25 Uhr

Nicht nur seine Kneipe "Bauernwirt" ist ein Stück Kulturgut in Schnaittach. Sondern auch Wirt Jürgen Hähnlein selbst. Foto: Timo Schickler


„Chickens don‘t fly“ steht auf einem der vielen Poster im „Bauernwirt“ mitten im Zentrum von Schnaittach. Die Kneipe betreibt Jürgen Hähnlein, der schon seit der Schule nur „Chicken“ genannt wird, inzwischen fast drei Jahrzehnte. Gastronom gelernt hat er zwar nie, „aber ich war lange Security — und auch Gast“. Als 1991 der Pächter des urigen Wirtshauses aufgibt, wollen Jürgen Hähnlein und ein paar Freunde das Ende „der letzten Wirtshaus-Bastion“ in Schnaittach nicht hinnehmen, „da muss man was machen“.

Ein Stück Kulturgut in Schnaittach

Sie machen etwas. „Chicken“ und seine Freunde übernehmen die Kneipe. „Erstmal haben wir den Schuppen umgebaut, alle Wände rausgerissen“, erinnert sich der 54-Jährige. Die Theke verlängert Jürgen Hähnlein selbst, ist er doch in der Schreinerei seines Vaters groß geworden und hat dort auch gelernt.

Das Ergebnis seiner Arbeit steht noch heute. Die Kneipe „Zum Bauernwirt“ ist ein Stück Kultur in Schnaittach — und Jürgen Hähnlein ist das Herz und die Seele. Nicht nur in seiner Gastwirtschaft, in der Hausfrauenrunden und Stammtische zu Gast sind, sondern im ganzen Ort.

Holzskier hängen an der Decke

An der Decke im „Bauernwirt“ hängen mehrere alte Holz-Skier. Natürlich. Denn wenn „Chicken“ mal abhebt, dann nur auf der Piste. Mit der Sportbrille auf der Glatze und der Funktionsjacke, auf der das Logo einer Kunstschnee-Firma grün leuchtet, sieht Hähnlein ohnehin aus wie ein Skilehrer. Und genau das ist er auch. Auch noch.

„Ich stand schon in Windeln auf der Skipiste“, sagt Hähnlein. Am Rothenberg, dem Haushang der Schnaittacher, hat „Chicken“ seine Jugend verbracht. Vor 50 Jahren flogen dort wirklich Menschen durch die Luft, dank der Skisprungschanze. Bis zu 9000 Zuschauern kamen zu den Sportveranstaltungen, der damals vier Jahre junge Hähnlein verfolgte das Spektakel sogar vom Turm der Schiedsrichter aus.

Hauptsache Schnee unter den Brettern

Doch auch nach dem letzten Skispringen 1970 ist „Chicken“ ständig am Rothenberg. Sobald der Lift im Winter öffnet, verbringen Hähnlein und die anderen Kinder und Jugendlichen jede freie Minute des Wochenendes in ihren Skischuhen. Wenn er und die anderen Mitglieder des Ski-Club Rothenberg nicht gerade für ihren Verein bei Rennen oder gar einer Meisterschaft teilnehmen. Egal, Hauptsache sie haben Schnee unter den Brettern.

Das hat der Nachwuchs des Skivereins mit immerhin noch 800 Mitgliedern immer seltener. Jürgen Hähnlein weiß das. Als Sportwart alpin des Ski-Clubs ist er es, der den Wintersport dort überhaupt erst ermöglicht. Dafür hat er sein Smartphone immer im Blick. „Ich habe 15 Wetter-Apps“, grinst Hähnlein. Die helfen ihm zu entscheiden, wann er ausrückt. Da genügt nicht nur ein Blick auf die Temperatur. „Wenn es null Grad und 28 Prozent Luftfeuchtigkeit hat, ist das besser als Minusgrade und 98 Prozent“, erklärt er. Ist die Luftfeuchtigkeit zu hoch, kommt aus den Schneekanonen nur Wasser.

Kanonen laufen Tag und Nacht

Stimmen die Bedingungen, rumpelt Hähnlein auch spätabends oder mitten in der Nacht aus dem Bett und zum Hang. Aber nicht nur er, betont „Chicken“, sondern ein ganzes Team, dass er zusammentrommelt. Zusammen werden Tag und Nacht Schneekanonen bedient, die der Verein angeschafft hat, genauso ein Motorschlitten und eine Pistenraupe, mit denen Loipen und Hang präpariert werden.

Am Rothenberg ist „Chicken“ ebenfalls, wenn es nicht schneit. Im Sommer muss hier Gras gemäht, müssen die Maschinen instandgehalten werden. Viel Arbeit, Hähnlein aber stört das nicht. Obwohl er im Winter vielleicht nur eine oder zwei Wochenenden öffnen kann. Für die Kinder im Verein macht er das. Schließlich kommen die dann in Scharen. Und außerdem „ist das der heilige Berg, das ist unser Leben“.

Auch den Badsaal stemmt "Chicken". Foto: Timo Schickler


Jürgen Hähnleins Leben ist noch viel mehr. Die Freiwillige Feuerwehr zum Beispiel, bei der er als Löschmeister anpackt. Keine leichte Aufgabe, viele der über 120 Einsätze führen die Freiwilligen zu Unfällen auf die Autobahn. Das ist gefährlich und oft belastend. „So viele Tote“, sagt Hähnlein nachdenklich. Trotzdem steht er meistens in der ersten Reihe, um Menschen aus Autos zu ziehen. Er schüttelt die Erinnerungen ab. „Du merkst bei sowas, wie gut es dir geht“, sagt er noch.

Seine Laune ist ansteckend

Die Laune lässt sich Jürgen Hähnlein nicht verderben und grinst wie immer breit. Das steckt an, auch seine „Riesenfamilie“, wie er Schnaittach bezeichnet. Die bringt „Chicken“ zusammen, seit er sich um die Veranstaltungen im Badsaal kümmert. Als Saalmanager hilft er bei der Planung der rund 50 Events im Jahr, kümmert sich um die Technik — oder gleich um alles, wenn er selbst zu Mottopartys lädt.

Einen Beruf hat Jürgen Hähnlein übrigens auch, er fährt Lastwagen. Wie er das alles in 24 Stunden packt? „Ich schlafe wenig“, sagt er und grinst wieder. Das nachmittägliche Kaffeetrinken zwischen Fahrersitz, Kneipe und Piste aber ist ihm heilig.

Manchmal fliegt er doch - über die Piste

Bei Vereinskollegen, Wirtshausgästen, Schnaittachern und über den Ort hinaus ist „Chicken“ sehr beliebt, „obwohl er eine direkte Redeweise pflegt“, finden die, die ihn kennen. Er sage halt die Wahrheit, findet Jürgen Hähnlein und zuckt die Achseln. Das Lob lässt ihn nicht abheben. Für ihn ist es das Normalste der Welt, anzupacken.

Wenn der Ski-Club ruft, beispielsweise. Zum 75-Jährigen hat Jürgen Hähnlein ein Rennen organisiert, 980 Meter den Rothenberg hinab, vor 1000 Zuschauern. Am Ende gewinnt: Jürgen Hähnlein. Manchmal fliegt „Chicken“ doch.

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